Malerei : Dünne Haut der Illusion

Räume aus Malerei: Katharina Grosse setzt die Dimension der Temporären Kunsthalle Berlin zu ihrer Arbeit in Bezug.

Christiane Meixner

Mit dem Finger, meint Katharina Grosse, könne man hier durch die Wände stechen. Das ist nicht böse (und nicht ganz ernst) gemeint, auch wenn die Temporäre Kunsthalle tatsächlich kein Haus für die Ewigkeit ist, sondern bloß eine stabile Box auf Zeit. Die Malerin aber möchte auf etwas anderes hinaus: Sie interessiert diese dünne Haut, mit der sich der Kunstraum vom Stadtraum abgrenzt. Eine Differenz, die ihr fragil und überkommen vorkommt – immer schon, weshalb die Hinterfragung solcher Mechanismen zu ihren Prinzipien zählt.

Dass man in der Halle ohne jede architektonische Ouvertüre unmittelbar vor die Kunst gelangt, hat deshalb Folgen für Grosses aktuelle Arbeit. Ihre vier meterhohen Ellipsen lehnen wie abgestellte Konstruktionen an der Wand. Statt einer sorgfältigen Inszenierung suggerieren sie Zufall und Übergang. Dabei sind die imposanten, konvex gebogenen Farbträger alles andere als das Ergebnis willkürlicher Prozesse. Allein die Wahl des Materials und seine malerische Bearbeitung mit Schablonen, Sand und Farbe, die sich zu Räumen schichtet, hat sichtbar Zeit und Kraft gekostet. Und erst die formale Strukturierung jener Flächen, die man selbst bloß aus der Distanz angemessen überblickt. „Shadowbox“ ist das bislang größte Projekt der Künstlerin, die dem eindimensionalen Tafelbild nicht mehr traut und dessen Oberfläche für ihre Farbexperimente längst verlassen hat.

Vor neun Jahren gehörte Katharina Grosse zu den Kandidaten für den erstmals ausgelobten Preis der Nationalgalerie für junge Kunst. Dafür ließ sie eine fast fünf Meter hohe, gezackte Wand im Hamburger Bahnhof errichten, die sie über die gesamte Fläche mit breiten Pinseln und Farbdosen bearbeitete. Zur Verleihung des Fred-Thieler-Preises versah die 1961 Geborene die Fassade der Berlinischen Galerie mit einer Sprayarbeit in Gelb, Grün, Blau und giftigem Pink. Grosses bunte, plastische Objekte sind in privaten wie öffentlichen Sammlungen präsent, und nun inszeniert sie ihre Motive auf riesigen Hartschaumplatten, wo sich verschwommene Farbfelder zu abstrakten Sujets zusammensetzen.

Räume aus Malerei, einer der ältesten Techniken der Kunst. Neben den hochgerüsteten Videos und Installationen, mit denen die Temporäre Kunsthalle ihre ersten beiden Ausstellungen bestritten hat, wirkt sie fast ein bisschen überholt. In der Anschauung demonstriert die Malerin dann allerdings, dass ihre Intervention die bislang beste in der Kiste am Schlossplatz ist, weil Grosse die Dimension der Halle in Bezug zu ihrer Arbeit setzt. Jede der Scheiben ist an anderen Stellen eingeschnitten, ergibt Muster und ovale Öffnungen, durch die man auf die Wand dahinter schaut. Alternativ kann man sich hinter eines der Bilder stellen und das Arrangement aus anderen Perspektiven wahrnehmen.

Grosse lässt dem Betrachter Spielraum, sie lenkt nicht und deutet wenig. Neben den skulpturalen Qualitäten ihrer riesigen Elemente verhandelt sie allerdings auch ein zentrales Thema der Malerei. Die Frage, ob man mit Farbe noch Illusionsräume schaffen kann, die parallel zur Wirklichkeit bestehen. Und wieder bezieht sich Katharina Grosse auf die Unmittelbarkeit der Außenwelt, die in der Kunsthalle spürbar werde. Eine Konkurrenz erkennt sie darin nicht, eher das Potenzial gleichzeitiger Phänomene: „Mein Bildraum ist ein Möglichkeitsraum. Er zeigt, was es auch geben könnte.“

Von Karfreitag an bis 14. Juni, täglich 11 - 18 Uhr, Sa 11 - 21 Uhr. Ostern: 10.,12.,13. April: 11-19 Uhr, 11. April: 11 - 21 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben