Marwan : Marionetten wie du und ich

Marwan malt seit fünfzig Jahren immer wieder dasselbe: Gesichter. Jetzt wird er mit einer Retrospektive geehrt.

Claudia Wahjudi
Marwan
Marwan -Foto: Thilo Rückeis

Und plötzlich ist der Alltag nicht mehr so wichtig. Im Atelier von Marwan schrumpft die Berliner Gegenwart zu einem winzigen Moment im Lauf der Geschichte zusammen, in der syrische Christen Ikonen malten und arabische Handelsmänner bis nach Java segelten. Dabei steht Marwan Kassab-Bachi ganz im Hier und Jetzt. Beim Kaffee kommentiert der Berliner Maler Obamas Nahostpolitik, sein Atelier im Bezirk Pankow riecht nach frischer Ölfarbe. Vor wenigen Tagen, so berichtet er, waren die Kuratorinnen der 11. Istanbul Biennale da, um Arbeiten für ihre Ausstellung im September auszuwählen. Und jetzt hängt er behände ein viele Kilo schweres Großformat an die Haken in der Wand, damit der Besuch es besser sieht. Marwan ist 75 Jahre alt. Doch nur wenige Falten umspielen die Augen hinter einer silbernen Brille.

Zum Treffen im Haus am Waldsee kommt er mit Skizzen in der Hand, dem Grundriss des Ausstellungshauses. In der Zehlendorfer Gartenvilla zeigt Marwan von diesem Wochenende an einen Überblick über sein Werk. Im ersten Stock will er ältere Arbeiten vorstellen, so knapp wie möglich, im Erdgeschoss die neuen. Überraschend ist seine Ausstellung schon jetzt. Kuratorin Katja Blomberg lädt normalerweise jüngere Berliner Künstler ein, Marwans drei Wochen kurze Retrospektive soll jedoch an den im Frühjahr verstorbenen Unternehmer Günter Braun erinnern, der den Künstler wie das Haus lange förderte.

„Für mich repräsentiert Marwan das alte West-Berlin, mit dem Hintergrund des Orients“, sagt Blomberg. Das ist sein Ruf in dieser Stadt. Niemand würde sich wundern, wenn erneut Jörn Merkert zu einer Marwan-Eröffnung spräche, der Direktor der Berlinischen Galerie, ein Experte für die Arbeiten des Künstlers, der sie für sein Museum sammelt. Doch die sind auch oft in Ramallah und Beirut zu sehen, in Birzeit, Damaskus und Amman. Und so ist zur Zehlendorfer Eröffnung am Samstag Catherine David angekündigt, die gestrenge Chefin der Documenta X von 1997 und Fachfrau für Kunst aus dem arabischsprachigen Raum. Eine Pointe, die Marwan verschmitzt lächeln lässt.

Noch stehen die neuen Arbeiten in seinem Atelier, meist große Hochformate mit Gesichtern, die die Rahmen zu sprengen scheinen, melancholische Mienen, mal hell, mal dunkel vor noch dunklerem Grund, viele Männer, einige Frauen, doch eigentlich ist das Geschlecht so egal wie Alter und Milieu. Es geht Marwan um den Einzelnen, der sich aushalten muss. „Der Mensch kann durch Liebe Gott erfahren, doch er bleibt immer allein“, sagt Marwan. Das Auffälligste an den Köpfen sind die Augen. Jeder Augapfel ist leicht versetzt mehrere Male zu sehen, denn unter jedem stecken 40, 50 weitere Augen in den dicken Farbschichten. An seinen Gemälden arbeitet der Künstler mehrere Monate. „Das ist kein Trick“, sagt er. „Ich muss es immer neu malen, dann habe ich die Garantie eines erlebten Bildes.“

Als Marwan 1957 nach Berlin an die Hochschule der Künste kam, galten Abstraktion und Informel als Nonplusultra. Doch sein Lehrer Hann Trier ließ ihm freie Hand. Marwan fand zur menschlichen Figur und gemeinsam mit Georg Baselitz und Eugen Schönebeck zur „Pathetischen Figuration“. Er malte gequälte Kreaturen in einem dunklen Nichts, Menschen, die mit Einsamkeit, sexuellem Verlangen und der Suche nach Erkenntnis kämpfen. Es folgten bewegte Gesichtslandschaften, Stillleben und immer wieder eine Marionette, die grotesk verrenkt die Absurdität des menschlichen Daseins verkörpert. „Diese Bilder können einen sehr berühren, weil sie weltumspannend existenzielle Fragen stellen“, sagt Jörn Merkert. Marwan, ein muslimischer Existenzialist.

Berlin mit seinen Kriegsruinen muss hart gewesen sein für den jungen Mann aus dem jahrtausendealten Damaskus. Reisen in die Heimat waren beschwerlich und die Deutschen mit sich beschäftigt. „Ein Vorurteil, dem ich persönlich ständig begegne, ist der Mangel an Kenntnis anderer Länder“, klagt er. Und er hatte Schuldgefühle, wie viele damals, die sich aus den unabhängig gewordenen Staaten des Südens zum Studium nach Europa aufmachten. Eigentlich müsste man heimkehren, helfen, das Land aufzubauen. Doch ein Freund in Damaskus riet ihm, Syrien aus der Ferne zu unterstützen. Marwan blieb in Berlin.

Heute bringt er deutsche Kunstexperten in seine Heimat. Und von 1998 bis 2004 unterrichtete er in Amman jeden Sommer ehrenamtlich junge Maler aus Syrien, Jordanien und Palästina. Da war er längst Professor: Mehr als zwanzig Jahre lang lehrte er an der Hochschule der Künste. Zu seinen Berliner Studenten zählen Jens Wohlrab, Salah Saouli, Richard Besancon und die Installationskünstlerin Monica Bonvicini. „Obwohl er Malerei unterrichtet hat und ich im dritten Jahr mit dem Malen aufgehört habe, hat er mich in meinen Experimenten und meiner Suche immer unterstützt und gleichzeitig in Ruhe gelassen“, erinnert sich Bonvicini. „Ich habe die Lehre immer sehr ernst genommen“, sagt Marwan. In der arabischen Kultur komme nach Gott die Mutter, nach ihr gleich der Lehrer und dann erst einmal lange niemand mehr. Und da lächelt er wieder so verschmitzt. Marwan ist Vater zweier erwachsener Söhne.

Drei Stunden in seinem Atelier sind vorüber. „Können Sie noch?“, fragt Marwan besorgt. Inzwischen hat er das halbe Studio mit Gemälden voll gestellt. In einem der Kopfbilder schimmert ein helles Grün, im gleichen Ton wie die Blätter der Kletterpflanze vor dem Fenster. Wegen der Glyzinie sei er in dieses Haus gezogen, sagt Marwan. Sie trägt schwere blaue Blütentrauben. Damaskus, sagt Marwan, ist im Frühling voll von ihnen.

„Bis zum Ende offen – Marwan, eine Retrospektive in elf Akten“, Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30 (Zehlendorf), 16. August bis 6. September, tgl. 11–18 Uhr.

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