Matthew Buckingham : Der Überflieger

Video-Reisen: Der Künstler Matthew Buckingham forscht im Hamburger Bahnhof nach Amerikas Wurzeln.

Jens Hinrichsen
Matthew Buckingham
Über den Wolken: Das Filmstill aus Buckinghams Videoarbeit "Everything I need".Foto: Hamburger Bahnhof

BerlinIst das Wetter klar, kann der Blick aus dem Flugzeugfenster Übersicht verschaffen. Aber die Weltentrücktheit birgt auch Tücken, wenn komplexe Wirklichkeiten zur 3-D-Landkarte schrumpfen. Weiß der Überflieger nichts über die Länder und Menschen da unten, sieht er im Grunde gar nichts. Nur gewaltige Rätselmuster aus Stadt, Land, Fluss.

Matthew Buckingham hat den Hudson River aus der Helikopterperspektive gefilmt, in rosa eingetönten Bildern. Gleichmütig tastet die Kamera zersiedelte Uferzonen ab, gleitet flussaufwärts von Manhattan bis nach Sleepy Hollow, dann retour. Ein langweiliger Flug – mit Hintergedanken. Denn die kritische Bestandsaufnahme steckt in der Tonspur dieser Filminstallation, im Off-Kommentar.

Der 1963 geborene US-amerikanische Künstler erzählt im Werkraum des Hamburger Bahnhofs (wahre) Geschichten und reflektiert die Mängel der Erzählweisen mit, wechselt die Perspektiven, hinterfragt historische Klischees. Buckingham fächert seine Erzählungen derart auf, dass sie sich dem eiligen Konsum entziehen. Die halbstündige Arbeit „Muhheakantuck – Everything Has a Name“ verweist auf den indianischen Namen des Hudson River und rollt die blutige Kolonisationsgeschichte der Region auf. Nur ein Beispiel dafür, wie sich in Buckinghams Videos und Bild-Text-Collagen historiografische Akribie mit ausufernder Erzähllust vermengt.

Jedes Ding hat einen Namen. Oder mehrere. Die Macht gewinnt derjenige, der den offiziellen Namen festlegt. So wurde aus den „Black Hills“ der Sioux im heutigen South Dakota der „Mount Rushmore“. Buckingham präsentiert die Geschichte des Bergmassivs als Schautafel. Und lässt die „Time Line“ in die Zukunft ragen. Am Ende der Zeitschiene, im Jahr 502002, werden die in den Fels gemeißelten Präsidentengesichter verschwunden sein, behauptet eine Fotomontage. Der Granit ist beständig, die Namen doch wohl eher Schall und Rauch.

Zu den Ankäufen zeitgenössischer Kunst durch die Nationalgalerie gehört Buckinghams Video-Paraphrase einer Kurzgeschichte von Herman Melville, die 2006 für die Biennale in Liverpool entstand. „Daniel Orme“, Melvilles pensionierter Seemann, der sich an Land zurechtfinden muss, wird von Buckingham ins heutige Liverpool transportiert. Ein weißhaariger Alter schlurft ziellos durch die Stadt, vorbei an pittoresker Altstadt und Hightech-Hafenanlagen, die längst vom globalen Handel geprägt sind. Für das halbstündige Kinostück trockener Melancholie nehmen die Zuschauer auf einem wellenartigen Riesenmöbel Platz. Auf der Schräge rutscht man leicht ab. Eine Unbequemlichkeit, die mit dem Leinwandgeschehen korrespondiert.

Wie die Gedanken ins Rollen kommen, simuliert Buckinghams jüngste Videoarbeit „Everything I need“, die auf den Memoiren der jüdischen Ärztin Charlotte Wolff (1897–1986) basiert. Sie lebte bis 1933 in Berlin, wurde von den Nazis nach London vertrieben. Mittels Buchzitaten zeichnet Buckingham Wolffs „Unsentimental Journey“ nach, ihre Rückkehr ins Berlin des Jahres 1978 – und Wolffs Schwanken zwischen Hoffnung und Zweifel: „In welchem Deutschland werde ich ankommen?“ Eine zweite Projektion konfrontiert die geschriebenen Texte mit Bildern aus einer leeren Siebzigerjahre-Passagiermaschine. Diesmal schaut Buckinghams Kamera überhaupt nicht aus dem Fenster – und öffnet gerade darum Perspektiven auf biografische, blühende Gedankenlandschaften.

Hamburger Bahnhof, bis 19. August, Di-Fr 10-18, Sa 11-20, So 11-18 Uhr

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