Minimalismus : Eine Frage der Anschauung

So simpel und dabei doch so komplex: Ceal Floyers minimalistische Arbeiten in den Berliner Kunstwerken.

Christiane Meixner

Die Show, das ist der große Auftritt. So wie in Ceal Floyers Arbeit „Double Act“ (2006), wo der rote Vorhang im Scheinwerferlicht glänzt und sich Erwartung in die Stille des Raumes mischt. Doch der Star ist längst da: Im Licht strahlt der Vorhang, den es gar nicht gibt, weil Floyer ihn mithilfe zweier vor den Scheinwerfer gespannten Folien auf die Wand projiziert.

So simpel und dabei doch so komplex. Denn die Abhängigkeit dieser optischen Illusion von ihren Requisiten illustriert wunderbar, was ein „Double Act“ sonst auf der Bühne meint. Zwei Schauspieler, die gegensätzliche Charaktere verkörpern und sich im Zusammenspiel verstärken. Ohne den einen reduziert sich die Wirkung des anderen, seine Aktionen laufen ins Leere. Wie bei einem Schattenboxer. In ihren stillgelegten Szenen wirft Ceal Floyer genau diese Situation an die Wand.

Fast immer genügt der Künstlerin, die am legendären Londoner Goldsmiths College studierte und seit einem Stipendium am Künstlerhaus Bethanien 1997 in Berlin lebt, ein Bild, um auf den Punkt zu kommen. So wie 1997 im Hamburger Bahnhof. Als eine von vier Nominierten für den Preis der Nationalgalerie arrangierte sie Lautsprecher zu einer Treppe ins Nichts, auf der man dennoch Schritte hörte – und gewann. Die leuchtende Wand von „Double Act“ ist für die 1968 in Pakistan geborenen Britin fast schon spektakulär. Wer nun in den Kunstwerken davor steht, der hat das Entree ihrer ersten großen Einzelausstellung vielleicht schon übersehen: „Picture Puzzle“ lehnt an der Kasse so unauffällig neben anderen Publikationen, dass man meinen könnte, die Kunstwerke hätten jetzt auch Rätselhefte im Angebot.

Tatsächlich geht es Floyer um das Spiel der Verdopplung. Die Bilderrätsel in den Magazinen fordern dazu auf, vermeintlich identische Fotos nach Unterschieden zu durchsuchen. Die Künstlerin hat zwei dieser Hefte nebeneinander arrangiert und fordert zum Vergleichen auf. Und wirklich unterscheiden sich die Titel voneinander, weil jemand die Preisschilder von Hand und somit nicht exakt an denselben Stellen aufgeklebt hat. Der feine Unterschied mag absichtslos entstanden sein. Dennoch wiederholt er auf eigenartig poetische Weise, was Floyer in jeder ihrer Arbeiten formuliert: dass man ein Ding genau und stets wie zum ersten Mal anschauen muss, um neue Perspektiven, bestenfalls Einsichten zu gewinnen.

Darin ähnelt ihre Strategie der von Marcel Duchamp. Im ersten Stock der Kunstwerke erinnert man sich an sein Ready- made „Flaschentrockner“ von 1914. Dort hat Floyer einen leeren Postkartenständer in den Raum gerollt hat. Doch während Duchamp auf dem banalen Charakter seiner Fundstücke bestand, überhöht die Künstlerin das Objekt mit einem Titel von Pink Floyd: „Wish you where here“.

Das ist so sentimental wie minimalistisch, humorvoll und voller subtiler Querverweise. Auch wenn manche Arbeiten lapidar wirken, setzen sie präzise Zeichen. Floyer sucht nach den passenden Worten und Gegenständen. Bis sie das Konzentrat einer Idee liefern kann. So bieten die leeren Fächer Platz für Postkarten im Hoch- und Querformat. Zwei Maße, mit denen die Malerei seit Jahrhunderten ihre Sujets definiert – hoch für Porträts, quer für Landschaften. Und obwohl sich Floyer von Farbe und Pinsel verabschiedet hat, scheint in solchen Momenten die ganze schöpferische Fülle der Kunst wieder auf.

Wie sehr die Fantasie gefordert ist, demonstriert auch die Arbeit „Monochrome Till Receipt“ (2009). Sie besteht aus einem Kassenbon, an dem sich ein Einkauf ablesen lässt. Darunter Kerzen, Rettich, Tortenspitzen, Vollmilch. Dass alle diese Waren weiß sind, merkt man erst nach einer Weile. Dann aber türmt sich vor dem geistigen Auge eine Skulptur aus Alltagsdingen auf. Für jeden eine andere und so individuell wie die Schriftproben in der obersten Etage der Kunstwerke, wo Floyer mit der geradezu opulenten Arbeit „Works on Paper“ (2009) überrascht. Über 1000 kleine Zettel kleben an den Wänden, tragen Notizen wie „Hochzeit“ oder „Ich liebe dich“. Die Notizen stammen aus Schreibwarenabteilungen, die Künstlerin hat monatelang gesammelt. Ihre Botschaften vermitteln sie ähnlich unaufgeregt wie die übrigen, großenteils neuen Arbeiten. So wird aus der „Show“, wie sie der Titel der Schau verspricht, ein verheißungsvolles „show me“.

Kunstwerke, Auguststr. 69, bis 18. Oktober, Di-So 12-19, Do 12-21 Uhr.

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