Monique Burger : Spuren im Bett

Seit den neunziger Jahren sammelt Monique Burger wichtige Kunst – und zeigt sie erstmals in Berlin.

Christiane Meixner

Es rumpelt, wenn man in den Hof der Zimmerstraßen-Galerien fährt. Ein bisschen nur, so dass die schwere Bronzeskulptur von Fiete Stolte leicht zu ignorieren ist. Der Berliner Künstler hat allerdings auch viel getan, um seine Arbeit möglichst unauffällig zu gestalten: Vorbild war die eigene Matratze. Ein orthopädisches Modell, in das sich seine Körperspuren gebettet haben. Die Abformung aus Bronze ist nun in den Asphalt eingelassen, und nur wer aufmerksam hinschaut, sieht die weichen Abdrücke der Nacht im Tageslicht.

Die Außenarbeit ist ein Neuzugang der Burger Collection und charakteristisch für die Sammlung. Seit den neunziger Jahren kauft Monique Burger Kunst auf internationalem Niveau. Die über 1000 Arbeiten sind auf einer Website präsent, von Beginn an zählte ihr Verleih an Museen zum Konzept. Doch nun erst wird sichtbar, was die Headhunterin aus der Schweiz zusammengetragen hat: In den ehemaligen Räumen der Galerie Arndt und Partner sind seit heute Werke u. a. von Fiona Banner, Olaf Metzel, Wim Delvoye, Mathilde ter Heijne sowie Markus Muntean und Adi Rosenblum zu sehen.

Die Spur von draußen, Stoltes leiser Auftakt, setzt sich auf den zwei Etagen fort. Mit Metzels „Votivtafel“, auf der die Namen diverser Idole durcheinanderpurzeln. Mit einer aus unzähligen Fotografien montierten Gestalt von Gwon Osang, die nur auf einem Auge sehen kann. Oder der Skulptur „Tel Aviv Man IX“ von Jaume Plensa, einem Torso aus Buchstaben, der daran erinnert, dass erst die Sprache das Subjekt erschafft. Der „Subjektivität“ ist folgerichtig jener erste Teil der Sichtbarwerdung gewidmet, die Monique Burger noch über den Globus ausdehnt. Dass sie ausgerechnet Berlin zum Ort ihres Debüts macht, bevor sie weitere Ausstellungen in Mumbai, Brüssel und ihrem Wohnort Hongkong eröffnen wird, zeigt sie als kluge Strategin: Wo das Art Forum Berlin in wenigen Wochen unter neuer Leitung eröffnet, schaut die Kunstwelt schon jetzt neugierig hin.

Auch sonst hat Burger nichts dem Zufall überlassen. Die Räume der Galerie, aus der einige Werke der Sammlung stammen, wurden so umgestaltet, dass wenig an die vorangegangen Ausstellungen erinnert. Und mit Daniel Kurjakovic hat sie einen Kurator verpflichtet, den Beständen thematische Ordnung zu geben. Seine Interpretation wie auch die Zusammenstellung läuft mit Künstlern wie Norbert Bisky, Sabine Hornig oder Julian Rosefeldt fast auf ein Heimspiel hinaus. Er bildet den europäischen Part der Sammlung ab und streut Zeichnungen etwa der indischen Künstlerin Nalini Malani ein. Doch auch ihr monumentaler Zyklus zum Körper und seinen inneren Funktionen fügt sich perfekt in die von Lacan und Foucault geprägten Gedankenspiele über Innenansichten jeglicher Art.

Kurjakovic testet seinerseits die künstlerischen Grenzen aus und stellt eines der von Wim Delvoy tätowierten Schweine neben die ephemeren Skizzen von Douglas Kolk. Hier die Zeichen auf der echten, konservierten Tierhaut, dort die überbordende Brutalität an menschlichen Figuren, die Kolk aber so flüchtig zeichnet, dass sie einen kaum berühren: Die Welt scheint auf den Kopf gestellt und mit ihr alle Wahrheiten, denen man für gewöhnlich vertraut.

Auf charmante Weise liefert der Kurator gleich ein Psychogramm der Sammlung und damit ihrer Urheberin. Tatsächlich setzt Monique Burger auf Kunst, die „das Verdrängte sichtbar macht“ und liebgewordene Gewissheiten infrage stellt. Mit Künstlern, bei denen sich die Sammlerin mit solchen Fragen aufgehoben fühlt, arbeitet sie konsequent zusammen. Unabhängig davon, ob es sich um etablierte Namen oder Newcomer wie Fiete Stolte handelt, der seine Bronzeskulptur mithilfe der Burger Collection verwirklicht hat. Nach der Ausstellung wird sie aus dem Asphalt geborgen und in die Sammlung übergehen. Doch selbst dann erzählt die leere Stelle in der Hofdurchfahrt von einer Arbeit, die verschwunden ist. Auch das: ein Zwischenraum.

Burger Collection, Zimmerstr. 90–91; bis 13. Dezember, Fr u. Sa 12–18 Uhr. Katalog 30 €.

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