Monströse Skulptur : Ephraim-Palais zeigt die Mauer in der Kunst

Wenn es in Berlin eine Ausstellungsinstitution gibt, die sich mit 20 Jahren Mauerfall beschäftigen sollte, dann ist es wohl die Stiftung Stadtmuseum. Doch wie ein Alleinstellungsmerkmal finden bei den vielen Präsentationen aus Anlass des Jubiläums?

Nicola Kuhn

  Das Museum hat sich entschieden, das Ereignis aus der Perspektive der Kunst zu betrachten, was kaum überrascht. Und doch wird durch die Fokussierung der Gemälde, Fotografien, Radierungen auf dieses Motiv eine eigene Sicht freigelegt, die sich von den dokumentarischen Aufnahmen unterscheidet. Die Mauer und ihr Fall werden in emotionale Eindrücke umgesetzt. Stärker lässt sich dies kaum darstellen als in den Aktionen etwa der polnischen Performancekünstlerin Ewa Partum, die sich 1984 nackt und damit schutzlos vor dem Betonbrocken fotografieren ließ. Kain Karawahn überzog die Mauer im gleichen Jahr mit einem Feuerstrahl und erfuhr erwartungsgemäß, dass Stein nicht brennt. Beide Aktionen waren natürlich nur auf der Westseite möglich.

Der Ausstellungsauftakt aber gehört den Künstlern aus Ost und West gemeinsam und ihrer Freude über den Fall des „bolschewistischen Bollwerks“. Es ist das schwächste Segment der Schau: banal das Jubelbild von Sabine Franek, in dem das Brandenburger Tor, ein gedeckter Tisch, ein Händchen haltendes Paar durcheinanderwirbeln, betulich das gemalte Feuerwerk von Harald Metzkes, das er in der Silvesternacht von seinem Atelier aus erlebte, geradezu simpel Hans Scheibs schwarz-rot-gelb bemalte Holzskulptur, die den Riesenschädel Helmut Kohls mit dem Fähnchen schwenkenden Männlein Lothar de Maiziere auf den Schultern Hans-Dietrich Genschers vereint. Die bildenden Künstler taten sich schwer damit, die aktuellen politischen Ereignisse in ihre Sprache zu übersetzen.

Zwar haben Rainer Fetting und G. L. Gabriel zu hohen Zeiten der Neuen Wilden in den achtziger Jahren großartige Mauerbilder gemalt, ihre Kreuzberger Ateliers lagen im Schatten dieses Monuments des Kalten Krieges, aber das eigentliche Medium für dieses architektonischen Ungetüm war im Westen die Fotografie, im Osten die Grafik. Geradezu komisch die Aufnahmen von Bernhard Schönherr, der die Trivialität des West-Berliner Alltags im Schatten der Mauer porträtierte, die mal als Torwand, mal als ruhiges Plätzchen für die Autowäsche diente. Ergreifend die Radierungen von Annemirl Bauer, die auf der anderen Seite unter den Repressionen des DDR-Regimes litt und das gleiche Motiv immer wieder als surrealistisches, alles erdrückendes Signum darstellte. Der Japaner Shinkichi Tajiri, der in den Siebzigern als Gastprofessor an der Universität der Künste Bildhauerei lehrte, stieg mit der British Army gar in die Lüfte und filmte 21 Minuten lang auf einem der täglichen Kontrollflüge den „antifaschistischen Schutzwall“ von oben als monströse Skulptur.

Die Mauer ist längst Geschichte; das Faszinosum, die Sogkraft selbst der Leerstelle spricht bereits aus den Fotografien, die kurz nach ihrem Fall entstanden. Marcus Kaiser nutzte die von den Mauerspechten geschlagenen Löcher als Camera Obscura. Wie aus einem fernen Nebelland tauchen die Gebäude Ost-Berlins vor dieser Linse auf. Noch weiß keiner so recht, was ihn von der anderen Seite erwartet. Den Verlust von Berlins größter, schrecklichster Sehenswürdigkeit dokumentierte Martin Kaltwasser, indem er die überflüssig gewordenen Aussichtsplattformen aufnahm. Seine stoischen Bilder ähneln der berühmten Becher-Serie nur noch nutzlos im Ruhrgebiet herumstehender Fördertürme. Angesichts der verlorenen Mauerpodeste will jedoch keine rechte Sentimentalität aufkommen.

Vera Lichtenberg nahm es mit Humor. Bevor das Lenin-Denkmal auf dem Platz der Vereinten Nationen abgerissen wurde, schickte sie den steinernen Koloss bereits per Fotomontage fort. In „Lenin geht“ ist die Skulptur selbstständig von seinem Podest gestiegen. Die Mauer selbst reizte nicht zum Scherz, weder die Künstler in West noch in Ost.

Ephraim-Palais, Poststr. 16, bis 7. 2.

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