Montezuma-Schau in London : Er, der spricht

Gewählt und entmachtet: Das British Museum in London beendet seine Herrscher-Reihe mit einer Ausstellung über Montezuma.

Christina Tilmann

Das Chaos war groß. Vier Herrscher im Umfeld des Tetzcoco-Sees, ein jeder stand seinem Stamm vor und leitete seine Macht von Herkunft und Religion ab. Doch in dem Maße, in dem die Städte wuchsen, aufeinanderzuwuchsen, ineinanderwuchsen, wurde das Vier-Herrscher-System unpraktikabel. 1325 entschloss man sich, einen einzigen Tlatoani zu wählen, einen Herrscher mit dem Titel „Er, der spricht“. Demokratisch gewählt von einem Ältestenrat, regierte er wie ein Gott: unnahbar, unberührbar. Er lebte allein in seinem luxuriösen Palast, speiste allein, vor allem Schokolade, seine Untertanen mussten barfuß vor ihm erscheinen, durften ihm bei der Audienz nicht ins Gesicht sehen und ihn erst recht nicht berühren. Als Hernán Cortés, der spanische Eroberer, den neunten Tlatoani Montezuma zur Begrüßung umarmte, war das mehr als ein Fauxpas: Es war ein Sakrileg. Montezuma hätte ahnen können, was folgt.

Montezuma, der legendäre Aztekenherrscher: Mit ihm beendet das British Museum seine Ausstellungsreihe zum Thema Herrscherfiguren. Der erste Kaiser von China mit seiner Terracotta-Armee, Hadrian, der spätrömische Eroberungskaiser, Schah Abbas, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Persien herrschte, und nun Montezuma, der unglückliche Aztekenherrscher: Sie alle standen auf ihre Weise für Expansion, Machterhalt, Pracht und Untergang, für eine verlorene Kultur, aber auch für Zeiten- und Epochenumbrüche. Verfeinerte Lebenskulturen und brutale Eroberungspolitik, kulturelle Abkapselung und missionarischer Weltherrscheranspruch, religiöse Überhöhung oder Naivität, die der Konfrontation mit anderen Kulturen nicht gewachsen war – um solche Fragen ging es immer, und speziell im Fall von Montezuma, der mit seiner Unterwerfungsgeste gegenüber Hernán Cortés den Untergang des Aztekenreichs einleitet. Sieger der Geschichte sehen anders aus.

Aber Vorsicht. Von der Bezeichnung Azteken will man in London nun Abstand nehmen, ebenso von der anglisierten, verfälschenden Schreibweise Montezuma. Moctezuma heißt es nun, politisch korrekt, in Anpassung an die übliche spanische Schreibweise, und die Kultur, der dieser Moctezuma am Tetzcoco-See, auf dem Gebiet der heutigen Millionenkapitale Mexico Stadt angehörte, sei korrekterweise die Kultur der Mexika, heißt es von Seiten der Ausstellungsmacher. Jener Volksgruppe, die sich im 11. Jahrhundert von der legendären Aztekenstadt Aztlan aus aufmachte und schließlich am Tetzcoco-See eine neue Stadt gründete, Tenochtitlan. Der Name Azteken, unter dem seitdem jene im 16. Jahrhundert durch die Spanier zerstörte Kultur firmiert, sei erst im 19. Jahrhundert in die Wissenschaft eingeführt worden, ausgerechnet durch Alexander von Humboldt. Eine kleine Spitze gegen die Kollegen?

Erst vor fünf Jahren hatte die benachbarte Royal Academy eine große Azteken-Ausstellung veranstaltet, die auch in Berlin und Bonn zu sehen war. Doch auch im Untertitel der jetzigen Ausstellung heißt es noch immer „Actec Ruler“.

Das Londoner Unterfangen trägt seine Widersprüche in sich. Nicht im Blick der Nachwelt will man Montezuma zeigen, die ihn wahlweise als edlen Wilden oder als Verräter und Loser überlieferte, sondern aus seiner eigenen Lebenswelt, seiner eigenen Kultur heraus. Eine Biografie, nach vorne gedacht, als Entwicklung aus der Linie der vorangegangenen Herrscher, und nicht im Rückblick, als Untergangs- und Verfallsgeschichte. Das Problem ist nur: Die Spanier, die Montezuma erst gefangenennahmen und dann sein Reich brutal zerstörten, haben ganze Arbeit geleistet. Kaum schriftliche Quellen sind überliefert aus der Zeit vor ihrem Einfall, alles ist entweder die spanische Perspektive, aus der ebenso fasziniert von schier unendlichen Reichtümern wie abgestoßen von blutigen Menschenopfern berichtet wird. Oder es ist die mühsame Rekonstruktion späterer Generationen, die – unter Mithilfe noch überlebender Einwohner – versuchten, ein Bild der untergegangenen Kultur zu entwerfen, Missverständnisse und Fehlinterpretationen eingeschlossen.

Die Anlage der Stadt Tenochtitlán als ebenmäßiges Quadrat, von Kanälen in vier Stadtteile unterteilt und im Zentrum der Tempelbezirk, das ist ebenso stilisierte Rekonstruktion wie die Karten von Montezumas Palästen, Zoos und Gärten, die sich in spanischen Kodizes finden. Erst seit 1978 beginnt man im Zentrum von Mexico City gezielt nach den Überresten der Aztekenmetropole zu suchen. Im Bereich des „Templo Major“ sind dabei überraschende Funde zutage gekommen.

So sind es hauptsächlich die Artefakte, die ein Bild vom damaligen Leben vermitteln – als Leihgaben aus Mexiko, aber auch aus Berlin und Paris und aus eigenen Beständen im British Museum sind großartige Stücke zu sehen. Der Kalenderstein, der die beiden parallel gültigen aztekischen Kalender zeigt, den Ritualkalender und den Sonnenkalender, die sich nur alle 52 Jahre einmal kreuzen und damit ein neues „aztekisches Jahrhundert“ einläuten. Oder der Krönungsstein von Montezuma, auf dem sich auch dessen persönliche Hieroglyphe findet, ein Diadem, eine Haarlocke, ein Ohrring und eine Nase – mit diesem Kennzeichen bezeichnet der Herrscher seine Ritualwerkzeuge.

Überhaupt ist der Drang, Datum, Ort und Urheber zu notieren, auf vielen Skulpturen erkennbar – die Azteken- Kultur hat Wert auf Überlieferung gelegt. Die kostbaren Goldarbeiten, die farbenfrohen Federschilde und türkisen Masken: Die Azteken waren fasziniert von der Farbe Grün – vielleicht die Folge des Lebens auf einer Insel im See und der ständigen Abhängigkeit von Regen und Wetter. Hungersnöte, Dürreperioden, der Zorn der Götter, und der sorgenvolle Blick zum Gipfel der Vulkanberge Popocatepetl und Iztaccihuatl, von wo Sturm und Regen kommen, das bestimmt das Leben in Tenochtitlán. Man hatte die Zeit in fünf Perioden eingeteilt, deren erste vier, die den Elementen entsprechen, schon beendet waren – durch Regen, Hurrikan, Überschwemmung und eine Jaguarplage. Für die fünfte Periode waren Erdbeben vorausgesagt. Stattdessen kamen die Spanier.

Böse Omen hatten Montezuma gewarnt, ein Adler mit einem Spiegel als Auge, ein zweiköpfiger Mann, ein brennender Tempel. Der Herrscher interpretierte falsch, er erwartete die Wiederkehr der Götter – und konnte den spanischen Kriegern, die er in seine Stadt aufgenommen hatte, nichts mehr entgegensetzen. Gefangen, wahrscheinlich gefoltert und gedemütigt, wies er bei seinem letzten Auftritt auf dem Balkon seines Palasts sein Volk an, doch bitte ruhig zu bleiben. Das Volk antwortete mit Steinwürfen, Montezuma zog sich getroffen zurück, starb kurze Zeit später.

An der Folge eines Steinwurfs? Das ist noch immer die offizielle Lesart der Wissenschaft. Doch längst häufen sich Stimmen, die annehmen, er sei stattdessen von den Spaniern ermordet worden, weil er ihnen nicht mehr nützen konnte. Illustrationen, die einen gefangenen, bedrohten, ermordeten Krieger zeigen, ja Schilderungen in zeitgenössischen Überlieferungen lassen auch diese Interpretation zu. Abgesetzt durch den Volkszorn? Hingerichtet von den Eroberern? Das so reglementierungswütige Aztekenreich mit seinen exakten Wahl- und Herrschaftsritualen endet im Unklaren, im Dunkeln. Die Eroberer bringen das Chaos zurück.

Moctezuma. British Museum London, bis 24. Jan. 2010, Katalog 25 Pfund, Informationen unter www.britishmuseum.org und unter www.visitlondon.com

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