Museen : Im Zeichen der Schlange

Besuchermassen, Internet und freier Eintritt: Wie sich die Museen fürs 21. Jahrhundert wappnen. Was in europäischen Großstädten zur Normalität gehört, ist in Berlin noch Zukunftsmusik. Rekordzahlen und Publikumserfolge können aber auch gefährlich sein.

Nicola Kuhn
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Besucher warten im Louvre in Paris. -Foto: imago

Wie wurde I. M. Pei wegen seiner Pyramide attackiert – ein Sakrileg im historischen Hof des Louvre! Am Scheitelpunkt der Zweiflügelanlage hatte der Architekt sein gläsernes Gehäuse platziert, von dem aus das Weltmuseum wie von Zauberhand seine Besuchermassen hinab ins Basement kanalisiert. Heute, knapp 20 Jahre später, ist diese geniale Wegführung längst akzeptiert und vielerorts kopiert. In Berlin aber wird ein Architekt angegriffen, wenn er das Entree eines klassischen Museums in einer modernen Formensprache konzipiert, wie es David Chipperfield mit seinem Eingangsgebäude für die Museumsinsel widerfährt. Und in London wurde Daniel Libeskinds Erweiterungsentwurf für das Victoria & Albert-Museum erst gar nicht realisiert, weil sich die konservative Nachbarschaft mit den neuen Linien nicht anzufreunden vermochte.

Und doch ist auch über I. M. Peis futuristisch anmutende Pyramide die Zeit hinweggegangen. Sie funktioniert nicht mehr, denn die Besucherströme sind seitdem um ein Vielfaches angeschwollen. Wo sich einst das Publikum in kürzester Zeit in die Ausstellungssäle verteilte, staut es sich heute erneut. Vor den berühmten Rolltreppen bilden sich Schlangen. Mit 10 Millionen Besuchern kommt selbst ein Pei nicht mehr klar. Sein Bau war für maximal die Hälfte konzipiert. Nach dem Projet Grand Louvre ist nun das Projet Pyramide an der Reihe.

Aus gutem Grund fand die erste internationale Konferenz zum Thema Besucherfreundlichkeit also im Louvre statt – nachdem sich die 400 Teilnehmer mühsam mit allen anderen Museumsbesuchern durch das gläserne Entree der Pyramide gequetscht hatten. Bei den Referenten aus Paris, Berlin, Madrid, Washington, London, Amsterdam war die Verunsicherung über die wachsenden Besucherzahlen förmlich zu spüren. Wohin wird es für die Museen gehen, wenn weitere Scharen aus entfernteren Kontinenten kommen, aus Afrika, Indien und China? Mit welcher Art Publikum sieht sich die Institution konfrontiert: dem bildungsbeflissenen Kenner oder dem weniger kenntnisreichen Cityhopper? Darin sind sich die Kuratoren einig, dass alle gleichermaßen willkommen sind, wenn sich auch der Schwerpunkt zum Edutainment (Education plus Entertainment) verschiebt.

Die Pariser Soziologin Charlotte LaChapelle sagt es klipp und klar: Was die Museen heute an staatlicher Unterstützung verlieren, soll der Tourismus wieder hereinspielen. Henriette Zougheni, Gastgeberin der Konferenz und Präsidentin des Regionalkomitees für Tourismus Ile-deFrance, wendete diese bittere Erkenntnis ins Positive: Der Tourismus kann sich heute nur noch mit Hilfe der Kultur weiterentwickeln; das Gleiche gilt umgekehrt. Das Branding der Städte geschieht über kulturelle Ziele. Billigflüge haben zu globaler Erreichbarkeit geführt. Mancher Ausstellungserfolg dürfte deshalb auch mit dem Kerosinpreis zusammenhängen.

Was in Paris, London, Washington zur täglichen Praxis gehört – allein den Eiffelturm (sieben Mio.) und den Tower of London (zwei Mio.) besteigt jährlich ein Millionenpublikum, das Washingtoner Luftfahrtmuseum empfängt Tag für Tag 60 000 Gäste –, scheint in Berlin weit enfernt. Erst langsam richtet man sich auch hier auf Zeitfenstertickets ein wie bei der gerade eröffneten Babylon-Schau im Pergamon-Museum, das als meistgefragtes Haus in Berlin auch noch die Besucher der Sonderausstellung zu bewältigen hat. Ein eigens errichteter Kubus vor dem ansonsten viel zu schmalen Empfang soll den ersten Ansturm der 300 000, wenn nicht 500 000 erhofften Gäste aufnehmen.

Rekordzahlen und Publikumserfolge aber können auch gefährlich sein. „Seit der MoMA-Ausstellung 2004 in der Neuen Nationalgalerie werden wir jedes Mal gefragt: Und wie viel verdient ihr mit dieser Ausstellung?“, klagt Matthias Henkel, Chef der Öffentlichkeitsarbeit der Berliner Museen, auf dem Louvre-Podium. „Der Druck wächst. Mit einem Minimum an Wissenschaft müssen wir ein Maximum erwirtschaften.“

Ob es daher kommt, dass Berlin bei der Qualitätsstudie, die anlässlich der Pariser Konferenz in Auftrag gegeben worden war, nicht sonderlich gut dasteht? Als Stärken wurden Infotafeln zu Bauarbeiten und Informationen zum Fehlen bestimmter Werke genannt, mithin Verweise auf wenig erfreuliche Defizite. Als Schwächen führen die Testbesucher den Empfang am Telefon, das Leitsystem und das Management der Wartezeiten an. Berlin zum Trost wird dies allerdings auch in Amsterdam, London, Madrid, New York, Paris, Rom und Washington moniert.

Weit mehr als diese Mängel, an denen sich die Besucherfreundlichkeit ablesen lässt, treibt die Museumsleute die Frage nach den Eintrittspreisen um. Zumal in Paris, wo gerade an sechs Häusern mit kostenlosen Tickets experimentiert wird. Der Ärger ist vorprogrammiert, denn trotz höherer Besucherfrequenz wurden die Einrichtungen weder technisch noch personell besser ausgestattet. Dennoch engagiert sich eine Tourismusmanagerin wie Henriette Zougheni mit dem leidenschaftlichen Ethos einer gelernten Bibliothekarin für unbeschränkte Zugänglichkeit, etwa in den Louvre, einer Gründung der französischen Revolution: „Das nationale Erbe gehört der Stadt und ihren Bewohnern. Alle Menschen sollten Zugang zur Geschichte, zur universalen Kultur erhalten.“

Dem hält Matthias Henkel die 20 Millionen Euro Einnahmen an Eintrittsgeldern bei den Berliner Museen entgegen (bei einem Gesamtetat von 256 Millionen Euro). „Wir brauchen das Geld für die Programmarbeit“, erklärt er. Außerdem: Ein Obolus steigert die Wertschätzung gegenüber den Museen. Auch der Vertreter des Prado winkt ab. In Madrid habe man angesichts der sich prompt einstellenden Massen kapituliert und den freien Eintritt auf die Abendstunden reduziert. In Amsterdam, berichtet Axel Rüger vom van Gogh-Museum, wo sich 80 Prozent der Besucher aus dem Ausland rekrutieren und nur 20 Prozent aus Holland stammen, habe die Debatte zu der gefährlich nationalistischen Frage geführt: Warum sollen holländische Steuerzahler den Tourismus finanzieren?

Ressentiments dieser Art gibt es im Reisebusiness, im Kulturgewerbe angesichts einer globalisierten Welt eher selten. Im melting pot London, wo die Einwohnerschaft in sechzig Sprachen miteinander kommuniziert, käme niemand auf die Idee, nach den ethnischen Wurzeln der Besucher zu fragen. Für das British Museum gewinnt daher der Internet-Auftritt Bedeutung. 15 Millionen Nutzer im vergangenen Jahr stellen potenzielle Besucher dar. Die Hoffnung wächst, dass sich über die website des Museums das Publikum auf den Besuch auch inhaltlich vorbereiten lässt. Mit dem Boom wächst ebenso die Zahl der Erstbesucher. Noch sind es beim Louvre nur drei Prozent, was jedoch 250 000 Menschen entspricht.

Ob Stammgast oder Neuling, für jeden Museumsgast zählt der Empfang. Ob Pyramide, Kubus oder Kuppelbau, spielt dann keine Rolle mehr. Die moderne Architektur ist dafür das richtige Instrument, wie sich selbst in Berlin besichtigen lässt. Zum Beispiel beim DHM: Das Deutsche Historische Museum hat bereits seinen I. M. Pei aus Glas und Stahl mit Rolltreppen. Warteschlangen sind dort – leider – eher selten.

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