Museum auf Zeit : Saure Hunde

Der Sammler Reinhard Onnasch zeigt in seinem Berliner Showroom Klassiker der Gegenwart.

Jens Hinrichsen

Der Sammler grübelt. Nein, sagt Reinhard Onnasch, ihm falle gerade nicht ein, welches Bild von Peter Halley er zuerst gekauft habe. Es ist ja auch eine ganze Menge der großformatigen Farbfeldmalereien zusammengekommen. „Sechs bis acht Bilder malt Halley pro Jahr“, erzählt Onnasch. Alle acht, die ihm gehören, stellt er zurzeit in seinem Showroom „El Sourdog Hex“ aus.

Saure Hunde? Der kryptische Name des Museums auf Zeit stammt vom Fluxuskünstler George Brecht. Mit ihm hat Onnasch sein mit 18 Ausstellungen minutiös geplantes Programm im Januar 2007 eröffnet. Vernissagen finden nicht statt, und auch den Mann hinter der Institution sucht man auf der Homepage vergeblich: Reinhard Onnasch ist das Gegenteil eines geltungssüchtigen Sammlers. Er muss sich nicht in der Zeitung sehen. „Wenn Sie über mich schreiben wollen, dann bitte ohne Bild.“ Das Gespräch verdankt sich einem zufälligen Zusammentreffen – ein Fluxus-Interview, sozusagen.

Früher hat der 1939 geborene Onnasch sein Geld mit Immobilien und nebenher mit Kunst verdient. Seine erste Galerie eröffnete er 1969 am Kurfürstendamm, 1971 verlagerte er seine Aktivitäten nach Köln und gründete 1973 eine New Yorker Dependance. Zwei Jahre später machte er die Galerien wieder zu. „Ich bin ein sprunghafter Mensch“, meint Onnasch, „meine Sammlung ist von Kontrasten geprägt. Ich war nie daran interessiert, bestimmte Künstler mit kunsttheoretischem Weitblick durchzusetzen. Meine Künstlerfreunde haben nicht allzu sehr von mir profitiert.“ Dennoch kann Onnasch sein Privatmuseum mit erstrangigen Werken bestücken. Namen wie Jason Rhoades, Roberto Matta und Claes Oldenburg standen bereits auf der Liste. Selbst überrascht war der Sammler über den Publikumszuspruch im Fall von unterschätzen Künstlern wie Erwin Heerich oder Michael Heizer. Gerade in diesen Fällen ist Onnaschs Credo, die Öffentlichkeit an ungewöhnliche Kunst heranzuführen, aufgegangen.

Jetzt fällt ihm sein erstes Halley-Bild ein. Onnasch geleitet den Besucher in den Lichthof des Showrooms, wo „Total Recall“ von 1990 hängt. Wie alle Gemälde Halleys ist das Beinahe-Quadrat aus zwei Leinwänden zusammengesetzt. Vor rosarotem Fond prangt eine hellgrüne Fläche mit Raufaserstruktur. Wie bei einem Computerchip, nur grob stilisiert, leiten „Drähte“ oder Wege den Blick vom Zentrum aus dem Bild und wieder hinein. „Sie sehen diese einzelnen Zellen mit verschiedenfarbigen Fluchtwegen auf den meisten Halley-Bildern“, erklärt Onnasch. Die Farbe variiert stark. Auf dem Bild „Site“ (1995) sind es metallicgraue und graue Töne mit wenigen gelben und violetten Streifen. Himmelblau, Erdbeerrot, Orange und Azurblau stoßen im Gemälde „Station“ (1992) aneinander. Hier ist der den Bildraum belebende „Push and Pull Effect“ am deutlichsten ausgeprägt, der sich auch bei Pionieren der Abstraktion wie Josef Albers oder Hans Hofmann beobachten lässt.

Mit Halley stellt Reinhard Onnasch den bislang letzten Maler aus, dessen Werk ihn gereizt hat. „Was zurzeit gemalt wird, finde ich weniger spannend“, gibt er zu. Mit Installationskunst von Howard Kanovitz und Keith Sonnier setzt er sein alle sechs Wochen wechselndes Ausstellungsprogramm fort, bis Edward Kienholz’ Environment „Roxy’s“ den Schlusspunkt setzt. Eine Nachbildung des gleichnamigen Wüstenbordells bei Las Vegas und eines der Hauptwerke in Onnaschs Sammlung. Dann, nach drei Jahren „Sourdog“, sollen die Räume anders genutzt werden, obwohl Onnasch sie für fünf Jahre gemietet hat. „Ich setze mir eben gern Ziele“, sagt der Sammler mit Blick auf das Finale im Dezember und fügt sybillinisch hinzu: „Man muss seine Ziele ja nicht unbedingt einhalten!“ Jens Hinrichsen

El Sourdog Hex, Zimmerstr. 77; bis 27. Juni, Di-Sa von 11-18 Uhr.

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