Ostpunk-Ausstellung : Renitenz in Elbflorenz

Eine Ausstellung über Punk in der DDR ist bis Mitte Oktober in Dresden zu sehen. Kommende Woche läuft auch der Dokumentarfilm "Ostpunk! too much future" an.

Tino Moritz[ddp]
Ostpunk
In der Dresdner Ausstellung "Too much Future - Punk in der DDR". -Foto: ddp

DresdenWas Punk in Dresden heute bedeuten würde? Der Berliner Ausstellungskurator und Drehbuchautor Henryk Gericke kennt die Antwort: Wegen des Streits um den Bau einer neuen Elbbrücke und der damit drohenden Aberkennung des Gütesiegels Weltkulturerbe "müsste sich eine Dresdner Punkband eigentlich Unesco nennen".

Gericke ist vom Fach, er darf solche Scherze machen. Anfang der 80er Jahre war er Sänger der Punkband "the Leistungsleichen". Jetzt ist er Kurator der Ausstellung "too much future - Punk in der DDR", die zwei Jahre nach ihrer ersten Präsentation in Berlin in abgewandelter Form von Samstag bis zum 14. Oktober in Dresden gezeigt wird. Sein Freund und Kurator-Kollege Michael "Pankow" Boehlke, wie Gericke 1964 in Berlin geboren und als Frontmann von "Planlos" ebenso in der Punkszene ein Begriff, nannte es am Freitag "bizarr", dass die Schau nun ausgerechnet in Dresden gelandet ist.

"Innenstadtverbot" für Punks

Nicht nur, dass die Stadt im Unterschied zu Leipzig und Berlin nie zu den Zentren der DDR-Punkbewegung in den 80er Jahren zählte - in Dresden machte die Staatsmacht nach Recherchen der Ausstellungsmacher auch besonders rigoros von ihrer Erfindung eines "Innenstadtverbotes" für Punks Gebrauch. Weil der Ort schon zu DDR-Zeiten als "Perle des Barock" diente, musste es die Subkultur Punk hier nicht nur mit der Diktatur, sondern auch mit der Hochkultur aufnehmen. Sie tat es mit Bands, die "Zwitschermaschine" oder "Paranoia" hießen.

Zusammengetragen wurde die Geschichte der Dresdner "Panker", wie die DDR-Staatssicherheit schrieb, von einem Team um Heike Löffler. Die Projektleiterin der neuen Ausstellung, in der historische Musikaufnahmen, Super-8-Filme, Stasi-Dokumente, Liedtexte, Bilder und großformatige Fotografien präsentiert werden, verantwortet parallel dazu auch ein Heft unter dem Titel "Renitenz in Elbflorenz", in dem die Protagonisten von einst bereitwillig Auskunft über ihr Leben als Punks geben. Löffler selbst schreibt in dem Heft, das Projekt sei "getragen vom Respekt gegenüber denen, die Mut zum Widerspruch, zum Anderssein wag(t)en".

Umstrittenes Filmprojekt

Den Respekt sollte es eigentlich nur auf der Leinwand geben. Ursprünglich hatten Gericke und Boehlke vor Jahren einen Film über "Punk in der DDR" drehen wollen, die Berliner Schau war nur nebenbei entstanden. Tatsächlich kommt der Dokumentarfilm "Ostpunk! too much future" nun erst zur Dresdner Ausstellung am kommenden Donnerstag in die Kinos. Erzählt wird die Geschichte von sechs einstigen Punks aus Berlin, Leipzig und Dresden.

Die früheren Punks trügen noch immer eine gewisse Unruhe, Radikalität oder Skepsis gegenüber der Politik in sich, sagt Boehlke. Er schrieb neben Gericke das Drehbuch zum Film und führte gemeinsam mit Carsten Fiebeler Regie. Boehlke weiß, dass das ganze Projekt "too much future" unter den Freunden und Bekannten von damals nicht nur Beifall fand. Manche der Punks wollten nicht mehr an die frühere Zeit erinnert werden, andere gar nichts mehr mit dem Osten zu tun haben, wieder andere nicht mehr an die Stasi denken müssen.

Verstreute Stasi-Dokumente

"In fast jeder Band hatte die Stasi jemanden dabei", erinnert sich Boehlke, der selbst nur knapp einer Gefängnisstrafe entkam, nachdem er mit RAF-Emblem und T-Shirt-Spruch "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht" in Karl-Marx-Stadt aufgetreten war.

Für die Stasi-Problematik ist in der Dresdner Ausstellung eine andere Lösung gefunden worden als 2005 in Berlin. Hatten sich dort noch Besucher in einem eigenen Bereich in die Stasi-Dokumente vertiefen können, so liegen die Papiere nun zwar auch aus - aber durcheinander auf dem Boden. Besucher, die wollten, könnten sich einen Packen mitnehmen, dann gebe es neue Kopien, sagt Gericke. "Oder sie können einfach drauftreten."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben