Performancekunst : Ich weiß, dass du denkst

Drei Berliner Galerien zeigen aktuell Performancekunst. Wie verkaufen sich die flüchtigen Arbeiten?

Thea Herold

Ein Mann nimmt zwei Stühle und stellt sie in der Galerie so pointiert gegenüber, dass daraus ein „chair piece“ wird. Dazu kommt ein hoher Stapel mit Lektüre, die eine nicht unerhebliche Nebenrolle spielt. Von Zeit zu Zeit setzt sich der Künstler Benoît Maire nun auf einen Stuhl und bittet Galeriebesucher, auf der anderen Seite Platz zu nehmen. So sitzen zwei da – schweigen. Sehen sich an – schauen. Und während des stillen Betrachtens zeichnet der Künstler vom Gegenüber ein Porträt. Zügig, völlig frei, ohne den Blick abzuwenden. Er skizziert eine Blindzeichnung mit Bleistift auf eine völlig beliebige Seite des Buches, in dem es in jedem Fall um Medusa geht. Zuletzt reißt er die Skizze heraus.

Eine Aktion, die in ihrer protokollarischen Nüchternheit „drawing attention“ heißt und an verflossene Großtaten alter Happening-Aktionisten erinnert. Aber nur auf den ersten Blick. Denn die Art der Ausführung ist heute anders, direkter. Sie kommt beiläufiger herüber, aber dennoch schnell auf den Punkt.

Erleben wir ein Revival der Performance? Lässt sich auf dem Kunstmarkt etwas verkaufen, das im Preisraster der Galeristen noch nie zu skalieren war? Das nicht. Aber es findet sich wieder mehr Raum dafür. Bei Benoît Maire erfolgt seine Anlehnung an die Aktionskunst als bewusstes, performatives Zitat. Er inszeniert bei Croy Nielsen (Hedemannstr. 14, bis 13.6.) eine Remineszenz, die unterschiedliche Kapitel der Kunstgeschichte zu einem höchst subjektiven Muster verbindet. Es geht um den Blick, Anblick, Gegenblick, um Vor- oder Rückschau – um die Rolle des Betrachteten und des Betrachters. Das reflektiert sich symbolträchtig in seinen verschiedenen Arbeiten wie Medea-Plastik, Perseus-Bild, Zitaten von Beckett, Wischspuren und den Wortintarsien des Künstlers selbst. Maire geht bei allem einer Frage nach: der Wahrnehmung der Wahrnehmung. Sie zieht sich als roter Faden durch die Fotos, Collagen, Zeichnungen und steckt selbst in den Siebdrucken, die bei aller Aufladung flach bleiben. Aber seine couragierten Stühle als „pieces“ machen das wieder wett.

Für die Rätsel und Zauber einer nach Kunst forschenden Aktion – bei der eher das Gefühl findet und nur die Ratio sucht – ist Alison Knowles heute längst nicht nur in Amerika bekannt. In ihren „Event Threads“ verbindet sie seit Jahrzehnten in spielerischer Leichtigkeit Aktion, Artefakt und Ritual. Darin steckt die Lust am Wandeln und Verwandeln ebenso wie ihre Ode an die sinnliche Wahrnehmung buchstäblicher Nebensachen, die bei ihr zu Hauptakteuren wunderbarer Geschichten werden. Zusammen mit Dick Higgins gehörte Knowles in den sechziger Jahren zum Urgestein der New Yorker Happening-Szene. Bis heute ist sie als Grandma of Fluxus aktiv und mit ihrer subtilen Kunst auf den großen Bühnen der zeitgenössischen Kunstszene unterwegs. Zuletzt mit „Make a Salad“ in der Londoner Tate und mit ihrem legendären „Bohnenkonzert“ im Guggenheim.

Auch als sie Ende April in Berlin performte, zog in der Galerie Stella A. (Gipsstr. 4, bis 30.5.) zur Vernissage ein, was man sonst zur Eröffnung selten mitbringt: wache Stille. Ohne jeden Zweifel am Konzentrationswillen der Menge führte Knowles ihren Mitaktionisten Alan Bowman an ihren Fundstücken vorbei. Eine Lesung. Ein Erlebnis.Unverkäuflich. Nüchtern betrachtet sind Knowles Stücke mit ihrer spielerisch-starken Substanz bis heute relativ preiswert, eine kleine Box mit Bohnen kostet als Edition gar bloß 30 Euro. Nur „Rake from a Rake’s Progress“, dieser zeitlos-verrostete Rechen, bleibt als objet trouvé im Besitz der Künstlerin. Seine Magie gäbe sich ohnehin nicht weiter.

So bleiben Handlung und Artefakt, Wahrnehmungen und Repräsentation meist zwei Seiten der Medaille. Bloß bei Barbara Wien bildet diese Dualität das Fundament der Galerie. Die Regale voller Monografien, mit Editionen und Dokumentationen von und über Aktionskünstler, Happening-Heros und Fluxus-Leute haben längst Bibliotheks- und Archivqualitäten erreicht. Für Wien führt auch in der Galerie aus gutem Grund der Weg über die Bücher zur Kunst. Denn ihre Kunst lässt sich nur langsam verkaufen. Doch Balance funktioniert. So ist in der aktuellen Ausstellung von Isa Melsheimer (Linienstr. 158, bis 4.7.) eine 22 Meter lange „Wand“ zu erleben. Eine konsequente Installation mit subtil performativer Wucht, die jedoch nur ortsgebunden wirkt. Zum Mitnehmen gibt es ergänzende Text-Tücher (um 4500 €), hintergründige Gouachen (1000 €) und ganz wunderbar ins Objekthafte transformierte Kleider (4000 €)! Auch hier: moderate Preise, denn überlebt hat Wiens Buchladen und Galerie vor allem durch die resolut nachhaltige Repräsentation ihrer Kunst. Internationaler Erfolg der Arbeiten von Tomas Schmit oder Jimmie Durham stehen ebenso dafür wie Isa Melsheimer, Nina Canell oder Haegue Yang, die bei der kommenden Biennale in Venedig den koreanischen Pavillon bespielt.

Heißt das nun, dass konzentrierte Formulierung von physischen oder psychischen Erfahrungen mittels Aktionskunst am Ende ein gesuchter Handelsgegenstand für den Kunstmarkt wird? Kaum. Dafür ist diese Kunstsprache heute ebenso wenig gedacht wie vor vierzig Jahren. In ihren besten Beispielen aber formuliert sich Welterleben und Erlebnisfähigkeit dicht und unmittelbar. Es ist ephemerer, kreativer Rohstoff, der sich schwer beziffern lässt und für Geschäft nie wirklich taugt.

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