Peter Herrmann : Ein Königreich für Ahnen

Auch wenn die zeitgenössische Malerei den Kunstmarkt derzeit wie kein anderes Medium beherrscht – es gibt viele andere Kunstformen, in die Sammler ihr Geld und ihre Leidenschaft investieren. Der Galerist Peter Herrmann hat sich auf alte und zeitgenössische Kunst aus Afrika spezialisiert

Christiane Meixner
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Zwanzig Jahre Tradition. Peter Herrmann kam in den Achtzigern über mehrere Afrika-Aufenthalte zu seinem Gebiet. Foto: Mike Wolff

An der Wand über dem Stuhl hängt eine Fotoarbeit von George Osodi. Darunter, auf dem Sideboard am vollen Schreibtisch, steht eine imposante Nagelfigur aus dem Kongo, die Peter Herrmann auf Anfang des 19. Jahrhunderts datiert und einen „Traum von Skulptur“ nennt. Der schlafende Mann auf dem Moped und die machtvolle historische Gestalt aus Holz, Glas und spitzen Metallstücken: So wie hier im Büro kommen die beiden Schwerpunkte im Programm der Berliner Galerie selten zusammen. Peter Herrmann trennt streng zwischen der alten afrikanischen Kunst und jener aktuellen Szene von Künstlern, die er mit Chérie Samba, Goddy Leye oder George Osodi ebenfalls vertritt. Was sie dennoch vereint, ist die Vermittlungsarbeit, die der Galerist leisten muss.

Das mag im ersten Moment erstaunen. Hat nicht Okwui Enwezor auf der von ihm verantworteten Documenta 11 für heftiges Interesse am afrikanischen Kontinent gesorgt? Herrmann kann das nicht bestätigen. Die Zahl der Anfragen und Käufe sei nach dem Ende der Großausstellung in Kassel 2002 kaum angewachsen. Der Fokus, vermutet er, habe wohl eher auf dem gebürtigen Nigerianer selbst gelegen. „Außerdem war die Kunst dieser Documenta nach den zahllosen Diskussionsforen furchtbar verkopft“, murmelt er noch.

Doch auch der Galerist wirkt nicht auf den Mund gefallen. Sein Wissen über Ostafrika, über die dortigen Hochkulturen und Geschichte antiker Bronzen aus Ife und Benin ist enorm. Eine Idee davon liefert die Websites der Galerie, auf denen Herrmann die inzwischen zwanzigjährige Geschichte seiner händlerischen Tätigkeit dokumentiert. Und gleich dazu seine streitbare Seite, weil ihn die Haltung der Ethnologen zum künstlerischen Wert vor allem der Benin-Bronzen regelmäßig zum Schäumen bringt. „Eine neue Herangehensweise an alte Kunst aus Afrika“, nichts weniger fordert Herrmann. Dazu gehöre auch der kritische Umgang mit europäischen Museumsschätzen, die im Zuge einer britischen Militärexpansion 1897 hierhin gelangten und auf diversen Auktionen an Museen und private Sammler verkauft worden seien.

Bis heute, kritisiert Herrmann, reklamiere dieser Fundus einen Alleinanspruch auf Authentizität – was immer sonst im Handel sei, werde kritisch beäugt und schlimmstenfalls diffamiert. Er selbst ist als Künstler über mehrere Afrika-Aufenthalte in den achtziger Jahren zu den historischen Schätzen des Kontinents gekommen. Aus dieser Zeit stammen auch die ältesten Stücke seiner Galerie, die er teils verkauft, teils ergänzend in den Ausstellungen zeigt. „Es lässt sich sowieso nicht trennen“, meint Herrmann – diesmal aus der Perspektive des Sammlers. „Aber manche Stücke mache ich dann halt so teuer, dass sie niemand kauft.“

Ein finanzielles Wagnis, denn der feste Kreis von Interessenten lässt sich ohnehin leicht überschauen, gerade in Berlin. Seit dem Umzug der Galerie von Stuttgart an die Spree 2001 sei in der Hauptstadt kein spezialisierter Sammler als Kunde hinzugekommen, meint Herrmann. Was nun wiederum ihn erstaunt, weil es gleich zwei verbindende Details zwischen den Kulturen gibt. Da ist das Standardwerk zur Benin-Kultur, verfasst von Felix von Luschan: Der Ethnologe war bis 1911 Direktor der Afrika- und Ozeanienabteilung am Könglichen Museum für Völkerkunde in Berlin.

Darüber hinaus verfügt das heutige Ethnologische Museum über einige hervorragende Stücke aus dem alten Königreich, an denen sich der ästhetische Blick problemlos schulen ließe. Die klaren Gesichtszüge, ihre feinen Details und der virtuose Umgang mit dem Material, dünnen Bronzegüssen über einem gebrannten Kern, machen die Objekte aus Ife und Benin zu kleinen Wunderwerken.

Ähnlich wie Anfang des 20. Jahrhunderts, als die europäische Avantgarde die afrikanische Kunst für sich entdeckte und sie Maler wie Braque oder Picasso in ihre Arbeit einfließen ließen, begeistert das Angebot von Peter Herrmann auch heute vor allem Sammler von Zeitgenössischem. Ein Ahnenfigur der Urhobo vor einem Gemälde von Georg Baselitz. Ein Perlenstuhl aus Kamerun mit Leopardenmotiv neben jenen europäischen „Design- klassikern“, die Tobias Rehberger aus dem Gedächtnis und mithilfe von Skizzen am selben Ort von Handwerkern nachbauen ließ – das hat schon etwas. Für die besten Stücke muss man allerdings tief in die Taschen greifen. Kleinere Objekte aus Holz oder Bronze gibt es zwar schon für ein paar hundert Euro. Die antiken Objekte, denen Expertisen im Einzelfall sogar ein Alter von über 900 Jahren attestieren, kosten allerdings bis zu 1,2 Millionen Euro.

Ungleich preiswerter ist da die Kunst der Gegenwart. Eine Fotoarbeit von George Osodi, der 2007 auf der jüngsten Documenta 12 zu sehen war, kostet 5000 Euro, Leinwände mit handgeschöpftem Papier von Bill Kouélany sind für 3000 Euro zu erwerben. Das Vierfache kostet eine kleine Mauerinstallation der kongolesischen Künstlerin, die mit einer weit größeren und dennoch ähnlichen Arbeit ebenfalls in Kassel vertreten war. Frei Haus gibt es auch hier die leidenshaftlichen Plädoyers des Galeristen für eine Kunst, die für viele immer noch Exotenstatus besitzt. „Ich merke das an den Fragen“, meint Herrmann und weist auf die neuen Gemälde von Chéri Samba die Teil der momentanen Ausstellung „Portraits“ sind. Samba zählt zu den etablierten Malern seiner Generation. Die poppig bunten, dabei reduzierten Bildergeschichten sind gefragt und in der Kunstwelt verankert. Samba hat schließlich mit Größen wie Martin Kippenberger zusammengearbeitet, seine Bilder waren in der Sammlung des Ausnahmekünstlers vertreten. Das adelt. Für die anderen gibt es einen wie Peter Herrmann.

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