Pietzsch-Sammlung : Das Privatleben der Bilder

Reich und begehrt: Die Surrealisten-Sammlung Pietzsch in der Neuen Nationalgalerie und die Zukunft der Berliner Museen.

Nicola Kuhn
Pietzsch
Die Kunstsammler Ulla und Heiner Pietzsch posieren in Berlin in der Neuen Nationalgalerie vor dem Bild "Massaker" von Andre Masson...Foto: ddp

Der Blick durch das Schlüsselloch – das war einmal. Vom heutigen Freitag an bekommt alle Welt zu sehen, was sich dahinter verbarg. Die Neue Nationalgalerie zeigt 200 Kunstwerke der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch, die bisher nur den Gästen des Paares in seinem Dahlemer Haus oder den Besuchern der ersten Ausstellung in Dresden bekannt war. Der Bilderschatz war die längste Zeit eine Privatangelegenheit. Das Ausstellungsplakat spielt mit diesem Motiv, indem es den Schattenriss eines Schlüssellochs zeigt, hinter dem ein Magritte, Miró, Max Ernst gerade noch zu erkennen sind. Doch keine Angst. Schamhafte Reue wird es nicht geben.

Auch für das Sammlerpaar nicht, das lange Zeit gezögert hatte, die in vierzig Jahren zusammengetragenen Werke im Allerheiligsten der Klassischen Moderne, der Neue Nationalgalerie, zu zeigen. „Ach, jetzt kommt der auch noch“, war die von Heiner Pietzsch befürchtete Reaktion, denn in Berlin waren in den letzten Jahren die Privatsammler wie nirgendwo sonst aktiv, schufen sich eigene Schauräume oder kooperierten mit den Staatlichen Museen. Unter Generaldirektor Peter-Klaus Schuster wurde die Akquise ganzer Kollektionen zum Prinzip, die wie Berggruen, Flick oder Scharf-Gerstenberg sogar eigene Quartiere bekamen.

Die Sammlung Pietzsch legt spektakulär offen, wo eine Lücke klafft: bei den Surrealisten und abstrakten Expressionisten. „Bilderträume“ ist die Ausstellung überschrieben, nicht allein weil die Surrealisten Traumbilder malten. Und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hängt ihren eigenen Bilderträumen nach, auch dem Traum vom Besitz dieser Kollektion. Das Sammlerpaar, hoch in seinen Siebzigern, gäbe seine Schätze gerne, nur nicht für’s Depot. Und da wird die Ausstellung kulturpolitisch bedeutsam.

Plötzlich gewinnt der Umzug der Gemäldegalerie auf die Museumsinsel an Brisanz, wodurch das Kulturforum allein für das 20. Jahrhundert reserviert wäre. Die Sammlung der Neuen Nationalgalerie hätte dann im freigewordenen Bau der Alten Meister Platz, und auch für die Sammlung Pietzsch gäbe es genügend Raum. Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen, will bei der Ausstellungseröffnung zwar keine Zusagen machen, aber er gesteht den „Jammer“ ein, dass ein Museumsstandort gleich neben einem der pulsierendsten Plätze Berlins so wenig Aufmerksamkeit genießt. Ein Haus der klassischen Moderne in der ehemaligen Gemäldegalerie – mit dem Mies-van-der-Rohe-Bau für Wechselausstellungen nebenan – stehe ganz oben auf seiner Agenda.

Mit der Sammlung Pietzsch wird ein gewaltiger Bilderschatz gehoben und nun allenthalben bekannt, also muss gehandelt werden. Denn auch Dresden, woher Heiner Pietzsch stammt, steht für eine Übernahme der Sammlung bereit. Am liebsten würde der Sammler sein Vermächtnis in Berlin wissen, wo er als Baustoffhändler die wirtschaftliche Grundlage für seine Sammlung schuf und vor dreißig Jahren den Verein der Freunde der Nationalgalerie mitbegründete, deren Kassenwart er bis in die Neunziger war. Das verbindet.

Auch der neue Nationalgaleriedirektor Udo Kittelmann wirbt für den Verbleib, indem er in der Neuen Nationalgalerie eine traumschöne Ausstellung einrichten ließ, die der privaten Liebhaberei museale Größe verleiht. Erstmals wird unter Kittelmann das Untergeschoss bespielt und damit ein Neubeginn markiert. Wo dem Besucher bislang alle Richtungen geöffnet waren, erhält er nun einen festen Parcours, der ihn durch die Ausstellung führt. Glaswände gleich hinter dem zentralen Ausstellungsentree sperren den einstigen Durchgang nach links und rechts ab. Stattdessen öffnen sich geheimnisvoll spiegelnde Einblicke in die Säle dahinter, ähnlich den surrealistischen Ausflügen in eine zweite Wirklichkeit.

Ganz offensichtlich gebietet hier eine streng gestaltende Hand. Davon zeugt schon der erste große Saal, der dem Zentralgestirn Max Ernst gewidmet ist, dem das Sammlerehepaar 1972 in Hannover persönlich begegnete. Der Ausstellungsarchitekt Meyer Voggenreiter hat im Entree rundum ein dunkel-hölzernes Band angebracht, auf dem die Gemälde hängen: „Der Kopf des ,Hausengels‘“ von 1925 oder das „Gemälde für junge Leute“, in dem Ernst 1942 alle seine Techniken anwendet. Hier gehört der größte Auftritt dem „Capricorne“. In der Sammlung Pietzsch befinden sich Fragmente der originalen Skulptur, die Max Ernst 1948 für seinen Landsitz in Arizona aus Alltagsobjekten zusammensetzte. Die Nationalgalerie besitzt den Gipsabguss und eine Bronze dieses Figurenensembles, so dass sich eine surreale Steigerung, die Verdreifachung der rätselhaften Skulptur, ergibt.

Die Vermischung mit Werken aus dem Bestand der Neuen Nationalgalerie ist geschickt angelegt, denn sie zeigt deutlich, wie passgenau sich die Sammlung Pietzsch in das Vorhandene einfügt. So hängt ein Magritte-Gemälde der Nationalgalerie gegenüber einem Foto des Künstlers, auf dem eben jenes Bild zu sehen ist. Auch Fotografien, Bücher, Dokumente gehören zur Kollektion des Paars, das sich der Kunst mit wissenschaftlicher Akribie widmet. Die musealen Ansprüche sind erfüllt, und mancher Denkanstoß geht an künftige Kuratoren weiter. Die surrealistischen Künstlerinnen mit Leonor Fini, Dorothea Tanning und Meret Oppenheim bilden eine eigene Abteilung, und Spanien sowie Mexiko sind als surrealistische Betätigungsfelder deklariert. Die Sammlung Pietzsch eröffnet ganze Forschungsgebiete.

Zu einer Besonderheit aber wird die Kollektion durch die Querverbindung zu den abstrakten Expressionisten. Ihre stärksten Inspirationen erfuhren die US-Maler durch den Surrealismus europäischer Provenienz, Emigranten wie Max Ernst und Marcel Duchamp. Die schlängeligen Gebilde in den Zeichnungen von Barnett Newman, die Verarbeitung von Mythen bei Mark Rothko, die filigranen Verästelungen bei Ashile Gorky zeugen davon. Nebenbei wird ein Mythos revidiert: Das Dripping-Painting ist keine Erfindung von Jackson Pollock, sondern geht zurück auf Max Ernst. Pollock nahm später nur den Pinsel. Sein Gemälde „Junger Mann, neugierig den Flug einer nicht-euklidischen Fliege betrachtend“ von 1942–47 erinnert an eine Begegnung mit dem jungen Pollock, dem er seine Technik des Oszillierens erklärt hatte. Der Künstler schwenkte eine Dose, aus der Farbe tropft, über eine am Boden liegende Leinwand. Im Gemälde hat Ernst farbige Felder zwischen den schwarzen Tropflinien in Form eines Gesichts gemalt, das mit offenem Mund staunt.

Die Besucher der „Bilderträume“ in der Neuen Nationalgalerie dürften staunen, welche ungehobenen Schätze Berlin besitzt. Und mancher denkt wohl auch an die Ausstellung „Das MoMA in Berlin“ zurück, das mit den gleichen Künstlernamen prunkte. Diesmal kommt das Gute aus der Nähe.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, bis 22.11., Di/Mi/So 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr, Fr/Sa 10-20 Uhr. Katalog (Prestel Verlag) 25 €.

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