Plakat-Kunst : Humor als Straßenkampf

Mit satirischen Postern nimmt die Künstlergruppe "Surrend" die Despoten dieser Welt aufs Korn. Ab morgen zeigt eine Ausstellung in Kassel die subversiven Werke.

Joachim F. Tornau[ddp]
Surrend
Provokant: "Surrend"-Gründer Jan Egesborg mit einer Papst-Satire. -Foto: dpa

Kassel"In Dänemark", sagt Jan Egesborg, "haben wir das schlechteste Wetter der Welt - das gibt uns unseren besonderen schwarzen Humor." Seit gut einem Jahr probiert der Aktionskünstler aus, ob dieser Humor auch anderswo verstanden wird. Mit satirischen Postern nimmt die Künstlergruppe "Surrend", die der 45-Jährige im März 2006 zusammen mit seiner Lebensgefährtin Pia Bertelsen gegründet hat, die Despoten und Demagogen dieser Welt aufs Korn - oder die "Psychopathen", wie Egesborg sie nennt.

Das Besondere dabei ist: "Surrend" tut das nicht aus sicherer Distanz, sondern ganz aus der Nähe. Dort, wo sie ihre Gegner am besten treffen können. Die Dänen verklebten Plakate gegen die rechtsextreme NPD in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, schalteten Anzeigen gegen Simbabwes Diktator Robert Mugabe in den Zeitungen des südafrikanischen Landes, reisten in die Türkei, um in ironischen Postern die Unterdrückung der kurdischen Minderheit anzuprangern. "Unser Ziel ist, die Kunst in die Straßen zu bringen", sagt Egesborg. "Humor ist unsere Waffe, mit der wir die Mächtigen attackieren und durcheinander bringen können."

Anzeige in der "Teheran Times"

Bekannt wurde die Gruppe vor allem durch eine Anzeige, die sie Ende vergangenen Jahres in der "Teheran Times" veröffentlichte: Unter ein Bild des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad setzten die Künstler fünf USA-feindliche Slogans, deren Anfangsbuchstaben vertikal gelesen das Wort S-W-I-N-E (Schwein) ergaben. "Ich hätte nicht gedacht, dass das funktioniert", erzählt Egesborg. Ein halbes Jahr lang habe er mit hochgebildeten Männern im Iran verhandelt. "Die sprachen besser Englisch als ich." Aber gemerkt hätten sie dann doch nichts, vermag er sich noch heute diebisch zu freuen.

Während weite Teile der Welt über die freche Aktion schallend lachten, kam aus dem Iran keine Reaktion. Anders als kurz zuvor im Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen folgten keine Aufrufe zum "Heiligen Krieg" gegen die Künstler. Nur peinlich berührtes Schweigen. "Es ist immer schwer vorherzusagen, was wir mit unseren Aktionen auslösen", berichtet Egesborg. Niemals aber, so sagt er, hätte er erwartet, was ihm im Mai in Wien widerfuhr.

Verhör in Österreich

Anlässlich des Staatsbesuchs von Russlands Präsident Wladimir Putin plakatierte der 45-Jährige Poster mit der großen Aufschrift "Erschießt Putin" und dahinter in winzig kleiner Schrift der Ergänzung "Journalisten?". Doch kaum hatte er begonnen, wurde er von der österreichischen Polizei gestoppt und mit auf die Wache genommen. "Sie haben mir gesagt, ich sei ein tschetschenischer Terrorist, und haben mich neun Stunden lang festgehalten und vernommen." Sein Plakat sei in Österreich jetzt verboten. Für den Fall, dass er es trotzdem zeige, habe man ihm sogar mit Gefängnis gedroht.

"Die Meinungsfreiheit", meint Egesborg, "steht zurzeit in Europa sehr unter Druck." Der Spielraum für Karikaturisten und Satiriker werde immer enger - nicht zuletzt auch wegen der "Selbstzensur", die sich viele Zeitungen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem Karikaturen-Streit auferlegt hätten. "Das ist aber nicht der Gedanke von Demokratie."

Ausstellung in Kassel

Die weltweit erste Ausstellung, die die Arbeit von "Surrend" präsentiert und am Samstag im Kasseler Kulturbahnhof eröffnet wird, heißt darum "Artikel 5". Der Titel nimmt Bezug auf den deutschen Grundgesetzartikel, der die Meinungsfreiheit garantiert. Für die bis zum 19. August laufende Schau haben die Dänen auch eine Reihe neuer Arbeiten geschaffen. Eine von ihnen sorgte bereits vor der Eröffnung für Wirbel: Ein Plakat zeigt Papst Benedikt XVI., wie er Messdienern unter die Kleider schaut, und trägt die Aufschrift: "Ich bin gegen Homosexualität aber für Pädophilie".

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