Porträts von Elizabeth Peyton : Malen nach Noten

Ihre kleinen Bilder erzielen Höchstpreise auf dem Kunstmarkt: Die US-amerikanische Künstlerin Elizabeth Peyton stellt in der Berliner Galerie Neugerriemschneider aus

Michael Nungesser
Zur Wiedervorlage. Peytons Interpretation der „Beweinung Christi“ von Van Dyck.
Zur Wiedervorlage. Peytons Interpretation der „Beweinung Christi“ von Van Dyck.Foto: Galerie Neugerriemschneider / Jens Ziehe

Große Gefühle inspirieren Elizabeth Peyton. Heftige Leidenschaften, nicht der kruden Realität entsprungen, sondern vermittelt in sublimierter Form. „Musik liebe ich über alles. Sie ist so mächtig“, sagt die Malerin. Darauf weist auch der Titel ihrer Ausstellung hin: „Da scheinest Du, o lieblichster der Sterne“, eine Zeile aus Wagners Oper „Tannhäuser“. Romantische Opern bilden die eine Quelle der Inspiration, Punkrock die andere – beide in Bildern personifiziert durch ihre Sänger.

Die 1965 in den USA geborene Malerin ist bekannt für ihre Bildnisse und für ihr Bekenntnis zur figurativen Malerei. In New York ausgebildet, lebt sie heute zwischen Rhode Island und Berlin, wo ihr die Galerie Neugerriemschneider zum achten Maler eine Ausstellung widmet – mit einer überschaubaren Auswahl neuer Werke. Sie zeigen die Opernsänger René Pape und Jonas Kaufmann, den Sänger der dänischen Punkrockband Iceage, Elias Bender Rønnenfelt, sowie Taylor Kitsch, der die Figur Tim Riggins in einer US-amerikanischen Fernsehserie verkörpert und in „Clear Eyes, Full Hearts Can’t Lose“ auch in dieser Rolle erfasst ist.

Ihre Bilder haben eine unergründliche und träumerische Atmosphäre

Man liefe in die Irre, wollte man Peytons Bilder als Porträts im engeren Sinne verstehen. Es sind sehr persönliche, intuitive Annäherungen an die Dargestellten, alle in kleinem Format, das in der Ausstellung durch weiträumige Hängung seine Wirkung entfalten kann. Meist ist nur das Gesicht wiedergegeben, bildfüllend, ganz nah und doch entrückt, mit wenigen, intuitiv gesetzten Pinselstrichen fast skizziert. Die weiße Grundierung bleibt sichtbar; sie läuft über die Ränder der kleinen Holzplatten hinaus, als wolle sie sie umklammern. Die Protagonisten wirken vor dem lichten Grund wie zarte Erscheinungen in transparent glimmender Farbigkeit.

Neben den Hauptfiguren hat Peyton auch auf einzelne Figuren konzentrierte Szenen aus Opern dargestellt, zum Beispiel „Lovers (Prince Igor)“ als einziges Bild, dessen Malgrund Nachtschwärze suggeriert, „Werthers Tod“ und „Werthers Tod (Jonas Kaufmann)“, das erneut den leidenden Heldentenor ins Zentrum setzt. Eine Besonderheit bildet „Tristan Slaying Morold“, eine Monotypie auf handgeschöpftem Papier, für die Peyton ein Wandgemälde aus dem Südtiroler Schloss Runkelstein als Vorlage wählte. Eine andere kunsthistorische Anleihe bildet „The Lamentation of Christ“, dem Van Dycks „Beweinung Christi“ aus dem 17. Jahrhundert zugrunde liegt.

Dass die Malerin auch für den gegenwärtigen Alltag bildnerisch intensive Lösungen findet, zeigt sich in ihrem Bild „Sunday (Klara)“. Es stellt eine junge Frau vor, konzentriert in sich versunken, mit übereinander geschlagenen Beinen, eingelassen in ein nur angedeutetes häusliches Interieur. Und das Stillleben „Berlin, Hyacinth and Black Teapot“ entführt endgültig in eine heiter gelassene Atmosphäre, ohne Drama und Pein – aber nicht minder emotionsgeladen. Peytons Malexerzitien entzünden sich an medialen ästhetischen Reizen und historischen Rückbezügen. Sie zeigt sich selbst in „Musée Gustave Moreau“, dem Hort des Symbolismus, als fotografisches Spiegelporträt. Abgezogen als vierfarbiger Gummidruck, ergibt sich auf dem Blatt dank Unschärfen und ungewöhnlicher Farbtonalitäten eine Atmosphäre des Unergründlichen und Träumerischen, die wie aus der Zeit gefallen scheint.

Galerie Neugerriemschneider, Linienstr. 155; bis 26. 7., Di–Sa 11–18 Uhr

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