Prenzlauer Berg : Wir waren viele

Poesie des Untergrunds: Eine Ausstellung über die Künstlerszene vom Prenzlauer Berg der Achtzigerjahre.

Jörg Magenau
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Helden einer vergangenen Epoche. Ein Konzert der Punkband Rosa Extra, 1985.Foto: Harald Hauswald

Nur gut, dass das Bett von Elke Erb zusammengebrochen ist. Darunter kam ein Bettkasten zum Vorschein, der allerlei Bilder und Manuskripte enthielt. Die Lyrikerin meldete sich bei den Kuratoren der Ausstellung „Poesie des Untergrunds – Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 1989“: Sie sollten kommen und holen, was sie brauchen könnten. Denn wenn das Bett erst repariert wäre, dann verschwinde die Kiste wieder für die nächsten zehn Jahre.

Die DDR-Geschichte versinkt mit atemraubendem Tempo in der Vergangenheit, so dass selbst deren Protagonisten sich ihrer Herkunft immer wieder versichern müssen und überrascht sind, was unter ihren Betten zum Vorschein kommt. Das ist wohl der Hauptzweck dieser Schau, die eben keine Ausstellung über die Kunstszene ist, sondern eine Selbstdarstellung der Beteiligten: Seht her, es war schön, und wir waren viele! Es gehe darum, „die Deutungshoheit über unsere eigene Geschichte zurückzugewinnen“, sagte der Kunstwissenschaftler Christoph Tannert bei der überfüllten Eröffnung am Freitagabend. Die Bereitschaft, Erinnerungsstücke zur Verfügung zu stellen, war groß, leicht hätten größere Hallen gefüllt werden können als das Prenzlauer-Berg-Museum. In einer parallelen zweiten Ausstellung, die kommenden Samstag im Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum in Rheinsberg eröffnet werden wird, sind deshalb ganz andere Exponate zu sehen.

Die Ausstellung beginnt mit einem Gruppenfoto aus dem Jahr 1981, das nach einer Lesung in der Keramikwerkstatt von Wilfriede Maaß entstand. Im Hintergrund Flaschen, Bilder und alte Schränke. Davor haben sie sich aufgebaut wie für ein Mannschaftsfoto: Helden einer Zeit, in der man karierte Hemden trug. Wer kennt sie noch: Eberhard Häfner oder Roland Manzke, Michael Rom oder Rüdiger Rosenthal? Nur wenige wie Jan Faktor oder Uwe Kolbe haben sich über die Wende hinaus als Schriftsteller etabliert. Die älteren, berühmteren, wie Wolfgang Hilbig, Adolf Endler, Elke Erb oder die mit ihren Bildern heute so erfolgreiche Malerin Cornelia Schleime, fehlen auf diesem Foto. Der bekannteste ist wohl der als Stasi-Spitzel enttarnte Sascha Anderson, der auch hier im Mittelpunkt sitzt. Einer seiner IM-Berichte – genaue und ausführliche Psychogramme aller befreundeten Künstler – ist das womöglich interessanteste Dokument der Ausstellung. Es ist auf merkwürdige Art aufregender und aktueller als die versammelten Parolen, Manuskripte, Zeitschriften und Bilder aus dem poetischen Untergrund. Weniger die Kunst hat überdauert, als der Verrat.

Die Szene am Prenzlauer Berg entstand nach der Biermann-Ausbürgerung und Jahren des Exodus unter DDR-Intellektuellen. Die, die blieben, konnten sich nur noch auf sich selbst verlassen. Sie richteten sich in den Gebieten ein, die von Staat und Stadtplanung als Überreste eines bürgerlichen Zeitalters längst aufgegeben worden waren: in den zerbröselnden Altbauten von Prenzlauer Berg. Hier organisierten sie Lesungen im Verborgenen, trafen sich zum Gespräch und produzierten handgefertigte Zeitschriften mit Texten, die in offiziellen DDR-Verlagen niemals hätten erscheinen können. „wir fühlten uns in grenzen wohl“, lautet ein Satz von Stefan Döring, der nun zum Motto der Ausstellung geworden ist. Es war eine überschaubare Szene. Hinterhöfe, Wohnungen, Ateliers waren ihre Orte. Zeitschriften mit Titeln wie „schaden“, „ariadnefabrik“, „Mikado“ und „Entwerter/Oder“ erschienen in Auflagen von wenigen Exemplaren. Eines davon machte in Wismar, ein anderes in Karl-Marx-Stadt die Runde. So wurde das Verbreitungsgebiet erweitert. Es waren Zeitschriften, die „den Markt nicht brauchten“, denn sie hatten ihre eigene Privat-Öffentlichkeit. Wichtig waren weniger die Botschaften als der Gestus der Unangepasstheit. Dass es sie gab, aller Repression zum Trotz, das war die Botschaft.

Die Ausstellungsmacher Ingeborg Quaas, Uwe Warnke und Thomas Günther haben sich vorgenommen, die bleibende Relevanz der künstlerischen Hervorbringungen zu beweisen und zu zeigen, „was damals an wichtigen Sachen passiert ist, was auch über die Mauer gewirkt und bis heute Bestand hat“. Doch gerade das gelingt nicht. Die angegilbte Wildheit expressiver Bilder und Texte wirkt heute rührend. Das demonstrativ Antibürgerliche muss doch schon damals in einer Gesellschaft ohne Bürgertum einigermaßen selbstreferenziell gewesen sein. „Man bildet Worte um etwas, von dem man zunächst nur eine undeutliche Vorstellung hat“: So beschrieb Stefan Döring diese tastenden Versuche.

In den neunziger Jahren wurde im Rahmen der DDR-Abwicklung allen Ernstes die These debattiert, die ganze Prenzlauer-Berg-Connection sei eine Hervorbringung der Stasi gewesen. Was für ein Unsinn. Die durchbürokratisierte Stasi wäre niemals in der Lage gewesen, so etwas wie künstlerische Kreativität zu erzeugen, nicht einmal unabsichtlich. Doch die von Punk und neuer wilder Kunst angeregte Literaten-Szene definierte sich über den gemeinsamen Feind: Ohne Überwachung, Repression, Mauer und Einengung der Bewegungsräume hätte es kaum eine so haltbare Gemeinschaft gegeben. Was verbindet etwa einen sensiblen Einzelgänger wie Johannes Jansen mit einem Selbstvermarktungsexperten wie Lutz Rathenow, außer dem Zufall, zur selben Zeit am selben Ort zu leben?

Das Begleitbuch zur Ausstellung trägt den passenden Titel „Die Addition der Differenzen“, nach einem Gedicht von Andreas Koziol, das auf dem Umschlag abgedruckt ist. Koziols Verse betonten das Flüchtige und Zufällige der Gemeinschaft: „einer versteht seine worte als zeugen / einer als landesweit offenes grab / einer als mittel sich drüberzubeugen / einer verlässt gegen mittag die stadt“. Ein paar Jahre später, schon nach der Wende, ließ er das Gedicht „Tradition der Differenzen“ folgen, war doch all das, worum es ging, schon Mitte der Neunziger verschwunden: „Einen hat selbst die Erinnerung verlassen, / Einer, den glatt sein Gedächtnis erschlug, / Einer ist nicht mehr mit Worten zu fassen, / Einer ist still jetzt. Sonst geht’s ihm gut.“ Dass die Ausstellung gerade mit diesen Versen eröffnet wurde, hatte etwas sehr Trauriges: ein Abgesang, getarnt als Revival.

Bis 7. Februar, Prenzlauer Berg Museum, Prenzlauer Allee 227/228, Sa–Do 10–18 Uhr, Eintritt frei.

Begleitbuch zur Ausstellung: Uwe Warnke, Ingeborg Quaas (Hrsg.): Die Addition der Differenzen. Verbrecher-Verlag Berlin, 2009. 290 S., 19,90 €.

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