"Rassenhygiene" : Jüdisches Museum zeigt Ausstellung über Euthanasie der Nazis

Dass die NS-Kampagne für einen gesunden, kampfbereiten Volkskörper "rassenhygienische" Ansätze radikalisierte, die schon vor 1933 verbreitet waren, zeigt eine Ausstellung im Jüdischen Museum nachvollziehbar.

Thomas Lackmann

In der Vitrine: ein Asbesthandschuh. Ein Rasierer, ein Kamm, ein Löffel, eine Brille, Stücke einer Pfeife, Rosenkranz- Perlen. Mit dem Handschuh hat ein Heizer die Fundsachen im oberösterreichischen Hartheim aus der Asche des Krematoriums geklaubt. Das Renaissance-Schloss war 1898 zu einem Heim der Barmherzigen Schwestern für „Schwach- und Blödsinnige, Cretinöse und Idioten“ umgewidmet worden. 1940/41 gehörte es zu den sechs Tötungsanstalten des Deutschen Reiches, in denen Behinderten – so formuliert eine Bevollmächtigung am Tag des Kriegsbeginns – „der Gnadentod gewährt werden kann.“

Bereits 1935 hatte Hitler von einem Euthanasie-Programm gesprochen, das erst während des nächsten Krieges, im Ausnahmezustand, durchgesetzt werden könne. Am 1. September 1939 setzt er Philipp Bouhler, den Chef der Reichskanzlei, und seinen Arzt Dr. Karl Brandt als Leiter einer Mord-Organisation ein, deren weitverzweigtes Organigramm renommierte Wissenschaftler, Gutachter und Gesundheitsinstitutionen umfaßt. Trotzdem bleibt diese Massentötung, der Probelauf zur industriellen Judenvernichtung, geheime Kommandsache. Ein Foto, auf dem Rauch aufsteigt vom Krematorium der württembergischen Anstalt Grafeneck, gilt als Rarität. Doch wann immer Deportations-Busse über Land fahren, nehmen die Arbeiter auf dem Feld ihre Mützen ab. Wer Grafeneck in der Eisenbahn passiert, schaut schweigend zu dem Jagdschloss hinauf.

Über 210 000 Menschen sind aufgrund ihrer Krankheit in Deutschland und Österreich während des Zweiten Weltkriegs ermordet worden; rechnet man regionale Euthanasie-Aktionen in Polen hinzu, steigt die Zahl auf 300 000. Zwangssterilisiert wurden 400 000 Jugendliche, Männer, Frauen. „Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus“ heißt eine Ausstellung des Holocaust Memorial Museum in Washington, die nun im Jüdischen Museum Berlin gastiert. Nicht weit von den ehemaligen Mordzentralen, dem Amtssitz der Aktion „T-4“, Tiergartenstraße 4, glaubt man, die plakative Optik zurückfahren zu können. Spektakuläre Fotos wurden für Berlin verkleinert. Gleichwohl sind die Deutschen beschämt, dass diese Schau aus den USA kommen muss: sagt die Kuratorin Margret Kampmeyer.

Dass die NS-Kampagne für einen gesunden, kampfbereiten Volkskörper „rassenhygienische“ Ansätze radikalisierte, die schon vor 1933 verbreitet waren, zeigt die Ausstellung nachvollziehbar. Der euphorische Plan, die Menschheit anthropologisch und genetisch zu vermessen, beflügelt das Programm einer biopolitischen Diktatatur. Die Propaganda nutzt ökonomische Argumente: „60 000 RM kostet ein Erbkranker auf Lebenszeit. Volksgenosse, das ist auch dein Geld.“ Später werden in jenen Heimen, wo nach dem protestbedingten Abbruch der Aktion „T-4“ die Tötung mit Spritzen und durch Verhungern dezentral weitergeht, Statistiken geführt, die einerseits Gewichtsabnahmen bei Nahrungsmittelreduktion festhalten, andererseits die Ersparnis für Gemüse, Kartoffeln, Brot auf Jahre hochrechnen. Umgebracht werden vor allem arbeitsunfähige und wissenschaftlich unergiebige Patienten. Der gut dokumentierte Fall des Schusters Martin Bader, der alle zwei Jahre wegen Schüttelfiebers in einer Tübinger Psychiatrie erfolgreich behandelt, 1940 aber zur Vergasung deportiert wird, ist so gesehen eine Ausnahme. Seinen Angehörigen teilt man mit, er sei unerwartet an Hirnschlag gestorben. Ihr Antrag auf Wiedergutmachungszahlung wird in der Bundesrepublik, die den meisten mörderischen Ärzten straflos die weitere Berufsausübung ermöglicht, abgelehnt.

Ein Foto hübscher, großäugiger, weichgesichtiger Kinder am Stacheldraht, aufgenommen bei der Befreiung von Auschwitz, demonstriert: dass sich der Horror dieser Ausstellung in unserem Kopf zusammensetzt. Den Sechs- bis Zehnjährigen im Häftlingsanzug ist kaum anzusehen, was hinter ihnen liegt. Die Bildzeile verrät, dass viele überlebt haben, weil Dr. Mengele sie für Experimente benutzte. Der Ekel, den das Thema „Tödliche Medizin“ produziert, liegt an diesem Kontrast zwischen Auslieferung und böser Allmacht. Der Verbrecher-Arzt verkörpert die Obszönität des Zivilisationsbruchs.

Wissenschaftler-Korrespondenz, in der es um die Zusendung von 697 Gehirnen aus derAnstalt Brandenburg-Görden oder um „Polenschädel“ zum Angebotspreis von 25 Reichsmark geht, verweist, über den makabren Kick hinaus, auf Grenzfragen. Der Reflex, eigenes Handeln durch geliehene Objektivität oder Sachzwänge zu legitimieren und dabei Verantwortungskriterien auszublenden, findet sich als Entlastungs-Muster auch in heutigen Ethik-Debatten. Hier erscheint die Ausstellung politisch aktuell. Effektivität und Rationalität, moderne Werte der NS-Ideologie, prägen auch unsere Gegenwartsdiskussion um eine künftige Solidargemeinschaft, um Sterbehilfe, Embryonenverwertung oder die Beendigung unerwünschten Lebens. Die Kuratorin erwähnt einen jungen Unionspolitiker, der 70-Jährigen keine künstlichen Hüftgelenke mehr spendieren möchte. Apropos: Es gibt kaum Sitzgelegenheiten in der Ausstellung. Dass Besuchern schlecht wird, scheint nicht vorgesehen. Es ist aber, gottlob, nicht auszuschließen.

Bis 19. Juli, täglich geöffnet.

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