René Block : Der Brückenbauer

Back in Berlin: Der Ausstellungsmacher René Block eröffnet einen Projektraum für türkische Kunst.

Nicola Kuhn
Block
Block in seinem Projektraum hinter dem Hamburger Bahnhof -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Im Herbst war das noch nicht abzusehen, als René Block die 1000 Quadratmeter große Fabriketage mietete. Architekturbüros und Künstlerateliers gehörten zwar neben den Kfz-Werkstätten und Zulieferbetrieben zur Nachbarschaft, aber nach art-community sah es in den backsteinernen Höfen nicht gerade aus. Seitdem hat sich die Heidestraße zum Galerien-Hotspot entwickelt. Und Block sitzt mittendrin. Gerade erst hat gegenüber hinter dem Hamburger Bahnhof die Halle am Wasser mit sechs weiteren Galerien aufgemacht. Die Edition Block mit dem angeschlossenen Projektraum Tanas für türkische Kunst hat sich perfekt positioniert. Der 66-jährige Kunstvermittler grinst. Block is back in town.

Eigentlich war er nie wirklich weg, denn in die Räume, in denen er mit seiner Galerie in den Sechzigern Kunstgeschichte schrieb und Fluxus eine Bühne gab, zog seine Frau Ursula mit der „Gelben Musik“ ein, wo sie bis heute neue Musik vertreibt. In der Schaperstraße fand 1979 auch jene legendäre Performance „Jetzt brechen wir hier den Scheiß ab“ statt, bei der Jospeh Beuys den Putz von den Galeriewänden schlug – ein symbolischer Akt zur Beschließung von Blocks Galeristentätigkeit nach 15 Jahren. Zwischendurch hatte er drei Jahre eine Dependance in New York betrieben, um Beuys, Polke, Gerhard Richter auch dem US-Publikum bekannt zu machen. Der Name Block behielt dank der „Gelben Musik“ in Berlin seinen guten Klang. Die Bindung an die Stadt blieb, auch wenn der Ausstellungsmacher in den letzten zehn Jahren in Kassel als Direktor des Museums Fridericianum wirkte.

Von den Neo-Dadaisten Nam June Paik, Dieter Rot und Wolf Vostell zu den „Schluchten des Balkan“, so der Titel von Blocks meistbeachteter Ausstellung in Kassel – das klingt nach verschlungenen Kuratorenwegen. Doch der winkt ab. „Im Grunde habe ich all die Jahre immer das Gleiche gemacht, nur auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Größenverhältnissen.“ Dem Fluxus-Prinzip der künstlerischen Vernetzung und dem Interesse an der Peripherie blieb er treu: ob als Galerist oder Biennale-Macher in Sydney (1990), Istanbul (1995), Kwangju (2000), Cidenje (Montenegro, 2004) oder Venedig (Nordischer Pavillon 2007), als künstlerischer Leiter des DAAD und des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in Stuttgart. Wenn Block nun mit dem Projektraum Tanas nach Berlin zurückkehrt, dann ist auch das nur konsequent, denn türkische Kunst hat sich international noch nicht etabliert.

Der Start ist mit einer furiosen Ausstellung von Kutlug Ataman gemacht. Zwei Jahre lang interviewte der Videokünstler die Bewohner der improvisierten Istanbuler Siedlung Küba, in der Oppositionelle, Intellektuelle, Kleinkriminelle zusammenwohnen und den Übernahmeversuchen von Spekulanten trotzen. Seine Installation besteht aus 40 Interviews, in denen Bewohner aus ihrem Leben erzählen. Präsentiert werden sie in alten TV-Kisten vor abgewetzten Sesseln. Trotz des kakofonischen Lärms bildet sich mit dem Hinsetzen eine intime Atmosphäre, und der Besucher hört konzentriert dem gefilmten Gegenüber zu. „Ich entdecke immer wieder Neues“, so Block, der als Nächstes eine internationale Gruppenausstellung zeigt, eingerichtet von einem türkischen Kurator.

Für Block selbst ist die Zeit der Großausstellungen und Biennalen vorbei. Das überlässt er einer jüngeren Generation. Dem Betrieb steht er mittlerweile skeptisch gegenüber: „Heute gibt es eine Inflation an Biennalen und Kuratoren, die nichts mitzuteilen haben.“ Als Brückenbauer bleibt er dennoch im Geschäft. Der Kontakt zur privaten Köc-Stiftung, die den Projektraum Tanas finanziert, kam Anfang der Neunziger zustande, als Block in Istanbul für die ifa-Ausstellung „Iskele“ recherchierte. Heute arbeitet er für sie als Berater, ist ihr Mittelsmann für türkische Kunst in Berlin und betreut eine neue Reihe Künstlermonografien.

Die Edition Block, mit der sich Tanas die Fabriketage teilt, ist mittlerweile eine GmbH und wird von der Tochter betreut. Bei Neuproduktionen mischt Block noch immer mit. Stolz zeigt er auf die Plakatserie von Sejla Kameric, die die bildschöne Künstlerin mit dem Schriftzug zeigt: „No teeth …? A moustache …? Smell like shit …? Bosnian Girl!“

Daneben gibt es die Schätze aus der Frühzeit der Edition, etwa jenen „Weekend“-Koffer von 1971/72 mit Beiträgen von Beuys, Hödicke, Polke, Vostell. „Ich wollte sie immer irgendwann wieder ans Tageslicht bringen“, erzählt er. In Berlin hat er erneut den passenden Ort gefunden. Auch Tanas hätte es nicht besser treffen können. Ein Schaufenster für türkische Kunst am idealen Platz, dazu einen Fürsprecher, der die Kunststadt seit ihren Anfängen kennt.

Projektraum Tanas, Heidestr. 50; bis 1. Juni; Dienstag bis Sonntag von 11–18 Uhr.

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