Retrospektive : Große Immendorff-Ausstellung bei Wien

Ehrlich, radikal, ein Künstler bis zur Selbstvernichtung: So sieht der österreichische Kunstmäzen Karlheinz Essl den verstorbenen deutschen Maler Jörg Immendorff. Ihm zu Ehren zeigt er Werke aus allen Schaffensperioden.

Miriam Bandar[dpa]

Wien Von einem Ende der Tafel blickt ein grauhaariger Herr mit Weinglas in der Hand den Betrachter an, vom anderen Ende lächelt seine Gattin in roter Robe hinter einem Fächer hervor. Dazwischen drängen sich Größen der österreichischen Gesellschaft wie der Schriftsteller Thomas Bernhard und der Künstler Otto Muehl.

Mit seiner Werkserie "In meinem Salon ist Österreich" hat der deutsche Maler Jörg Immendorff dem österreichischen Kunstmäzen und Unternehmer Karlheinz Essl ein Denkmal aus Ölfarbe gesetzt. Der Förderer revanchiert sich fast ein Jahr nach dem Tod Immendorffs mit einer Ausstellung von etwa 70 Werken aus seinem Privatbesitz im Essl Museum in Klosterneuburg bei Wien: "Die Ausstellung ist ein Abschiedsgeschenk an einen sehr lieben Menschen."

Von morgen an bis zum 20. April sind im Essl Museum neben der 1996 entstandenen und von Essel in Auftrag gegebenen Werkserie zu Österreich Bilder aus allen Schaffensperioden des gesellschaftskritischen Künstlers zu sehen. Immendorff starb am 28. Mai 2007 in Düsseldorf an einer schweren Nervenerkrankung.

Das Leben bis zum Extrem ausgekostet

Außer mit seiner Kunst machte Immendorff auch immer wieder mit seinem Privatleben Schlagzeilen, unter anderem wurde 2000 die Hochzeit mit seiner mehr als 30 Jahre jüngeren Schülerin Oda Jaune zu einem Medienereignis. 2003 wurde bekannt, dass er mit Prostituierten in Nobelhotels größere Mengen Kokain konsumiert hatte. "Er hat die ganze menschliche Existenz bis zum Extrem ausgekostet", formuliert sein Freund und Förderer Essl. Die Konsequenz, Ehrlichkeit und Radikalität seines Lebens habe ihn beeindruckt, Immendorff habe bis zur Selbstvernichtung neue Erkenntnisse für seine Kunst gesucht.

In den Werken findet sich die Lebensgier des Künstlers in einer bunten, überbordenden, gegenständlichen Bildsprache wieder. Der bekennende Kommunist Immendorff verstand als Aufgabe der Kunst aber auch die Gesellschaftskritik und sah sich als "politischer" Maler. "Er war immer wieder ein Visionär", sagt Essl. Im Jahr 1979 malte er Jahre vor der deutschen Einheit zwei auf einem schwarz-rot-goldenen Untergrund ausgestreckte Männer, die von einem Stacheldraht getrennt werden und von beiden Seiten versuchen, diesen mit einer Zange zu durchschneiden. Rechts spreizt ein Adler seine Flügel, hinter dem Stacheldraht ragt ein Wachturm in die Höhe.

In den späteren Werken der Schau thematisiert Immendorff in dunkleren Farben seine sich ausbreitende Krankheit, die seinen Körper immer mehr lähmt und ihn als Künstler von der Hilfe seiner Assistenten abhängig macht. In dem Bild "Kampf der Zeit" schreiten zwei Blinde durch ein schwarzes Tor in einen lichten Raum. In einem 2006 entstandenen Bild blickt den Betrachter ein großes, sitzendes Skelett an, zwischen den Rippen steht ein kleiner grauer, fast schon mit dem Hintergrund verschmolzener Immendorff. (ho/dpa)

Mehr Infos unter: www.essl.museum

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