Richard Deacon : Wenn die Esche mit der Eiche

Kraft der Skulptur: Werke des Bildhauers Richard Deacon in der Galerie Thomas Schulte.

Christiane Meixner
Deacon
Der Holzbezwinger. Richard Deacon gibt der Natur eine neue Geometrie. -Foto: Galerie

Von der Hand auf den Boden: Wenn Richard Deacon seine Skulpturen in den Raum entlässt, haben sie zunächst wenig mit dem menschlichen Körper und seinen Proportionen zu tun. So liegt „Siamese Metal #4“ wie ein stählernes Gerüst aus Kanten und Streben in der Galerie Thomas Schulte. Ein Ergebnis vertracker Logik, das eine eigentlich unmögliche geometrische Form beschreibt. Seine dicken und sichtbar miteinander verschweißten Elemente wirken so schwer, dass man die Figur für unverrückbar hält. Ein hermetisches, perfekt in sich ruhendes Objekt.

Rechts und links davon hat Deacon zwei Skulpturen aufgestellt, die das Gegenteil behaupten. Sie sind aus unbehandeltem Holz, rau und offenporig. Während „Still Water“ mit großer Anstrengung in ein Korsett aus Metall gespannt wirkt, scheinen die Balken von „Walking the Walk“ fragil aneinander gelehnt. Die ganze Konstruktion vermittelt den Eindruck, als habe der britische Bildhauer kühn experimentiert.

Wie ausgetüftelt sie tatsächlich ist, merkt der Betrachter erst beim Umgehen der Skulptur. Mit jedem Schritt offenbart sie nicht nur unterschiedliche Ansichten. Sie nimmt auch den Dialog mit dem Raum auf und interpretiert ihn neu. Wo immer man hinschaut, überall schieben sich die Balken aus Eiche oder Esche in den weißgrauen, rechtwinkligen Raum und brechen seine Strenge auf. Deacon hat sein Material behandelt, die hölzernen Elemente gewässert, bevor er sie mit großer Kraft in sich gedreht hat. Im Trocknungsprozess will das Holz zurück in seine ursprüngliche Form, doch die Skulpturen halten es im neuen Zustand und machen dabei die widerstreitenden Energien, diese gewaltsame Umformung, spürbar.

Dabei kommt der Betrachter ins Spiel. Kraft, Dynamik und wechselnde Perspektive zählen zu den Komponenten, die körperlich erfahrbar sind. Dazu passt, dass Deacon in den frühen siebziger Jahren mit Performances begonnen hat. Was immer ihm an bildhauerischem Material unter die Finger kam, wurde umgeformt. Bis heute gibt es Skulpturen, die wie zerknautschte Kissen aussehen, in Wahrheit aber enorme Vergrößerungen eines Tonklumpens sind, den Deacon geknetet hat.

Dazu gehört auch sein eigenwilliger Umgang mit Werkstoffen: Für die amorphen Wand- und Bodenskulpturen der „Infinity“-Serie hat er dünne Bleche aufeinandergelegt, an diversen Stellen miteinander vernietet und anschließend Wasser in die Hohlräume gejagt. Das Ergebnis erinnert an weiche Steppdecken. Mit dem ursprünglichen Charakter des Stahls, seiner Härte und abweisenden Kälte, hat es nichts mehr zu tun.

Zur Erfahrbarkeit gesellt sich das theoretische Wissen Deacons, der im August seinen sechzigsten Geburtstag feiert und ab dem Wintersemester als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrt, nachdem er zwölf Jahre an der École Nationale Supérieur des Beaux Arts in Paris tätig war. „Add & Subtract“ heißt es im Titel seiner dritten Einzelausstellung bei Thomas Schulte. Genau darauf konzentrieren sich die drei Objekte und jene feinen Zeichnungen, die mit grauem Grafit an die Wände gebracht sind. Deacons Repertoire dekliniert die Möglichkeiten abstrakter Skulptur seit Minimal Art. Mehr noch: Er beschränkt sich jedes Mal auf ein formales Minimum, um es systematisch durchzuarbeiten. Was spricht aus ein paar Dutzend Stäben? Wie lassen sie sich räumlich arrangieren? Oder: Wie verhalten sich zwei Kuben, wenn man sie ineinanderzuschachteln versucht?

Aus dieser Reduktion schöpfen Deacons Skulpturen ihr Potenzial. Vieles läuft zur selben Zeit ab, das ordnende Element wird von der freien Form konterkariert, die Strenge im Detail vom Durcheinander, das die ineinander verschlungenen Hölzer etwa von „Still Water“ vermitteln. Von der Hand auf den Boden: Der Weg dorthin ist weit komplexer als vermutet. Er führt durch den Kopf eines Künstlers, der die Skulptur auf ihrem langen Weg von der Moderne in die Gegenwart mitgenommen hat.

Galerie Thomas Schulte, Charlottenstraße 24; bis 15. August; Di-Sa 12-18 Uhr.

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