Robert Rauschenberg : Wie der Stuhl auf die Leinwand kam

Von der Sammlung Marx stammt ein Teil der "Robert Rauschenberg Hommage" im Ausstellungsraum Céline und Heiner Bastian. Weitere Werke steuert das Sammlerpaar selbst bei.

Jens Hinrichsen

Nahezu drei Wochen arbeitete Robert Rauschenberg 1953 daran, eine Graphitzeichnung von Willem de Kooning mit dessen Genehmigung auszuradieren. Der ikonoklastische Akt markierte das Ende der Vorherrschaft des Abstrakten Expressionismus auf dem Kunstmarkt. Neben seinen Freunden Jasper Johns und Cy Twombly gelang es vor allem Rauschenberg, die Malerei zu neuen Ufern zu führen. In Berlin sind seine auf die Pop Art vorausweisenden „Combine Paintings“ nie recht gewürdigt worden, denn der im vergangenen Jahr 82-jährig verstorbene Maler ist in den Museen der Stadt unterrepräsentiert. Die Sammlung Marx füllt die Lücke im Hamburger Bahnhof ein wenig. Von dort stammt ein Teil der „Robert Rauschenberg Hommage“ im Ausstellungsraum Céline und Heiner Bastian. Weitere Werke steuert das Sammlerpaar selbst bei.

Viele „Combine Paintings“ sind eigentlich Assemblagen, weil Rauschenberg zivilisatorisches Treibgut wie Reifen, Bettbezüge oder Straßenschilder direkt integrierte. Eine Schiffsschraube montierte er auf das Siebdruckbild „Stagecoach (Shiner)“ von 1986. In diesem Objekt könnte man ein Symbol des Verquickens disparater Bildelemente erkennen, aber Symbolhaftes lehnte der Künstler ab: „Ein Bild sollte nicht nach etwas aussehen, was es nicht ist, sondern nach etwas, was es ist“, lautete sein Credo.

Die Werke der Ausstellung stammen aus den vergangenen drei Jahrzehnten; sie feiern die Flüchtigkeit des Realen. Fotografien von Straßenlampen, Telefonmasten, Autos, Riesenrädern, blässlich gedruckt, bis zur Unklarheit übereinander geschichtet oder mit Malschleiern vernebelt, beschwören eine Welt der Beschleunigung und der Vanitas.

Nicht nur die ins Bild integrierten realen Stühle laden zur (virtuellen) Benutzung der Bilder ein. Wie ein Spiegel wirkt das Objekt „Borealis Shares I“ (1990), bei dem Siebdrucke und Gemaltes auf zwei Seiten einer Aluminiumplatte von kupfernen Leisten eingefasst sind. Die Bildzeichen tragen Rauschenbergs Stempel – Fotos einer Turmuhr, Fahrrädern, dazu Action-Painting-Zitate. Zugleich erinnert das Werk an Duchamps „Großes Glas“ (1915-1923). Dessen Strategie, das Reale umstandslos zur Kunst zu machen, fand in allen folgenden Generationen Nachahmer. Duchamp, Rauschenberg, später Warhol – bei allen Drei besitzen die Dinge keinen doppelten Boden; sie sind schön, wie sie sind. „All is pretty“, wie Warhol es formulierte. Jens Hinrichsen

Kunstraum Céline und Heiner Bastian, Am Kupfergraben 10, bis 31. 7.; Di-Fr 11-17 Uhr, Sa 11-16 Uhr.

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