Rosa Schapire : Knospe auf Tintenfüßchen

Muse der "Brücke": Hamburg erinnert an die jüdische Kunstsammlerin Rosa Schapire.

Ulla Fölsing

Grün, schwarz und rot, gelb, blau und rosa – nicht nur die Bilder an den Wänden ihrer Hamburger Wohnung zeigten Rosa Schapires Begeisterung für die Künstlervereinigung „Die Brücke“. Auch die Wände selbst und die Möbel in der dritten Etage am Osterbekkanal waren in den kräftigen Farben der Avantgarde gestrichen, die die Kunstkritikerin und Sammlerin förderte. Einen virtuellen Blick in das expressionistische Gesamtkunstwerk von Schapires Wohnzimmer erlaubt jetzt eine Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Die Schau widmet sich erstmals dem Lebenswerk und Schicksal der jüdischen Kunstvermittlerin, die von den Nazis verfolgt wurde.

Zu sehen sind 170 Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Künstlerpostkarten, Fotos, Briefe und Schmuckstücke aus Schapires weltweit verstreuter Sammlung, darunter Arbeiten von Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Franz Radziwill, Max Pechstein, Ernst Ludwig Kirchner und Emil Nolde sowie jüngerer Expressionisten wie Walter Gramatté und Willem Grimm. Der farbenfrohe Titel „Rosa. Eigenartig grün“ stammt vom Kunsthistoriker Aby Warburg, der 1907 süffisant über die emanzipierte Kollegin schrieb: „Frl. Schapire benimmt sich eigenartig grün ... Sie ist sehr affektiert und beredt. Dieses Rosenknöspchen auf Tintenfüßchen.“

Rosa Schapire, am 9. September 1874 als Tochter begüterter jüdischer Eltern im ostgalizischen Brody geboren und dreisprachig erzogen, interessierte sich schon früh für zeitgenössische Kunst. Als eine der ersten Frauen in Deutschland promovierte die Kunstgeschichtlerin 1904 in Heidelberg. Das Thema ihres Lebens fand sie, als sie der Hamburger Sammler Gustav Schiefler auf die 1905 in Dresden gegründete „Brücke“ aufmerksam machte. Ein Holzschnitt von Schmidt-Rottluff weist „Rosa Schapire Frl Dr Hamburg“ 1907 als Nummer 30 von 68 passiven Mitgliedern aus. Schapire trieb von da an die Gruppe aktiv zu Bekanntheit und Erfolg – mit Veröffentlichungen, Vorträgen und Vermittlungen in Galerien und Museen, schließlich mit Ankäufen über den „Frauenbund zur Förderung deutscher bildender Kunst“.

Schmidt-Rottluff, bald mit Schapire eng befreundet, dankte ihrem Engagement mit vielen Porträts und selbst gefertigtem Schmuck, Kleidern, Briefpapier und den Möbeln für ihr Wohnzimmer. Auch seine „Brücke“-Kollegen schenkten Gemälde und Grafiken. Vor allem schickten sie kunstvoll gestaltete Postkarten „an die liebe Ro“, allein zum 50. Geburtstag 1924 acht kleine Meisterwerke, über die Jahre 171 Stück. 67 sind jetzt in der Hamburger Ausstellung zu sehen.

Den Nationalsozialisten war solche Kunst zutiefst verhasst. Schapires jüdische Herkunft machte ihren Einsatz für die als „entartet“ geltenden Expressionisten doppelt gefährlich. Bald konnte sie nur noch unter Pseudonym schreiben und durfte keine Vorträge mehr halten. In der Hamburger Kunsthalle und im Museum für Kunst und Gewerbe erhielt sie Hausverbot. Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs floh die bald 65-Jährige nach London, nur ihre Schmidt-Rottluff-Sammlung und Künstler-Postkarten konnte sie herausschmuggeln. Alles andere versteigerten die Nazis als „Judengut“.

Im Londoner Exil lebte Schapire ärmlich in einem kleinen Zimmer in der Nähe der Tate Gallery, geringfügig unterstützt vom Warburg-Institut. 1950 schenkte sie der Tate mehrere Werke von Schmidt-Rottluff, darunter ihr Porträt von 1915, das sie als „Frau mit Handtasche“ zeigt. Auch anderen Museen vermachte sie gerettete Kunst. 1953 eröffnete sie in Leicester die erste Schmidt-Rottluff-Ausstellung auf englischem Boden mit einem letzten Vortrag über ihren alten Freund. Bis zum Schluss blieb ihr Zuhause der Expressionismus. Ihr Tod hatte Symbolcharakter: Sie starb am 1. Februar 1954 an einem Herzschlag in der Tate Gallery unweit ihrer Bilder.

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, bis 15. November, Katalog (Hatje Cantz Verlag) 35 €.

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