Rudolf Arnheim : Der Seher

Denken und Schauen, Bild und Begriff waren für ihn stets zwei Seiten desselben Vorgangs. Am Wochenende ist der Kunsttheoretiker Rudolf Arnheim im Alter von 102 Jahren gestorben.

Gregor Dotzauer

Denken und Schauen, Bild und Begriff waren für ihn stets zwei Seiten desselben Vorgangs. Rudolf Arnheim suchte nach einer Evidenz der Dinge, die in der Wahrnehmung gründet, sich im Emotionalen fortsetzt und in der Erkenntnis ihren Abschluss findet. „Ich arbeite über den Begriff der Abstraktion“, schrieb er 1964 an seinen Freund Erich Kästner. „Möchte zeigen, dass Abstraktion etwas dem Anschauungsprozess schon Eigenes ist. Sinnliches Denken.“ In der systematischen Erforschung dieses Zusammenhangs war er als Kunstpsychologe ein Revolutionär. Denn gegen Alexander Gottlieb Baumgarten, den Begründer der philosophischen Ästhetik, und gegen Immanuel Kant befreite er das Sinnliche aus seinem Dasein als bloßer Datensammlung. Und über alle Grundlagentheorie hinaus verlieh er seinem Plädoyer für „Anschauliches Denken“, wie eines seiner berühmtesten Bücher hieß, besondere Anschaulichkeit, indem er es auf die Bildenden Künste anwandte.

Schon als Student in Berlin schrieb der 1904 in der Nähe des Alexanderplatzes geborene und in Charlottenburg aufgewachsene Arnheim Filmrezensionen, bevor er 1928, im Windschatten der gestaltpsychologischen Schule jener Jahre frisch promoviert, Redakteur der „Weltbühne“ wurde. Dort arbeitete er, Kritik um Kritik, auf sein frühes Hauptwerk „Film als Kunst“ (1932) hin, um mit dem Aufkommen des Tonfilms das Interesse an der Gattung allmählich zu verlieren. Sein letzter großer Aufsatz zum Thema mit dem Titel „Neuer Laokoon“ – eine Variation auf Lessings „Laokoon“ über „die Grenzen von Malerei und Poesie“ – datiert aus dem römischen Exil 1938. Mit dem Stummfilm hatte für ihn das Genre seine Möglichkeiten weitgehend ausgeschöpft.

Über England gelangte er nach Amerika, wo er erst in New York und ab 1968 an der Harvard University in Boston Kunstpsychologie lehrte und mit „Kunst und Sehen“ und „Entropie und Kunst“ bedeutende Bücher schrieb – Letzteres auch eine Absage an die Dürre von Minimal und Concept Art aus dem Geist eines umfassenden sinnlichen Ungenügens, nicht eines geschmacklichen Konservatismus. „Womöglich bin ich ein Archäologe“, sagte er mit Blick auf das Entschwinden der Kunst, die ihm etwas bedeutete. Sein Ruhm als Filmtheoretiker hat ihn mit Preisen, Ehrendoktorwürden und Symposien dennoch immer wieder eingeholt. Am Samstag ist er in Ann Arbor im Bundesstaat Michigan im Alter von 102 Jahren gestorben. 

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