Schneiden und Reißen : Kopffüßler mit Fischschwanz

Das Barlach-Haus Hamburg zeigt Hans Arps witzige Figurinen. Ein besseres Ambiente für ihr Gastspiel in der Hansestadt hätten sich Arps guys and dolls kaum aussuchen können.

Ulla Fölsing
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Scherenschnitte aus den 60ern

HamburgWie einst Oskar Schlemmers geometrische Figurinen vom „Triadischen Ballet“ scheint die muntere Parade bunter Kugelmänner und Amphorenfrauen, Kopffüßler und Flügelwesen aus Papier und Karton lostanzen zu wollen: In den 1950er und 1960er Jahren fertigte Hans Arp, der verspielte Poet unter den abstrakten Künstlern, Hunderte von Papierpüppchen („Poupées“) in Scherenschnittmanier als sogenannte „découpages“. Aus den witzigen Formationen mit Ballonhaupt und Wespentaille, runden Hüften und Fischschwanz, Polyphem-Auge und Pinocchio-Nase holte sich der Tüftler immer neue Ideen für Collagen, Reliefs und Plastiken. Wie das im Einzelnen geschah, zeigt jetzt das Hamburger Ernst Barlach Haus in einer beeindruckenden Ausstellung von mehr als 200 geometrisierenden bis biomorphen Figurinen aus Arps spätem Schaffen zusammen mit 40 verwandten Zeichnungen und Klebearbeiten, Holz-, Gips- und Bronzeskulpturen.

Deutlich wird das Vergnügen des 1886 geborenen Dadaisten am formalen Genuss von Fingerübungen mit der Schere, aber auch seine effizienten Arbeitsschritte. Die gestalterische Vielfalt, die ikonische Strenge und die cartoonartige Typisierung der zwischen sechs und sechzig Zentimeter großen Papiertorsi allerdings machen das bisher wenig beachtete Puppentheater zu einer eigenständigen Werkgruppe des in Straßburg geborenen deutsch-französischen Pioniers der Moderne. Denn „jeder Scherenschnitt ist eine einfachste Skulptur“, so der Konservator Rainer Hüben im Katalog zur Schau.

Ein besseres Ambiente für ihr Gastspiel in der Hansestadt hätten sich Arps guys and dolls übrigens kaum aussuchen können: Das kleine feine Privat-Museum der Stiftung Hermann F. Reemtsma sieht sich mit seinen beeindruckenden Barlach-Beständen der menschlichen Figur verpflichtet, die Arps „théâtre humain“ nun so abwechslungsreich variiert. Vielen Betrachtern gelten Scherenschnitte inzwischen als anachronistische Kunstfertigkeit höherer Töchter zur Zeit des Biedermeier. Berühmt für seine 800 skurrilen Papierarbeiten war auch der dänische Märchendichter Hans Christian Andersen, der in geselliger Runde filigrane Ballerinen, Kobolde und Schmetterlinge schnippelte, während er Geschichten erzählte. Lediglich Henri Matisse schuf mit dieser Technik eine eigene Werkgruppe, als er sich – mit 72 Jahren nach einer Operation an Bett und Rollstuhl gefesselt – kaum mehr bewegen konnte.

Arps obsessive Lust am Schneiden und Reißen von Papier in seinen späten Jahren hatte jedoch nichts mit körperlicher Defizienz zu tun. Seine Schnittmuster und Schablonen bereiteten komplizierte Arbeiten vor – wie beispielsweise 1960 sein monumentales Wandrelief für die TH Braunschweig. Der Weg über Papierschnipsel und Collagen als Bausteine zu Anspruchsvollerem lässt sich in Hamburg verfolgen. „Man sieht die Figuren förmlich ins Plastische herüberwandern“, freut sich Karsten Müller, Leiter des Ernst Barlach Hauses.

Der junge Museumsdirektor hat die aktuelle Ausstellung aus Locarno in sein Haus geholt. Bis auf fünf ergänzende große Gipse aus der Hamburger Kunsthalle stammen die Werke mehrheitlich aus der Fondazione Marguerite Arp. Die 1988 gegründete Stiftung ist im ehemaligen Wohn- und Atelierhaus des Künstlers in Locarno-Solduno untergebracht. Sie beherbergt 1700 Werke der Moderne, darunter 750 Arbeiten von Hans Arp selbst. Die Witwe Arps, Marguerite Arp-Hagenbach, war seit den 1930er Jahren begeisterte Kunstsammlerin.

Auch Arps 1943 verstorbene erste Frau, die Künstlerin Sophie Taeuber-Arp, ist in der Hamburger Schau präsent: Ihr kleiner, bunt gewebter Wandteppich zeigte bereits im Entstehungsjahr, vermutlich 1918, eine von Hans Arps späteren Amphorendamen. 1963 erinnerte Arp, drei Jahre vor seinem Tod, liebevoll an die geniale Beziehung des Paares, als er mitten ins Herz seines anmutigen Puppenmannes auf der Collage „Le petit prince“ das Fragment eines Aquarells von Sophie Taeuber klebte.

Ernst Barlach Haus Hamburg, Baron-Voght-Straße 50a, bis 27. September, Di–So, 11–18 Uhr, www.barlach-haus.de.

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