''Schwerelos'' : Auf dem Nullmeridian

Kunst von Simon Faithful und Carla Guagliardi im Berliner Haus am Waldsee.

Nicola Kuhn

Die eine schwebt, der andere sinkt. Wohl selten hat es eine so poetische Zusammenschau zweier Künstler gegeben wie gegenwärtig im Haus am Waldsee. Unter dem Titel „Schwerelos“ vereint die Doppelausstellung die Brasilianerin Carla Guagliardi und den Briten Simon Faithful, die beide, wie es das Auswahlkonzept des Hauses vorsieht, seit mehreren Jahren in Berlin leben und arbeiten. Und dennoch bringen beide Künstler ihre heimatspezifischen Handschriften mit, die im Berliner Kontext eine neue Lesart gewinnen. Simon Faithful folgt mit seinem Werk den Spuren des britischen Land-Art-Künstlers Richard Long, Carla Guagliardi der großen brasilianischen Bildhauerin Lygia Clark, die in Deutschland durch die Documenta X von Catherine David neu entdeckt wurde. Insofern zeigt die Ausstellung zugleich, wie zwei Künstler scheinbar schwerelos aus der Tradition ihres Landes schöpfen und doch ein eigenes Werk entwickeln.

Dreißig Tage lang machte sich Simon Faithful in Südengland auf den Weg, immer am Nullmeridian entlang, wanderte konsequent auf der imaginären Linie durch Vorgärten, Wohnungen, überstieg Zäune und Grabsteine, um am Ende im Meer wieder zu verschwinden. Eine Kamera folgt diesem Buster Keaton der Kunst auf dem Fuße, der Ausstellungsbesucher schaut atemlos hinterdrein, wie sich der schlacksige Künstler mit seinem Navigationsgerät durch Unterholz robbt und mehrspurige Straßen überquert.

Der Ernst eines Richard Long, der entsagungsvoll Hunderte von Kilometern abschritt und markierte, wandelt sich hier zum ironischen Spiel, das jedoch eine melancholische Note besitzt. Denn bei Faithful geht es immer auch ums eigene Verschwinden, was wiederum gefährlich an den holländischen Künstler Jan Bas Ader erinnert, der von seinem letzten Segeltörn, einer zum Konzeptkunstwerk erklärten Bootsfahrt ins Nichts, tatsächlich nie mehr wiederkehrte. So schickte der 42-jährige Brite bei seinem „Escape Vehicle No. 6“ einen leeren Stuhl, der an einem Wetterballon hängt, in die Stratosphäre. Eine Kamera zeichnet den 30 Kilometer langen Weg in die Höhe auf, bis der Ballon schließlich zerplatzt und alles in die Tiefe stürzt. Nie waren der antike Mythos des Ikarus und die neueste Technik einander so nahe; die Banalität des aufsteigenden Stuhles, den es am Ende der Reise in Stücke zerschlägt, zeigt die Unerreichbarkeit des Menschheitstraums bis heute.

Und doch will die moderne Wissenschaft auch von einem Künstler wie Simon Faithful lernen. So lud ihn die britische Regierung vor vier Jahren zur Teilnahme an einer Expedition in die Antarktis ein, wo er auf seinem Palm Pilot digitale Zeichnungen von den Eisbergen anfertigte, 40 Tage lang die Aussicht aus einem Bullauge dokumentierte und schließlich eine in den sechziger Jahren verlassene Walstation filmte. Robben haben sich heute in der Geisterstadt einquartiert, die nun Seite an Seite in den alten Holzhütten schlafen oder schwerfällig über verrostete Schienen hoppeln. Ein besonders prachtvolles Exemplar niest dem Künstler mehrmals in die Kamera, als hätte es einen ordentlichen Schnupfen. Ja, verwandeln sich die Tiere denn hier vollends den Menschen an, fragt sich der erstaunte Betrachter. So hat das die Forschung vermutlich noch nicht gesehen.

Auch Carla Guagliardi hat ihren eigenen Wirklichkeitssinn. Das Arbeitsmaterial der Künstlerin besteht aus „Gummibändern, Ballons, Luft und Zeit“, wie an den Wandschildchen zu lesen ist. Ihre Skulpturen wirken wie gebaute Gedichte, in denen sich eckige und runde Formen, Objekte und Leerräume aufeinander reimen und zugleich ein Eigenleben führen. So entweicht den mit Gummibändern an die Wand gepressten Ballons die Luft, die Spannung der Latexbänder nimmt ab, das Werk verändert sich permanent. Das Kind von der Copacabana – die Künstlerin soll in ihrer Jugend täglich ins Meer gesprungen sein – baut so in ihr minimalistisches Werk Naturprozesse ein.

Diese Verbindung aus Härte und Sinnlichkeit zeigt sich am deutlichsten in der Wandarbeit „Der Ort der Luft“, bei der Stahlstangen in Latexbändern hängen. Sie sind zu zarten Zeilen miteinander verknüpft wie in einem überdimensionalen Klee-Aquarell. Das stählerne Gewicht zieht die einzelnen Linien im Laufe der Zeit immer weiter in die Tiefe. Nichts bleibt, wie es ist, lautet auch die Botschaft der eisernen Stangen, die in mit Wasser gefüllten, schlauchförmigen Säcken stecken und an die Wand gelehnt sind. Schon rieselt der Rost, das Wasser verfärbt sich. Die Zeit arbeitet mit.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 22. 2.; täglich 11-18 Uhr. Künstlergespräch am 5. 2., 19 Uhr. Performativer Vortrag von Simon Faithful am 19.2., 19 Uhr, in der Humboldt Universität.

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