Schwules Museum : Lange Haare machen schwul

Anlässlich seines 60. Geburtstags dokumentiert die Ausstellung „Allein unter Heteros“ eine wenig bekannte Seite des Ton-Steine-Scherben-Sängers Rio Reiser.

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Königin von Deutschland. RIo Reiser 1978 mit Lippenstift und Fummel, im Hintergund die Theatergruppe "Brühwarm". -Foto: R. Trautsch

„Ich wusste, was ich wollte“, vertraut Rio Reiser 1974 seinem Tagebuch an. Seine Handschrift ist geschwungen und makellos, es geht um einen Mann namens Roger. „Ich wollte ihn küssen, wollte mit ihm im Bett liegen, ihn umarmen, seinen Schwanz anfassen, ihn fühlen und ich wollte, dass er zärtlich zu mir war, dass er mir dasselbe gab.“ Aber: „Ich wusste auch, dass man das ,schwul’ nannte und ich wusste, dass es ,nicht normal’ war und ich wusste, dass eine Strafe darauf stand und ich wusste, dass es ,weibisch’ war und ich wusste, dass die meisten Leute es hassten.“

Rio Reiser, der 1996 im Alter von 46 Jahren starb, wurde als Sänger der Agitpropband Ton Steine Scherben berühmt. Er war Komponist, Texter, Schauspieler – und noch viel mehr. Zum Beispiel homosexuell. Eine Kabinettausstellung im Schwulen Museum, die auch – leider nur als Fotokopien – zwei Tagebuchseiten des Künstlers präsentiert, macht anlässlich seines 60. Geburtstag auf eine bisher kaum beachtete Facette der Kultfigur aufmerksam.

Die Schau zu Ehren des 1950 als Ralph Möbius in Berlin geborenen Sängers ist die einzige in Deutschland zum Jubiläum, wie Kurator Ulrich Dörrie halb stolz, halb augenzwinkernd sagt. Da macht es auch nichts, dass sie ziemlich klein geraten ist – sie besteht nur aus einem einzigen Raum. Bücher und Zeitschriften liegen unter Glas, Zeitungsausschnitte hängen neben Reisers Gitarre, seinem Bühnenoutfit, neben Kunstwerken, Plattencovern und Porträtfotos. Der besondere Clou aber sind 35 bisher unbekannte Polaroids.

Zu sehen sind Reisers Zimmer auf dem bandeigenen Hof im nordfriesischen Fresenhagen, der „König von Deutschland“ mit Plastikkrone auf dem Kopf. Dazu Schnappschüsse, so intim wie zurückhaltend: junge Männer, oft schlafend, Bandkollegen einige, andere Liebhaber – das vermutet jedenfalls Kurator Dörrie, die meisten Bilder sind undatiert und unbeschriftet. Unter ein Foto hat Reiser mit Goldstift „Schau mir in die Augen, Kleines“ geschrieben, es zeigt ihn vor einem Spiegel, hinter ihm eine Silhouette, die die blitzende Kamera hält.

„Rio Reiser war ein Künstler, der auch schwul war“, sagt Dörrie. Dass Reiser Männer liebte, habe er aber nie zum Kern seiner Identität gemacht. Dafür war das Thema Homosexualität für ihn auch zu problematisch. „Allein unter Heteros“, der Titel der Ausstellung bezieht sich auf diese Situation. Zwar war Rios Outing für Reisers zwei großen Brüder und seine Mitbewohner in der Kommune am Tempelhofer Ufer 32, in der die Scherben-Clique damals lebte, kein Problem. Sie waren sogar neugierig und „fanden das eigentlich ganz toll“, wie Reiser sich in einem Interview erinnert. Viele andere aber waren damals noch nicht so weit. In der Anarchoszene galt Schwulsein als dekadent. Reisers Biograf Hollow Skai schreibt, dass Rios lange Haare bei linken Studenten Anstoß erregten, weil sie angeblich deren „latente Homosexualität weckten“. So war das damals.

Aber auch für Reiser selbst war der Umgang mit seinem Schwulsein nicht einfach. Er wusste früh, dass er Männer mochte. Aber er machte das nicht öffentlich, war unsicher und gehemmt, tauschte sich nur im engsten Kreis aus. „Und dann – an einem Tag ging’s dann ratter-ratter-ratter“, erinnert der Sänger sich 1986 im Schwulenblatt „Siegessäule“. „Dass ich mich verliebt hatte und dachte: Tja, Gott, is eben so.“

In der Schwulenbewegung, die sich zu jener Zeit gerade zu formieren begann, war Reiser nie organisiert. Er wollte sich nicht für politische Zwecke vereinnahmen lassen. Damit hatte er schlechte Erfahrungen gemacht: Der Erwartungsdruck der Linken, der auf der Band als vermeintlichem Sprachrohr ihrer Politik lastete, war schließlich ein Hauptgrund dafür, dass der harte Kern der Ton-Steine-Scherben-Familie 1975 aus Berlin ins nordfriesische Flachland flüchtete, auf den Hof in Fresenhagen, wo sich der Freundeskreis auch heute noch regelmäßig trifft.

Zwei Jahre später blühte Rio Reiser dort richtig auf. Die Theatergruppe „Brühwarm“ kam aus Hamburg nach Fresenhagen, die Scherben sollten in ihrem Studio Musik für das neue Programm der Truppe aufnehmen. In seiner Bandbiografie erinnert sich Scherben-Bassist Kai Sichtermann: „Für Rio war es eine Befreiung, mit der brühwarmen Schwulen-Truppe zu leben und zu arbeiten. Er wurde offener, zugänglicher, und ging mit der eigenen Homosexualität viel unverkrampfter um.“ Plötzlich hatte Reiser eine eigene Bühne für sein Schwulsein. Und: Er war nicht mehr allein.

Was nicht heißt, dass er nun zum Partylöwen wurde. Noch Mitte der achtziger Jahre waren schwule Clubs und Kneipen nicht sein Fall. Für Reiser gab es da eine „Schwelle“, die er nur schwer überwinden konnte. Das lag an seiner Schüchternheit, aber auch an seiner Prominenz. Rio hatte viele Partner, aber er habe nie einen auf Augenhöhe gefunden, sagt Kurator Dörrie. Schließlich war er ein schwieriger Typ, berühmt und begehrt, genialisch und düster, immer auf Tour oder auf dem Trip.

Eine Beziehung aber hat ihn geprägt, es war eine seiner ersten, vielleicht die erste. Rio lernte den Nachbarsjungen Ralph Steitz im hessischen Nieder-Roden kennen. Im Januar 1966 sprach Steitz ihn an, er höre da immer so Musik aus dem Keller – ob man nicht zusammen etwas machen wolle? Irgendwann wurden aus der Kellerband die Scherben, aus Ralph Möbius wurde Rio Reiser und aus Ralph Steitz der Gitarrist R.P.S. Lanrue. Im Laufe der Jahre hielt Lanrue sich dann zwar doch eher an Frauen, das Verhältnis zu Rio blieb aber gut. „Die beiden konnten sich quasi telepathisch verständigen, ohne zu reden“, sagt Dörrie. Entsprechend stark war Reisers Bindung an Lanrue: „Mental ist der wichtig, der muss einfach dabei sein“, befand er einmal.

Rio Reisers größte Lebensliebe aber, so muss man das wohl schreiben, war die Musik. Seine Liebeslieder sind so zärtlich und ehrlich, so fröhlich und herzlich, dass sie im deutschsprachigen Pop ihresgleichen suchen. Noch heute. Schwul hin, schwul her. Am schönsten ist es natürlich, wenn Musik und Liebe zusammenfallen. In einem Text beschreibt Rio Reiser ein Erlebnis: „Auf irgendeiner Bühne. Lanrue spielt ein Solo. Ein Junge, der am Bühnenrand steht, winkt mich zu sich. Ich geh in die Knie ... und er küsst mich.“ Lanrue muss ein sehr langes Solo spielen.

Noch bis 8. März, Schwules Museum, Mehringdamm 61, Kreuzberg. Täglich außer Dienstag von 14 bis 18 Uhr, samstags bis 19 Uhr. Anlässlich des 60. Geburtstags zeigt das Babylon-Kino in Mitte zwei Wochen lang fast täglich Filme über Rio Reiser und die Scherben. Programm im Internet unter www.babylonberlin.de

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