Skulptur-Projekte Münster : Kunst zum Abschlecken

Wohlstandsmüll, geschreddert: Die Ausstellung Skulptur-Projekte in Münster will provozieren.

Nicola Kuhn

Jede Ausstellung besitzt ihr Lieblingswerk. Pawel Althamer hat es nicht nur der Outdoor-Ausstellung Skulptur-Projekte beschert, sondern vermutlich dem Mega-Kunstsommer insgesamt. Nach den Großevents von Venedig, Basel und Kassel stellt sich an der vierten Station in Münster endgültig Erschöpfung ein; den Marathon-Besucher beschleichen Fluchtgelüste – am besten weg hier. Althamers „Pfad“ bietet dafür die perfekte Gelegenheit. Unweit vom Aasee beginnt mitten in der Wiese ein Trampelweg, der quer zu allen anderen ansonsten asphaltierten Destinationen in diesem Naherholungsgebiet verläuft – einfach raus in die Natur, mitten ins Kornfeld hinein und noch weiter. Die schönste Kunst ist demnach gar nicht erst vorhanden. Das also hätte der heiß gelaufene Betrieb erreicht: dass er Überdruss produziert. Auch auf der Documenta gehört das Schloss Wilhelmshöhe mit dem Bergpark zu den Favoriten; hier lockt vor allem die Natur und nur in sehr reduzierten Dosen die Hochkultur.

Am Ende dieses Kunstsommers wird sich zeigen, ob die Zusammenballung der Ereignisse tatsächlich eine Steigerung der Publikumsmassen ermöglicht hat. Oder ob die prognostizierte Kehrtwende eintritt, das Interesse nachlässt. Documenta-Macher Roger M. Buergel dürfte jedenfalls zu kämpfen haben, dass tatsächlich 600 000 Besucher nach Kassel anreisen und er damit seinen Millionenetat ausbalanciert bekommt. Die letzte Skulptur-Projekte-Ausgabe vor zehn Jahren – die Ausstellung wiederholt sich im Dekadenabstand – haben 500 000 Menschen besucht. Das 1977 von den Münsteranern zunächst mit größter Feindseligkeit beäugte Unternehmen wurde damals fast zu Tode geliebt. Nun rudert Kurator Kasper König vorsichtig zurück, damit die Ausstellung nicht vollends vom Stadtmarketing als Werbeprodukt vereinnahmt wird.

Diese Widerständigkeit schlägt sich auch in den künstlerischen Beiträgen nieder. Althamers Fluchtversuch schließen sich noch andere Teilnehmer an. Statt sich mit der Stadt, dem urbanen Raum zu beschäftigen, wie vom Ausstellungskonzept ursprünglich vorgesehen, gingen sie ins Grüne, ließen Eibenhecken pflanzen, Gesänge über das Wasser schallen oder widmeten sie den Laubenpiepern ihre Aufmerksamkeit. Dem Markt wird damit eine klare Absage erteilt, denn diese Arbeiten entziehen sich jeglicher Verkäuflichkeit. Trotzdem sind solche Rückzüge noch längst keine Bankrotterklärung der Kunst, das beweisen auch die Verkaufserfolge der Art Basel. Aber die von thematisch vagen Sammelausstellungen wie die Biennale von Venedig, die Documenta oder „Made in Germany“ in Hannover hinterlassene Unbefriedigtheit dürfte doch ein Umdenken zur Folge haben.

Gewinner des Kunstsommers

Gewinner dieses Kunstsommers werden voraussichtlich die Skulptur-Projekte Münster sein, die in ihrer Langzeitstudie Antworten auf eine präzise Fragestellung suchen: Was soll uns heute Kunst im öffentlichen Raum? Stadtmöblierung, reine Zierde oder eine kritische Untersuchung der zunehmenden Privatisierung des Urbanen? Für das im Vergleich zu den vorangegangenen Sommerevents bescheidene Unternehmen wurden nur 34 Werke produziert, die der Besucher nach Münsteraner Manier am besten mit dem Fahrrad aufsucht. Diese Vorliebe für das Velo verarbeitet der Israeli Guy Ben-Ner mit Versatzstücken berühmter Beispiele der modernen Kunst zu einem neuen Werk. Zusammen mit seinen beiden Kindern nahm er heimlich Picassos Stierschädel aus Sattel und Lenker auseinander, bei Beuys’ „Batterie“ klaute er sich die Pumpe, bei Duchamp die Felge, bei Tinguely das Gestell und kombiniert daraus sein eigenes Rad, mit dem er den Kunst-Parcours abfährt.

Ans Kinderherz scheint zunächst auch der „Streichelzoo“ von Mike Kelley zu appellieren, der sich in einem Hinterhof zwischen Parkhaus und Verwaltungstrakt niedergelassen hat. Doch der Amerikaner mit dem Faible für menschliche Abgründe belässt es nicht dabei: Ins Zentrum der kleinen Manege stellt er als übergroßen Leckstein ein Abbild von Lots zur Salzsäule erstarrtem Weib. Kühe, Ponys, Ziegen schlecken im Laufe der dreimonatigen Ausstellung diese Skulptur klein; der Lustgewinn für Mensch und Tier ist programmiert.

Nicht immer kommt die Botschaft der Beiträge so subtil herüber. Silke Wagner etwa platzierte als übergroße menschliche Litfaßsäule die Figur des stadtbekannten Münsteraners Paul Wulf in die Fußgängerzone. Wulf prozessierte wegen seiner Zwangssterilisierung im Dritten Reich erfolgreich gegen den Staat. Teile seiner Dokumentation ebenso wie Flugblätter der Anti-AKW-Bewegung oder Artikel über Hausbesetzungen kleben auf dem Betonleib der über drei Meter großen Figur. Das wirkt zwar propagandistisch platt, holt jedoch eine öffentliche Diskussion dahin wieder zurück, wo sie durch die Dominanz von Shoppingmalls und Konsumtempel ihren Ort verloren hat. Auch Andreas Siekmann haut mit seiner Installation im Vorhof des barocken Erbdrostenhofs kräftig drauf. Hier ließ er diverse Stadtmaskottchen, Berlins Buddy-Bären oder die Hamburger Hummel-Hummel-Figur, schreddern und zu einer über drei Meter großen Kugel zusammenpressen. Denn hinter dem vermeintlichen Verschönerungsversuch in Gestalt der unsäglich simplen Skulpturen verbirgt sich letztlich nur eine weitere Animation zum Konsum.

Kunst muss wehtun

Siekmanns Lehrstück vor Münsters „schönster Ecke“, wie der Erbdrostenhof im Volksmund heißt, wird nicht nur Zustimmung finden, ähnlich wie Martha Roslers Platzierung eines steinernen Adlers aus dem „Dritten Reich“ vor einer Einkaufspassage von Josef Paul Kleihues, was nun die faschistoide Architektursprache unmittelbar sichtbar macht. Genau das aber haben sich Kasper König und seine beiden Co-Kuratorinnen Brigitte Franzen und Carina Plath gewünscht: Kunst muss wehtun, sonst wirkt sie nicht.

Isa Genzken allerdings dürfte es umgekehrt ergehen. Die Künstlerin des deutschen Pavillons auf der Biennale di Venezia geht mit ihren fragilen Skulpturen in den Außenraum und wartet ab, was passiert. Zerstörung inbegriffen. Auf dem Platz vor der Kirche Unserer Lieben Frauen hat sie zwölf Assemblagen platziert aus Sonnenschirmen, Campingstühlen, aufblasbaren Bassins und Wasserpistolen. Hauptdarsteller sind Kinderpuppen, die sie mal mit Silberlack übersprüht, mal merkwürdig verdreht, so dass der Betrachter kaum noch unterscheiden kann, ob diese Deformation Absicht ist oder der Vandalismus schon begonnen hat. Als Formation bilden die zwölf Kompositionen aus sommerlichem Wohlstandsmüll vor dem Kirchenhintergrund ein großartiges Bild, weit packender als im deutschen Pavillon. Denn hier entschwebt die Künstlerin nicht in den luftleeren Raum wie ihre Astronauten in den Giardini, sondern sie stellt sich konkret einer Diskussion: des Umgangs mit Kunst im öffentlichen Raum, der Verwahrlosung von Kindern in einer Zeit, die nur noch das Zuviel kennt. Das Gleiche gilt für die Kunst. Abwarten, vielleicht wird der Megasommer ’07 der Anfang einer neuen Bescheidenheit.

Mehr unter www.skulptur-projekte.de

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