Skulpturen : Böse Flöte

Wenn die Götter grausam werden: Das Frankfurter Liebieghaus ist wiedereröffnet. Wer das Museum am Mainufer heute besucht, genießt in Haus und Garten beinahe Privatatmosphäre.

Michael Zajonz

Missgunst und Rache sind menschlich. Gott, zumindest der Christengott des Abendlandes, ist frei davon. Er benimmt sich tadellos. Göttlich. In den Mythen und Erzählungen über die Götterwelt der alten Griechen und Römer wimmelt es hingegen nur so von Fehlverhalten. Da wird nach Herzenslust gelogen, betrogen und gemordet. Was ihr Verhalten anging, waren die Götter der Antike auch nur Menschen.

„Die Launen des Olymp. Der Mythos von Athena, Marsyas und Apoll“ heißt die Ausstellung, mit der das Frankfurter Liebieghaus seine Antikenabteilung wiedereröffnet. Damit ist die Rundumerneuerung des 1909 gegründeten Spezialmuseums für Skulpturen vorerst abgeschlossen. Bereits im März hatten die übrigen Abteilungen des Hauses neu eröffnet. Das Liebieghaus glänzt – vor allem mit Mittelalter und Barock vom Feinsten. Sammlungsschwerpunkte, die es nicht von der Menge, aber durch die Qualität ihrer Spitzenstücke locker mit dem Berliner Bode-Museum aufnehmen können.

„Die Launen des Olymp“ führen als Ausstellung exemplarisch vor, was Max Hollein, Direktor des Frankfurter Museumsverbundes, und sein Antike-Kustos Vinzenz Brinkmann mit dem Liebieghaus vorhaben. Skulpturen und Keramikobjekte der ständigen Sammlung, ergänzt um Leihgaben aus den Antikenmuseen Europas, sehen vor tiefrot gefärbten Wänden nicht nur gut aus, sie erzählen auch Geschichten. In diesem Fall eine blutrünstige, von Missgunst und Rache. Am Anfang setzt der römische „Marsyassarkophag“ aus dem Louvre figurenreich die Geschichte von Athene, Marsyas und Apollo in Szene: vom blutigen Beginn bis zum gewalttätigen Ende.

Den Abschluss bildet Sandro Botticellis „Weibliches Idealbildnis“ aus dem benachbarten Städel. Ein prominentes Beispiel für das Fortleben des Götterkrimis in der Neuzeit. Schließlich trägt die unbekannte Schöne aus dem Dunstkreis der Florentiner Familie Medici ein Medaillon, das nach antikem Vorbild die Schändung des Marsyas zeigt.

Im Zentrum der Präsentation steht eine Wiedervereinigung. Zur hauseigenen Athena-Figur des Bildhauers Myron (das verlorene Original wird hier in einer kaiserzeitlichen römischen Kopie repräsentiert) gesellt sich eine Marmorwiederholung des dazu passenden Marsyas aus dem Vatikan. Um 450 v. Chr. hatte Myron – bekannt durch seinen Diskuswerfer – Athena und Marsyas als große Bronzegruppe für die Athener Akropolis geschaffen. Das vor dem Parthenon aufgestellte Bildwerk gehörte zu den berühmtesten Kunstwerken der Antike.

Im Garten des Liebieghauses kann man an einer modernen Bronze-Rekonstruktion erkennen, was die ihrer Gliedmaßen beraubten Antiken nicht mehr aussagen: Gerade hat die behelmte Athena die von ihr erfundene Flöte, Aulos genannt, weggeschleudert – im Zorn darüber, dass das Spiel darauf ihre Gesichtszüge entstellt hat. Und schon stolpert der Silen Marsyas, ein Mischwesen aus Ziegenbock und Mensch, zufällig über das Instrument, das in der Antike als Doppelflöte (Auloi) gespielt wurde. Er wird es auf diesen Vorläufern des Dudelsacks zum Virtuosen bringen, mit tödlichen Folgen. Der Gefolgsmann des Weingottes Dionysos musizierte so gut, dass sich Athenas Bruder Apollon, Gott der schönen Künste, an seiner Ehre gepackt fühlte. Er lud Marsyas zum Wettbewerb, dessen Regeln der Olympier noch während des Spiels zu seinen Gunsten modifizierte. Weil Marsyas unterliegen musste, gab es auch kein Entrinnen vor der furchtbaren Strafe. An einen Baum gefesselt wurde er bei lebendigem Leib gehäutet.

Das Blutbad hat griechische Bildhauer und Vasenmaler zu geradezu liebevollen Ausdeutungen angeregt. Rührend der seine Niederlage erkennende Marsyas auf rotfigurigen Vasen des 5. und 4. vorchristlichen Jahrhunderts: In sich zusammengesunken steht ihm die struppige Körperbehaarung zu Berge. Vor der Darstellung der Häutung schreckte man im Altertum zurück. Erst die Künstler der Neuzeit, allen voran Tizian (dessen berühmtes Alterswerk aus Kromeriz/Böhmen nicht entleihbar ist), haben das sinnlose Schlachten bedrückend virtuos in Szene gesetzt.

Dass andere Epochen das Urthema Gewalt weniger ostentativ in ihren Götter- und Menschenbildern zur Schau stellten, zeigt ein Gang durchs Liebieghaus. Ein Fest der dritten Dimension, das sich vor dunkelgrauen, roten und tiefblauen Wänden entfaltet. Meisterwerke massenhaft, von Hans Multschers nur handgroßem Dreifaltigkeitsrelief aus farbig gefasstem Alabaster bis zu Johann Heinrichs Danneckers klassizistischer Femme fatale „Ariadne auf dem Panther“.

Das Liebieghaus, benannt nach der Türmchen-Villa des Textilbarons Heinrich von Liebieg, feiert die große Zeit des Sammlermuseums. Seinem Gründungsdirektor Georg Swarzenski, der 1938 in die USA emigrieren musste, ist es früh gelungen, nach dem Vorbild Wilhelm von Bodes und der Berliner Museen Mäzene für das Haus zu begeistern. Wer das Museum am Mainufer heute besucht, genießt in Haus und Garten beinahe Privatatmosphäre. „Für die einen Museum, für die anderen Oase“ dichtet dazu Holleins PR-Agentur.

Im intimen Dachgeschoss der Villa lebt der Geist der Gründergeneration auf: in neu eingerichteten Räumen, die Sammler-Archäologen wie Adolf Furtwängler oder Carl Maria Kaufmann, ihrer wissenschaftlichen Leistung und ihrem Bürgersinn gewidmet sind. Die bescheidenen Räume formulieren die Essenz des Museums. Sie erklären, wie das Liebieghaus wurde, was es ist. Und warum es gut so ist. Den Göttern sei Dank.

Frankfurt/Main, Schaumainkai 71. Ausstellung „Launen des Olymp“ bis 21. September, Katalog im Michael Imhof Verlag, auch im Buchhandel 22 €.

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