Skulpturenschau in Münster : Hundert Tage Großstadt

Kunst als "Langzeitstudie": Die vierte Kunstschau "skulptur projekte" in Münster fand nach vierzig Jahren mehr Beachtung als je zuvor. Fortsetzung folgt.

Juliane Albrecht[dpa]
Münster Foto: dpa
Das Kunstwerk "Blume für Münster" von Marko Lehanka auf dem Prinzipalmarkt in Münster. -Foto: dpa

MünsterEinige hundert Fahrräder mehr oder weniger fallen in Münster eigentlich nicht ins Gewicht. Der gemächliche Tritt hunderter kunstinteressierter Pedalritter aus aller Welt, ausgerüstet mit Kamera und Stadtplan, ließ den Verkehr in diesem Sommer aber selbst in der deutschen Fahrradhochburg mitunter stocken. Dafür brachte die rund 100-tägige Kunstschau "skulptur projekte" ein Großstadtgefühl mit bisher kaum gekanntem internationalen Flair ins beschauliche Münster.

Wenn die vierte Ausgabe der Freiluftausstellung am Wochenende zu Ende geht, haben weit mehr als eine halbe Million Besucher die zeitgenössischen Skulpturen, Videoeinstallationen, Projekte und Aufführungen 34 deutscher und internationaler Künstler gesehen. Zwar erlebte die Freiluftausstellung bereits vor zehn Jahren ihren eigentlichen Durchbruch - nach zunächst heftiger Ablehnung zum Start 1977 und einer eher nüchternen Akzeptanz 1987. Eine derart offensive Vermarktung und internationale Beachtung aber erlebte die Schau in diesem Jahr zum ersten Mal.

Ausstellung im Zehnjahresrhythmus

Für die Macher der im Zehnjahresrhythmus stattfindenden Schau ist vor allem der überregionale Kunstblick auf Münster ausschlaggebend für die Fortschreibung ihrer "Langzeitstudie", wie Kasper König, Kurator der ersten Stunde, die Skulpturenschau schon in der Anfangsphase umschrieb. Die Ausstellung hinterfrage immer wieder grundsätzlich das aktuelle Verhältnis zwischen Kunst und öffentlichem Raum, sagt Kuratorin Brigitte Franzen.

Mehrere hundert Journalisten kamen schon zur Eröffnung Mitte Juni. Kunstmagazine erschienen mit Sonderausgaben, viele Tageszeitungen mit Sonderseiten. Die Erstauflagen des deutschen und des englischsprachigen Katalogs waren bereits in der ersten Woche vergriffen. Münster fand Eingang in die sogenannte "Grand Tour" des europäischen Kunstsommers, erwähnt in einem Atemzug mit den Großen der Kunstszene - Biennale Venedig, documenta Kassel und Art Basel.

Kunstscherze und -diebstähle

Wörtlich nahmen das "Experiment" einige Besucher, die mal skurril und kreativ, mal aber auch böswillig selbst aktiv wurden. Der bereits zum vierten Mal ins "skulpturen"-Rennen geschickte Caravan des US-Amerikaner Michael Asher verschwand vorübergehend spurlos und wurde schließlich im 14 Kilometer entfernten Telgte entdeckt. Die Lautsprecher des Klangprojektes von Susan Philipsz mussten nach mehrmaligem Diebstahl unter Strom gesetzt werden. Gelegentlich an Straßenecken drapierter Sperrmüll ging dagegen ebenso als Kunstscherz durch wie zwölf Fahrräder, die kreative Spaßvögel auf dem meterhohen Dach einer öffentlichen Toilette kunstvoll arrangiert hatten.

Welche der echten Kunstwerke in die bereits umfängliche Auswahl der seit 1977 in Münster entstandenen und dauerhaft gebliebenen Werke aufgenommen werden, ist noch nicht entschieden. Auch nicht, ob es 2017 zum fünften Mal "skulptur projekte" geben wird - aber: "Es liegt schon in der Luft", sagt Franzen.

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