Sommer der KUNST : Heiß und kalt zugleich

Kuratoren erklären, was man sehen muss und was nicht. Diesmal: Yilmaz Dziewior, seit 2001 Leiter des Kunstvereins in Hamburg.

Was hat Sie am meisten geärgert?



Die documenta: Selten habe ich eine Ausstellung mit ernst zu nehmendem Anspruch gesehen, die so inadäquat mit den Künstlern und Kunstwerken umging wie die von Roger Buergel und Ruth Noack kuratierte documenta 12. Dies ist besonders bedauerlich, da die grundsätzlichen Fragen, die den Ausgang ihrer Überlegungen bildeten, bedeutsam sind und Arbeiten wie die von Eleanor Antin, Yael Bartana, Cosima von Bonin, Trisha Brown, James Coleman, Lukas Duwenhögger, Harun Farocki, Luis Jacob, Amar Kanwar, Nasreen Mohamedi, Florian Pumhösl, Dierk Schmidt, Nedko Solakov, Lidwien van de Ven oder Simon Wachsmuth sehr beeindrucken. Die absolute Dekontextualisierung ihrer Arbeiten und die oft banalen Gegenüberstellungen sind allerdings nicht nur verantwortungslos, sie zeugen auch von einer Kunstauffassung, die die Erkenntnisse und Leistungen des postkolonialen Diskurses und der Globalisierungsdebatten der letzten Jahre komplett ignoriert. Dass dies in Form eines fast monarchischen und überheblichen sowie vollkommen rückwärts gewandten Gestus’ passiert, ist noch das geringste Übel.

Worüber haben Sie sich besonders gefreut?

Über die Installation von Isa Genzken im Deutschen Pavillon. Da ich ihre Arbeit seit vielen Jahren verfolge und sehr schätze, lag mir ihr Auftritt im Deutschen Pavillon besonders am Herzen. Mich begeistert, wie sie es geschafft hat, die wechselvolle Geschichte dieses Ortes zu reflektieren. Es ist ihr gelungen, in einer Mischung aus sensiblem Eingriff und Chuzpe einen Raum zu entwerfen, der kalt und heiß zugleich ist.

Welche Entdeckungen haben Sie gemacht?

Die Installation von Katrin Mayer im Berliner Ausstellungsraum JET. Hier beeindruckte mich vor allem ihre analytische Art, sich mit der Displayfunktion des Raums und seinem Verhältnis zum unmittelbaren urbanen Umfeld auseinanderzusetzen. Sie zählt zu einer Gruppe von jungen Künstlerinnen und Künstlern, die an der Hamburger Kunsthochschule bei Eran Schaerf studiert haben und dezidiert kontextualistische Strategien mit einem sehr subjektiven Ansatz verbinden.

Yilmaz Dziewior (42) leitet seit 2001 den Kunstverein in Hamburg. Er schreibt für internationale Kunstmagazine und unterrichtet als Professor Kunsttheorie an der HdK in Hamburg.

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