Sprache : Au, weia!

Wie es dem Deutschen geht: eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin.

Peter von Becker
Schoermeni
Aller Anfang. "Mies Schörmeni", eine anonyme Aufnahme aus den 50er Jahren. -Foto: DHM

Schon 1994 hat der „Spiegel“ eine Titelgeschichte „Deutsch: Ächz, Würg“ genannt und mit der drohenden Botschaft verbunden: „Eine Industrienation verlernt ihre Sprache“. Eben hierfür war womöglich auch das nicht so ganz korrekte große „W“ beim dritten Kürzelseufzer des „Spiegel“-Comic-Covers (altdeutsch: Karikaturen-Umschlags) ein Anzeichen.

Heute, 25 Jahre später, befürchten zwei Drittel aller Deutschen, die ihrerseits kaum noch einen Genitiv vom Dativ oder „scheinbar“ von „anscheinend“ unterscheiden können, dass „unsere Sprache verkommt“. Und in der Berliner Akademie der Wissenschaften wies der Kunsthistoriker Hans Belting gerade diese Woche in einer programmatischen Rede darauf hin, dass deutsche Forscher nicht nur in den Naturwissenschaften international kaum noch wahrgenommen würden, wenn sie ihre Arbeiten nicht zuerst oder gleichzeitig in Englisch veröffentlichten.

Von solcher Untergangsstimmung war nun im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums (DHM) zur Eröffnung der Ausstellung „die Sprache Deutsch“ (mit apart kleinem „die“!) nichts zu spüren. Bei der Pressekonferenz, die der ersten Gemeinschaftsproduktion des Bonner Hauses der Geschichte und des Berliner DHM zusammen mit dem Goethe-Institut galt, war das Auditorium zur Überraschung von DHM-Generaldirektor Hans Ottomeyer völlig überfüllt. Sein Bonner Kollege Walter Hütter, der im Haus der Geschichte kürzlich die Komplementär-Ausstellung „man spricht Deutsch“ (mit kleinem „man“) eröffnet hat, spricht schon von einem Besucherrekord und kündigte in Berlin an, die bis 1. März geplante Bonner Schau „bis Ostern zu verlängern“.

Das Goethe-Institut will Elemente beider Ausstellungen weltweit zeigen, zuerst im Herbst bei einer globalen Deutschlehrerkonferenz im texanischen Houston, und Goethe-Präsident Klaus-Dieter Lehmann jubelt sanft: Außenminister Frank-Walter Steinmeier wolle die Zahl der bisher etwa 500 Goethe-Sprachschulen künftig verdoppeln. Von der CDU-Idee, Deutsch als Landessprache im Grundgesetz zu verankern, hält Lehmann dagegen wenig. „Deutsch ist keine gefährdete Sprache. Auch das Denglisch der Wirtschaft wird es nicht umbringen. Umgekehrt sind wir das Land mit den meisten Übersetzungen. Beispielsweise für viele kleinere osteuropäische Sprachen bedeuten Übersetzungen von Büchern ins Deutsche das Tor zur Welt – erst dann werden sie im englischen Sprachraum wahrgenommen.“ Amüsiert fügte Lehmann in Berlin noch an, dass die Nachfrage nach deutschen Sprachkursen etwa in Frankreich und Japan „derzeit signifikant zunimmt“ – dank des Erfolgs der Band Tokio Hotel. . .

Im Pei-Bau des DHM beginnt „die Sprache Deutsch“, kuratiert von Heidemarie Anderlik und Katja Kaiser, in einer mit 16 integrierten Lautsprechern bestückten „Tonschleuse“. Collagen von anonymen Lauten bis zu altdeutschen Klangböen oder Zitaten von Mark Twain bis Ludwig Wittgenstein markieren in vielen Zungen gleichsam das babylonische Entree. Danach folgen anatomische Modelle der Mundhöhle, ein Wandatlas der rund 6000 Weltsprachen, und ohne weitere Beachtung der inzwischen so einflussreichen neurobiologischen Hirn- und Sprachforschung landet man bei einer hübschen Auswahl kulturhistorischer Zeugnisse jenes „Deutschs“, das auf das germanische Wort für Volk zurückgeht und althochdeutsch als „thiot“ belegt ist. Gut 250 Exponate – Bücher, Manuskriptblätter, Büsten, Gemälde, Phonographen, Tonträger,Videos, Varia und Kuriosa – aus 64 Sammlungen drängen sich in Vitrinen und auf Bildschirmen im Halbdunkel eines einzigen, untergliederten Ausstellungsraums im Erdgeschoss des Pei-Baus.

Das Problem ist einmal mehr, wie bei anderen im Detail sehr guten DHM-Ausstellungen: Vieles ist zu eng, zu gruftig oder gar verhuscht arrangiert. Ohne größere, weitläufigere Perspektive. Ohne Sinn für die Aura einzelner, je für sich herausragender Objekte. Gibt es hier doch Kostbarkeiten wie die Abrogans-Handschrift der Staatsbibliothek St. Gallen aus dem späten 8. Jahrhundert, das wohl erste lateinisch-deutsche Wörterbuch, oder das erste jiddische Dokument. Daneben Goethes wunderschöne, mit dem eigenen Porträt geschmückte Schreibschatulle für Ulrike von Levetzow. Oder Originalmanuskripte wie eine Szene aus Lessings „Emilia Galotti“ oder Kleists „Zerbrochnem Krug“ (der Stücktitel ist in der Ausstellung falsch geschrieben!), ein mit Bühnenskizzen versehenes Regiebüchlein Max Reinhardts für Büchners „Dantons Tod“, Gedichte von Brecht, Prosa von Thomas Mann, Döblin und Franz Kafka.

Der Sprung geht so von Vitrine zu Vitrine und Screen zu Screen. Im Abschnitt „Geteiltes Deutsch“ liest man verwundert, dass der Mietvertrag für eine Wohnung im volkseigenen Betrieb mit der Bestimmung beginnt: „Die Sorge um den Menschen steht bei allen von unserer Regierung getroffenen Maßnahmen im Vordergrund“. Dass Worte wie „Weltreise“ und „Menschenrecht“ nicht im DDR-Wörterbuch vorkamen, erfährt man freilich nur im Bonner Teil der Ausstellung.

In Bonn ist offenbar ein eigens konstruierter Schreibroboter, der mit einem Zufallsgenerator unaufhörlich Tief- und -unsinnssätze wie „Die ganze Schöpfung strebt zum Zeichen“ gebiert, die zentrale Attraktion. In Berlin bildet die Mitte eine gelb-orangene kreisrunde Lese- und Hörlounge, dekoriert von Reclamheftchen. Ansonsten reiht sich vieles und alles nur aneinander: Wagners eigenhändiges „Rheingold“-Blatt mit seinem „Weia! Waga! Woge, du Welle“, die lustigen nach-68er Sprachkultur-Comics von Marie Marcks, hier Loriot gestern, dort eine SMS-Chatwall heute oder zur Werbesprache eine Vitrine „Geiz ist geil“. Anything goes – aber alles auf deutsch. Weil Sprache halt fast alles ist und nur der Rest noch Schweigen.

„die Sprache Deutsch“, bis 3. Mai im Pei-Bau, täglich 10-18 Uhr.

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