Staatliche Museen : Das Fremde gehört in die Mitte

Kunsthistoriker Michael Eissenhauer leitet bald den größten deutschen Museumsverbund. Mit dem Tagesspiegel spricht er über die Zukunft der Staatlichen Museen im globalen Zeitalter.

Eissenhauer
Michael Eissenhauer -Foto: promo

Herr Eissenhauer, in Zukunft werden Sie den größten deutschen Museumsverbund leiten. Auch in Kassel stehen Sie an der Spitze eines gewaltigen Verbandes. Welche Arbeit kommt in Berlin auf Sie zu?

Die stark konzeptionell orientierte Arbeit, wie ich sie hier in Kassel leiste, möchte ich auch in Berlin weiterführen. Öffentlich am ehesten wahrnehmbar war bislang meine Rolle als Präsident des Museumsbundes. Am wichtigsten sind mir aber die traditionellen Aufgaben des Museums: nicht im Sinne von „Traditionen“, sondern eingebettet in den heutigen Dialog. Wir müssen uns immer fragen, in welcher Verantwortungsdimension wir stehen. Wir müssen deutlich machen, dass Museen als öffentlich finanzierte Aufgabe sich nicht auf Profitcenter-Mentalität „heruntermendeln“ lassen dürfen. Dafür müssen die Museen aber etwas tun. Wir waren vor 200 Jahren schon da, aber müssen begründen, warum wir in 200 Jahren auch noch da sein wollen. Wir müssen dem Steuerzahler gegenüber rechtfertigen können, warum er unsere Aufgaben finanziert. Deshalb meine ich, dass wir ernsthafte Akzente setzen müssen: Wo ist unser Beitrag zur globalisierten Welt? Wo ist unser Beitrag zu den Fragen, die die Menschen hier und heute bewegen?

Beim Stichwort „Globalisierung“ kommt einem sofort das künftige Humboldt-Forum in den Sinn.

Es ist gut, dass diese Entscheidung getroffen worden ist. Der Konsens, diesen Premium-Bauplatz in der Mitte Berlins zu besetzen, ist eine mutige Entscheidung – ein Forum zu gründen mit einem Inhalt, der die globalisierte Welt von heute zum Gegenstand hat. Über das Leitmotiv dahinter besteht vollständige Einigkeit: den wichtigsten Bauplatz Berlins zu reservieren für den fremden Blick, und damit meine ich unseren Blick als den Blick des Fremden auf die außereuropäischen Kulturen, und diesen Gesichtspunkt dann einzuordnen in den traditionellen Blick auf die europäischen Kulturen, wie ihn die Museen auf der nahen Museumsinsel vorführen.

Über den „Inhalt“ des Humboldt-Forums ist allerhand Großartiges gesagt worden...

Das, was ich davon weiß, finde ich anregend und spannend. Es muss ein weithin tragfähiger Inhalt formuliert werden, und das kann nicht im stillen Kämmerlein eines Generaldirektors geschehen. Wir müssen herausfinden, wie tatsächlich die Bedürfnislage ist. Wir müssen uns fragen, ob die Leitidee des Humboldt-Forums in aller politischen Breite konsensfähig ist. Das kann ich aus der Ferne noch nicht beurteilen.

Mit Hermann Parzinger bekommt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz einen neuen Präsidenten, die Nationalgalerie mit Udo Kittelmann einen neuen Direktor. Wie kann die Zusammenarbeit aussehen?

Das gegenseitige Beschnuppern, das es natürlich vor der Stiftungsratssitzung am vergangenen Dienstag gegeben hat, hat klar gemacht, dass wir drei uns gut zu ergänzen scheinen. Wir haben eine ähnliche Vorstellung von unserer zukünftigen Arbeit, insbesondere davon, welche Rolle die Staatlichen Museen innerhalb dieses Dampfers Stiftung Preußischer Kulturbesitz spielen sollen und welche Rolle innerhalb Berlins.

Welche Prioritäten wollen Sie zu Beginn Ihrer Amtszeit setzen?

Zur Bestimmung von Prioritäten ist jetzt noch nicht die Zeit. Ich kann nicht einfach herkommen und sagen, das und das fange ich an. Ich sehe mich erst einmal in einer guten Kontinuität zu den bisherigen Vorhaben. Die Konzepte, die bislang Grundlagen der Planung waren, sind tragfähig, das betrifft insbesondere den Masterplan für die Museumsinsel mit der archäologischen Promenade.

Nun geht es nicht mehr nur um herkömmliche Museen, wie das Vorhaben Humboldt-Forum zeigt.

Den multidimensionalen Blick auf das historische Erbe habe ich hier in Kassel gelernt. Es gibt keine Einzelzuständigkeit in Sachen kulturelles Erbe. Gewiss bin ich Kunsthistoriker, habe aber die unterschiedlichen Genres unseres Gewerbes mehrfach gewechselt.

Wie werden die Aufgaben zwischen Ihnen und dem künftigen Präsidenten verteilt?Beim Tandem Lehmann–Schuster hat diese Verteilung funktioniert.

Genau! Und die jetzt gewählten Leute sind allesamt Teamspieler, das ist eine Eigenschaft, die mir besonders sympathisch ist.

Wie steht es mit der wissenschaftlichen Arbeit, die in den zurückliegenden Jahren Arbeit nicht so recht im Mittelpunkt stand?

Bei den Vorgesprächen hat das eine große Rolle gespielt. Unsere Interessen gehen absolut in die gleiche Richtung. Im Inhalt der Arbeit geht es mir darum, was Museumsleute tun, wenn sie ihre Arbeit gewissenhaft erledigen: Das ist nämlich Grundlagenforschung, Forschung, um die Erkenntnis zu vertiefen. Sie ist im Museum immer objektbezogen. Ohne die Objekte der Sammlungen geht es nicht.

Als Generaldirektor werden Sie – anders als Ihr scheidender Vorgänger – nicht zugleich ein eigenes Museum führen. Werden Sie Ihre Aufmerksamkeit gleichmäßig auf alle 17 Staatlichen Museen verteilen?

Ein Generaldirektor muss immer ein guter Moderator sein. Ich sehe es als meine selbstverständliche Aufgabe an, meine Aufmerksamkeit auf alle Museen gleichmäßig zu richten.

In Kassel sind Sie Ihr eigener Herr, Ihr Ansprechpartner ist der hessische Kulturminister. In Berlin haben Sie es mit einer Vielzahl von politischen Akteuren zu tun.

Da sind wir wieder beim Thema Aufgabenteilung. Wenn der künftige Präsident es wünscht, dass sich der Generaldirektor politisch einbringt, stehe ich selbstverständlich gern zur Verfügung.

Wie schätzen Sie das politische Kräftespiel in Sachen Preußen-Stiftung ein?

Ein gutes Zeichen ist doch, dass es im Stiftungsrat keiner langen Diskussion bedurfte, um ein einstimmiges Votum herbeizuführen. Das ist doch ein guter Rückenwind! Wir Neuen sehen uns gewiss nicht zwischen irgendwelchen Stühlen sitzend, sondern haben die Unterstützung aller 16 Bundesländer, oder sagen wir: aller 15 Länder und Berlins gespürt. Wir freuen uns darüber und sehen das als eine große Chance.

Das Gespräch führte Bernhard Schulz.

Letzte Woche kürte der Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die beiden Nachfolger für den im Herbst 2008 scheidenden Peter- Klaus Schuster (64): Michael Eissenhauer (Foto unten) als Generaldirektor der Staatlichen Museen

Berlin, Udo Kittelmann als Direktor der Nationalgalerie. Beide Ämter

übt Schuster in

Personalunion aus.

Eissenhauer (51) ist

promovierter Kunsthistoriker und leitet (nach

Stationen u.a. am Deutschen Historischen Museum Berlin) die Staatlichen Museen Kassel. Dazu gehört Schloss

Wilhelmshöhe mit

seiner weltberühmten

Rembrandt-Sammlung.

Eissenhauer und Kittelmann treten am 1. November 2008 an. Als neuer Präsident der Stiftung mit 17 Museen, der Staatsbibliothek und weiteren Einrichtungen amtiert dann der

Archäologe Hermann Parzinger (48), der im März 2008 dem an die Spitze des Goethe-

Instituts wechselnden Klaus-Dieter Lehmann (67) nachfolgt.

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