Staatliche Museen : Schöpfer und Töpfer

Aus der Tiefe des Fundus: Mit der Ausstellung „Unsterblich!“ reisen die Staatlichen Museen durch Kontinente, Stile und Epochen. Und überall gilt der Künstler als höheres Wesen.

Michael Zajonz

Als „die volle Packung Staatliche Museen“, so Schuster im unverwechselbaren Pathos-Sound, sei diese Ausstellung gedacht. Und natürlich sowieso „die zentrale Ausstellung“ zu seinem Abschied, schwärmt der scheidende Generaldirektor liebenswürdig-übermütig wie ein Schuljunge. Schon ihr Titel kommt mit einem dicken Ausrufezeichen daher: „Unsterblich! Der Kult des Künstlers“.

Die von Jörg Völlnagel, Moritz Wullen, Ludger Derenthal und vielen anderen erdachte Präsentation in den Sonderausstellungshallen des Kulturforums firmiert als Beitrag der Kunstbibliothek zum zehnteiligen SMB-Ausstellungsreigen „Kult des Künstlers“. Sie ist, en passant, vor allem auch eine Probe auf die Zukunft der Berliner Museen. Auf die Frage, ob und wie die verschiedenen Museen und Abteilungen, die Kunsthistoriker, Ethnologen und Archäologen im geplanten Humboldt-Forum oder bei der „Archäologischen Promenade“ auf der Museumsinsel an gemeinsamen Ausstellungsprojekten arbeiten können.

„Unsterblich!“ erzählt in sechs Kapiteln – unter tonnenschweren Titeln wie Schöpfer, König, Name, Dämon, Körper und Tod – die Geschichte des Künstlerkults. Warum Künstler stets als etwas Besonderes galten, und warum sie sich – oder andere sie – mit Gott (oder dem Weltgeist, dem Teufel, der Macht, dem Wahnsinn) im Bunde wähnten.

Dargestellt wird die Geschichte einer Sonderexistenz in essayistischer Leichtigkeit. Gezeigt werden Werke aus aller Herren Länder, der gravierte Pferdeknochen aus der jüngeren Altsteinzeit um 15 000 v. Chr. ebenso wie das letzte, 2007 mithilfe von Assistenten entstandene Selbstbildnis Jörg Immendorffs. Es hat profundere Ausstellungen der Berliner Museen gegeben. Doch keine, die so grundverschiedene Dinge so anregend miteinander ins Gespräch gebracht hat.

Neben mediterran-antiken und abendländisch-neuzeitlichen Objekten stehen Stammesskulpturen aus Afrika und japanische Rollbilder gleichberechtigt für die Hauptthese der Ausstellung: Die soziale Sonderrolle des Künstlers ist ein universelles und überzeitliches Phänomen. Gewissermaßen Anthropologie. Und – so die Rechnung der Kuratoren – allein deshalb unsterblich. Moderne Identitätskrisen und Antistrategien hin oder her.

Dass der in Existenzialistenschwarz getauchte Ausstellungsparcours bei solcher Bedeutungslast nicht in Beliebigkeit versinkt, verdankt sich den klug aus dem gewaltigen Fundus der Berliner Museen ausgewählten Stücken. Einmal mehr feiert der „Kult des Künstlers“ so den Kult des Sammelns, Befragens, Ausstellens. Selbst wenn es gewöhnungsbedürftig ist, die Totenmaske Adolph von Menzels, Pars pro Toto für den Geniekult des 19. Jahrhunderts in Europa, in einer Vitrine mit bemalten und mit Menschenhaar dekorierten Schädeln aus Papua-Neuguinea zu sehen.

Der Künstler als Schöpfer und Nachschöpfer, als derjenige, der den Tod durch Nachahmung – pathetisch gesagt: durch Beschwörung – des Lebens herausfordert: Das gilt, wenn man es allgemein fassen will, in vielen Kulturen. Von solchen Fundamental-Parallelen lebt die Ausstellung. Und von der Macht der Bilder, hinter denen – eine weitere Ausstellungsthese – zumindest im Abendland das biblische Gebot von der Gottebenbildlichkeit des schöpferischen Menschen steht. Ein Gebot, das in modifizierter Form auch für andere Kulturen gilt. In diesem Sinn waren Künstlersignaturen und Inschriften – vorgeführt werden Beispiele aus Altägypten, Europa, dem islamischen Orient, Schwarzafrika, Ostasien – in hierarchischen Gesellschaften nicht nur Ausdruck von Eitelkeit und Geschäftssinn, sondern auch von Gottesfurcht.

Doch Marktgesetze haben das Bild, das Selbstbild und die Inszenierung von Künstlern seit Jahrhunderten überformt. Schon vor hundert Jahren erklärte ein afrikanischer Schnitzer einem staunenden Berliner Feldforscher, der glaubte, in Schwarzafrika gäbe es keine „richtige“ Kunst: „Ich schnitze, damit die Leute sagen: ‚Wer hat das gemacht?‘ und so mein Name über Land geht.“

Klassische Künstlerbilder beinhalten vieles: Schöpfergeist zu sein, standesbewusster Geschäftsmann und oft genug auch Demiurg, ein größenwahnsinniger Weltbaumeister. Albert Speer, der in der Ausstellung unter der Rubrik Hofkünstler nicht fehlen darf, lässt grüßen. Künstlerische Allmachts- und Wahnvorstellungen wirken selbst in den Provokationen einer (westlichen) Spätmoderne nach: beim Ironiker Sigmar Polke, dem höhere Wesen befehlen; oder im Führer- und Messias-Gestus von Anselm Kiefer oder Jonathan Meese. Nur ein Selbstdarsteller bleibt regelmäßig stärker, in Arnold Böcklins „Selbstbildnis mit fiedelndem Tod“ (1872) aus der Alten Nationalgalerie ebenso wie in Bruce Naumans Videoarbeit „Violin tuned DEAD“ (1969) aus der Flick Collection. In der Ausstellung hängen Bild und Monitor gegenüber. Auf beiden spielt der Tod die erste Geige, auch wenn es die Künstler sind, die in die Saiten greifen. Es klingt schauerlich.

Sonderausstellungshallen am Kulturforum, bis 15.2.2009. Der Katalog (Hirmer) kostet in der Ausstellung 29,80 €.

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