Stadtskulptur : Der letzte Laden

Reißt das Rathaus ab! Die Künstler Albert Weis und Erik Göngrich machen die Turmstraße in Moabit zum Kunstwerk.

Christiane Meixner

„Für jeden Besucher ist 1 Heft gratis“, steht in schwarzem Filzstift auf dem Pappschild im Schaufenster. Doch deshalb kommen die Passanten nicht herein. Sie haben die Poster gesehen, die auf den Scheiben des Kunstvereins Tiergarten kleben. Historische Ansichten der Turmstraße im frühen 20. Jahrhundert und schwarz-weiße Fotografien, auf denen Bretter die Nachkriegsruinen am selben Ort umzäunen. Jetzt schauen sie skeptisch auf die Skulpturen von Albert Weis und wollen wissen, wie der Künstler ihre Straße zu seinem Thema macht.

„Welches ist denn der Drospa?“, fragt zum Beispiel Marianne Fenski und steht etwas ratlos vor den Objekten aus Stahl. Dabei kennt sie die Turmstraße in- und auswendig, Frau Fenski ist schließlich hier um die Ecke geboren. Doch was nun genau der große Würfel mit den weißen Kacheln und verspiegelten Elementen oder die kleinere Installation mit auf dem Boden liegenden Neonleuchten darstellen soll, vermag sie nicht zu sagen. Albert Weis erklärt es gern. Dass er und Erik Göngrich gerade zwei Ausstellungen zeigen. Gemeinsam, weil sie sich beide für die urbanen Strukturen einer Großstadt wie Berlin interessieren. Aber doch unter verschiedenen Titeln, da ihre Werke viel zu unterschiedlich sind, als dass sie sich unter einem Label zusammenzwingen ließen.

„Modelisme“ heißt die Schau von Weis, „Stadtskulptur geht uns alle an“ die von Göngrich. Während dessen knallrotes Stadtmöbel auf die Straße drängt und von jedem benutzt werden darf, ziehen sich „salon“ und „california/maxim“ von Weis in die Ausstellungshalle zurück. Der gebürtige Passauer hat Maß in der Außenwelt genommen und die Geschichte jener zwei Gebäude erforscht, die Basis seiner Skulpturen sind. Das eine war ein „Ebbing“–Modehaus, bevor es zum Drogeriemarkt mutierte. „Typische Kaufhaus-Architektur“, meint der Künstler. Angesichts der riesigen Shoppingmalls von heute nehme sich der bescheidene, zweistöckige Bau aus den sechziger Jahren inzwischen selbst wie ein Modell aus. Weis hat es noch einmal verkleinert und dabei einige charakteristische Details abstrahiert. Die hellen Fassadenplatten aus Keramik wirken nun wie Badezimmerkacheln, und vielleicht erkennt es Marianne Fenski deshalb kaum wieder. Weil die einstmals imposante Anlaufstelle für Mode auf Zimmergröße geschrumpft ist.

„Um schnelle Zuordnungen geht es mir nicht“, erklärt Weis. Sein Thema ist die künstlerische Verdichtung von Phänomenen, die immer wieder auftauchen und anschaulich umgesetzt werden wollen. So exotisch der Titel seiner zweiten Arbeit „california/maxim“ klingt, so nah liegt die Lösung der Installation aus rosa Neonlicht, schwarzer Folie und weißem Display. Man muss nur auf derselbe Seite der Turmstraße, wo der Kunstverein in einer alten Schule residiert, ein paar Meter gehen. Dort steht das „Maxim“, ein traumhaftes Kino von 1956, vor dem einst die Leute Schlange standen.

An der Kasse steht man hier immer noch, bloß in der anderen Richtung, weil in den achtziger Jahren ein Aldi in den Zuschauersaal gezogen ist. „Links und rechts sind noch die alten Toiletten“, schwärmt der Künstler mit der schwarzen Hornbrille und dem kurz rasierten Haar und zeigt auf zwei weiße Holztüren mit „Privat“-Schildern. Draußen, neben der Aldi-Reklame an der auffallenden Fassade, leuchtet es verheißungsvoll. „California“ steht dort in Neon-Pink. Doch auch hier wirbt niemand mehr für einen Film. Nur für die Spielhalle im Haus.

Mit Weis an der Seite bekommt man eine Ahnung, wie reich an Geschäften und Unterhaltung die Turmstraße einmal war. Und wie brutal gegenwärtig mit den Bauten der Nachkriegsmoderne umgegangen wird. Mit Marianne Fenski gesellt sich eine Zeitzeugin hinzu, die den Recherchen des Künstlers im Stadtarchiv und beim Heimatverein ein persönliches Gesicht geben kann. „Das Maxim war ein teures Kino“, weiß Fenski. „Wir gingen immer in die Flohkiste, dort war es billiger. Und an der Ecke drüben, im alten Woolworth, hatten sie jedes Jahr eine wunderbare Weihnachtsdeko.“ Purer Zufall, dass die beiden im Kunstverein aufeiandertreffen. Dabei hat der Künstler ein Jahr lang nach Zeitzeugen gesucht. Doch erst jetzt, wo sich das Interesse der beiden Künstler am Kiez in konkreten Arbeiten manifestiert, fließen die Informationen nicht mehr so spärlich.

Dabei hat vor allem Erik Göngrich brachiale Pläne. „Reißt das Rathaus ab!“, lautet das Fazit seiner stadträumlichen Untersuchungen. Seine Forderung hat er zusammen mit der Fotomontage eines Parks an der Stelle des mächtigen Gebäudes aufgehängt – in eine Vitrine direkt vor dem Rathaus. Früher einmal wurden hier architektonische Modelle ausgestellt, damit sich die Bürger ein Bild von der Entwicklung ihrer Stadt machen konnten. „Stadtskulptur geht uns alle an“ stand in großen Lettern über der Vitrine. Der Slogan ist verschwunden, das Rathaus dagegen noch da. Ginge es nach Göngrich, würden die Mitarbeiter in das just leer geräumte Kaufhaus Hertie umziehen und Platz für eine grüne Lunge machen, wie sie die Turmstraße dringend benötigt.

Ein Fernziel, gewiss. Doch so lange will der 1966 geborene Künstler, der in Berlin studierte und später bei Architekten wie Max Dudler oder Peter Eisenman tätig war, nicht warten. Für die Gegenwart hat er schon einmal seine Estrade gebaut – jenes tiefrote Stadtmöbel vor dem Kunstverein, in dem man sitzen, liegen und theoretisch sogar arbeiten kann. Eine Einladung zum temporären Aufenthalt und eine Reflexion darüber, was Kunst im Außenraum zu leisten vermag. Im Moment toben Kinder auf der Plattform, kurz davor hat ein Mann seine Einkaufstüten abgeladen und sich ein paar Momente lang erholt. Andere setzen sich, entdecken die alten Motive an den Fensterscheiben und kommen zögernd herein. „Es werden aber immer mehr“, flüstert Albert Weis. Wer sich die Ausstellung angeschaut hat, der greift am Ende doch zu jenem Begleitheft, das Göngrich mit alten und neuen Fotoaufnahmen gefüllt hat und von dem es „für jeden Besucher 1 Heft gratis“ gibt. „Manche fangen sogar an zu weinen“, erzählt Weis. Weil sie erst in der Ausstellung merken, wie viele Erinnerungen sie mit sich tragen und was aus der Turmstraße geworden ist.

Kunstverein Tiergaren / Galerie Nord, bis 12.9. An diesem Tag findet um 15 Uhr ein „Stadtspaziergang Turmstraße“ mit den Künstlern statt.

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