Streetart : Die Sprayer von der Spree

„Planet Prozess“ macht den Senatsreservenspeicher zur kreativen Baustelle.

Michael Luger

Die Lounge beim Eingang ist das einzig Fertige im Senatsreservenspeicher in Kreuzberg. Überall sonst im Gebäude wird gebaut, gemalt, geformt und gesprayt. Der sechsstöckige Speicher am Spreeufer versprüht den spröden Charme einer Baustelle. Effizienz allerdings steht hier nicht im Vordergrund: Hier sollen Dinge entstehen, ein Eigenleben entwickeln, hier soll Platz sein für spannende künstlerische Ansätze. Der Boden ist schmutzig, die Wände ungestrichen, draußen bröckelt der Putz, während unter den Künstlern gelassene Betriebsamkeit herrscht. Als Kulisse für eine Ausstellung zum Thema Streetart ist das durchaus stimmig und eine bewusste Abgrenzung zu herausgeputzten Museen und Galerien.

„Planet Prozess – Zwischen Raum und Kunst“ bietet auf vier Etagen 40 internationalen Streetart-Künstlern Platz für ihre Ideen und Projekte, die sich mit öffentlichem Raum, städtischen Lebenswelten und popkulturellen Bezügen auseinandersetzen. Wobei Streetart ihrer Natur nach eigentlich nicht in eine Ausstellungshalle gehört, sondern ins Freie, auf Straßen und Plätze, ins Zentrum des urbanen Lebens – schließt der Gedanke dieser Kunstform doch die Veränderung, die permanente Unfertigkeit und die schnelle Reaktion auf äußere Gegebenheiten ein. Kurator und Organisator Lutz Henke vom Kulturverein Artitude erklärt, dass die Verbindung zwischen Innenraum und Außenraum genau wie die ständige Weiterentwicklung der Zeichnungen, Installationen und Skulpturen zentrale Bestandteile der Ausstellung sind. Manche Künstler haben mit ihren Arbeiten bei Ausstellungsbeginn noch gar nicht angefangen und lassen ihre Werke erst unter Mitwirkung der Besucher entstehen. „Das kann sich in jede Richtung entwickeln. Wir sind sehr gespannt, wie die Menschen darauf ansprechen, weil es in dieser Hinsicht noch keine Erfahrungswerte gibt“, sagt Henke. Die ersten drei von vier Ausstellungswochen ist „Planet Prozess“ sozusagen „under construction“, die Objekte sind auch von den Besuchern mitgestalt- und veränderbar.

Der Berliner Streetart-Künstler Mikado zum Beispiel hat überdimensionierte, aber leicht bewegliche Bauklötze zu einfachen geometrischen Formen zusammengebaut, aus denen Besucher nach eigenem Gutdünken Buchstaben, Wörter oder abstrakte Skulpturen bilden können. Die Reaktion auf die künstlerische Spielwiese – auch Farbeimer stehen bereit – wird mittels Videokamera festgehalten. Point, ein Künstler aus Prag, arbeitet ebenfalls mit Buchstaben, und zwar mit denen seines Künstlernamens. Etwas verfremdet stellt er sie zu 25 bunten Skulpturen zusammen, die entfernt wie Vögel aussehen. Passenderweise werden sie zu Beginn in einem Käfig gehalten, bevor Point eine Skulptur nach der anderen in der Stadt verteilt und damit Passanten flüchtige Überraschungsmomente beschert: Sitzt da ein Vogel auf der Hausmauer? Oder ein vergessenes Spielzeug?

Mit solchen Projekten versucht Streetart, durch Momente gesteigerten Bewusstseins den öffentlichen Raum neu zu definieren, als Lebensraum, nicht bloß als notwendige Zwischenstation auf dem Weg von A nach B. Auch politische Aspekte spielen eine Rolle: Das argentinische Kollektiv Doma etwa hat während der Wirtschaftskrise in seiner Heimat regelmäßig Puppen oder aufblasbare Tiere mit Argentinien-Fähnchen vor die Gebäude der größten Banken gesetzt. In Berlin rücken sie mit einem riesigen gelben Plüschtier an, dem „Bescheuerten Plüsch-Elefanten-Panzer“, der von Zeit zu Zeit durch die hauptstädtischen Straßen rollen und historische Sehenswürdigkeiten besuchen wird. Wem der Plüsch-Elefant nicht über den Weg läuft, der kann immerhin ein Stück Ausstellung mitnehmen und in der „Public Library“ Streetart-Motive aussuchen, die an einen Ort eigener Wahl gesprayt werden.

„Planet Prozess“, bis 19. August im Senatsreservenspeicher, Cuvrystraße 3–4, Kreuzberg, Mi–So 14–22 Uhr.

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