Stuttgart : Ausstellung zeigt Werke Demenzkranker

In Stuttgart sind Bilder verschiedener europäischer Künstler zu sehen, die demenzkrank sind. Die Veranstalter wollen mit der Ausstellung auch zeigen, dass die Betroffenen durchaus noch zu emotionalen Äußerungen fähig sind.

Heike Sonnberger[dpa]

Stuttgart"Das kann kein Demenzkranker gemalt haben!", ereiferte sich einmal ein renommierter Altersforscher über eines der Bilder in seiner Ausstellung. Das ärgert Peter Wißmann noch heute. Der Geschäftsführer der Stuttgarter Gesellschaft Demenz Support warnt davor, Alzheimer-Patienten wie hilflose Geistesschwache zu behandeln. "Demenz ist nicht nur Verfall. Demente Menschen haben sehr große emotionale und sinnliche Fähigkeiten", sagt Wißmann. Die Ausstellung "demenz art" soll das zeigen.

Rund 100 Malereien, Collagen und Skulpturen von Demenzpatienten sind vom 3. Oktober bis zum 25. November im Theaterhaus in Stuttgart zu sehen. Darunter finden sich allerdings kaum kindliche Figuren und primitive Landschaften. "Es ist Unsinn, dass solche Menschen nur mit gegenständlichen Darstellungen etwas anfangen können", sagt Wißmann. Im Gegenteil: Einer der Künstler hat stimmungsvolle Grüntöne auf der Leinwand gemischt, ein anderer in liebevoller Kleinarbeit bunte Punkte darauf getupft. Abstrakte Figuren, Buntstiftzeichnungen, schlichte Schriftzüge oder Farbimpressionen - die Motive sind so vielseitig wie die verwendeten Materialien.

Arbeiten von Demenzkranken aus ganz Deutschland und Italien wurden für die Ausstellung eingesandt. "Voraussetzung war, dass die Werke in einem freien künstlerischen Prozess entstanden sind", sagt Wißmann. "Wir wollten keine Produkte klassischer Beschäftigungstherapien, bei denen mit Heimgästen Osterschmuck gebastelt wird." Die meisten der ausgesuchten Künstler hätten vorher nie etwas mit Kunst zu tun gehabt. Es sei ein Vorurteil, dass zum Beispiel ein Maurer oder Bankkaufmann im Alter nicht kreativ werden könne.

"Orientierungsloses Bleistiftgekritzel" oder große Kunst?

Inspiriert zu der Ausstellung wurden Wißmann und der befreundete Kunsttherapeut Michael Ganß von eben so einem Vorurteil: Ein Katalog zu einer Ausstellung über den an Alzheimer erkrankten Werbegrafiker Carolus Horn betitelte eine kurz vor dessen Tod entstandene Zeichnung als "orientierungsloses Bleistiftgekritzel". Wißmann machte sich einen Spaß und zeigte das Bild ohne Kommentar befreundeten Künstlern. "Sie waren alle beeindruckt." Im Mai 2006 stellten Wißmann und Ganß erstmals in Berlin Bilder von Alzheimer-Patienten aus.

"Klar baut ein Demenzkranker kognitive Fähigkeiten ab. Aber das ist doch nicht alles, was uns ausmacht", sagt Wißmann. Der Altersforscher hält heute noch gerne kleine Power-Point-Vorträge, in denen er Bilder weltberühmter Künstler denen aus seiner Ausstellung kommentarlos gegenüberstellt. "Die meisten merken den Unterschied nicht."

Internet: www.demenz-support.de

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