Tagung in Berlin : Neues Museum: Wie inszeniert man die Antike?

Das Neue Museum im internationalen Vergleich: eine Tagung in Berlin. Unter anderem warfen die Experten einen Blick zurück auf den Originalzustand und die im 19. Jahrhundert gängige Museumspraxis.

Anna Pataczek

An der Westfassade des Neuen Museums prangt die Inschrift: „Artem non odit nisi ignarus“. Nur der Unwissende verachtet die Kunst. Ein Aufruf zur Bildung – und 1859 eine klare Ansage an den Nachbarn: Hier, im Bau des Architekten Friedrich August Stüler wird – anders als in Schinkels Altem Museum – alle Kunst geehrt. Für Berlin war das ein Wendepunkt in der Museumsgeschichte.

Welche neue, wissenschaftliche Spezialisierung hinter diesem Konzept steckten, machte nun eine Konferenz deutscher und niederländischer Kunsthistoriker deutlich, die am Sonnabend auf der Museumsinsel zu Ende ging. Eingeladen hatte das Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin und das Huizinga-Institut für kulturhistorische Forschung in Amsterdam. Die Tagung „Das Neue Museum im internationalen Kontext“ war nach der feierlichen Eröffnung und dem Besucheransturm der ersten Tage der dritte Akt der Einweihung des von David Chipperfield restaurierten Gebäudes. Die Experten warfen vor allem einen Blick zurück auf den Originalzustand und die im 19. Jahrhundert gängige Museumspraxis.

Neben dem wiedervereinigten Ägyptischen Museum, den Beständen der Vor- und Frühgeschichte und der Antikensammlung beherbergte das Neue Museum vor 150 Jahren weit mehr Sammlungen als heute. Sie befinden sich längst anderswo: Die ethnologische Sammlung wird (noch) in Dahlem präsentiert, das Kupferstichkabinett auf dem Kulturforum am Potsdamer Platz. Die Berliner Museumsgeschichte war schon immer eine Geschichte der Umzüge.

Horst Bredekamp, Kunsthistoriker an der Humboldt-Universität, verdeutlicht den Kontrast zwischen Altem und Neuem Museum am Beispiel der Abgusssammlung, die als eine der weltweit bedeutendsten galt und im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört wurde. Die Gipse standen im Zentrum – und waren im ersten Stock untergebracht, auf jener Ebene, die das Neue mit dem Alten Museum über einen heute nicht mehr erhaltenen Gang verband. Stüler stellte damit die Abgüsse den antiken Originalen im Nachbarbau gleich. Ein Novum: Im Schinkelbau wären sie nicht einmal ausgestellt worden.

„Das Neue Museum war eine Feier der Universalität“, erläutert Bredekamp. Es ging nicht darum, der preußischen Bevölkerung Schönes oder Kurioses zu präsentieren, sondern Kultur als Weltgeschichte zu beschreiben. Das Haus war allen Zeiten und allen Völkern gewidmet.

Als die ethnologische Sammlung aus der königlichen Kunstkammer im Stadtschloss in die neuen Räume einzog, entschloss sich der damit betraute Direktor der Kunstkammer, Leopold von Ledebur, zur Sortierung nach Regionen – und gegen eine hierarchische Anordnung, die aus europäischer Sicht fremden Kulturen einen geringeren künstlerischen Wert zugestanden hätte. Der Wunsch nach universaler Repräsentation führte jedoch häufig eher zu Masse als zu Klasse. Beschriftungen der Objekte waren auch in anderen Abteilungen nicht immer vorhanden oder unzureichend. Im Schnitt stellte Ledebur sieben Objekte auf einen Quadratmeter Ausstellungsfläche.

Aus heutiger Sicht ist das zu viel, wie Peter Bolz ausführt, Leiter der Amerika-Abteilung in Dahlem. Dafür legte Ledebur für die ethnologische Sammlung ein modernes Inventarnummernsystem an, das sich laut Bolz „bei uns bis heute nicht geändert hat“. Dessen Haus und die übrigen außereuropäischen Sammlungen sollen bekanntlich ins Humboldt-Forum im künftig wiederaufgebauten Stadtschloss ziehen, an den ehemaligen Ort der Königlichen Kunstkammer, mit deren Beständen das Neue Museum seinen Anfang nahm. Schon jetzt macht man sich Gedanken um die Inszenierung der Exponate.

Was genau zieht die Besucher an? Was könnte helfen, die Kunst und die Kulturen besser zu verstehen, welche Aufmachung schießt übers Ziel hinaus? Schon zu Stülers Zeiten ging es um solche Fragen. Ignaz von Olfers, Generaldirektor der Königlichen Museen, hatte damals die Aufgabe, alle Sammlungen des Monarchen in einer musealen Einheit zu vereinen.

Mit der Ausstattung der ägyptischen Säle wurde seinerzeit der Archäologe Richard Lepsius betraut. Schon während seiner Forschungsreisen machte er sich Gedanken über eine passende Dekoration für die Objekte, die er nach Berlin mitbringen würde. Beseelt von einem didaktischen Anspruch, wünschte er sich, dass den Besuchern neben den Originalen exakte Kopien ägyptischer Darstellungen präsentiert werden sollten. Ein nicht erst aus heutiger Sicht gescheiterter Versuch.

Schon damals wurde die überladene, knallig-bunte Ausstattung kritisiert, weil sie von den eigentlichen Objekten ablenkte. Lepsius’ Idee verselbstständigte sich. Im „Mythologischen Saal“ etwa ließ er an den Wänden Götterkreise gruppieren, die es so in Ägypten nie gab, wie Dietrich Wildung verrät, der ehemalige Direktor des Ägyptischen Museums wie der Papyrussammlung. Wildung verantwortet das Ausstellungskonzept im Chipperfield-Bau. Lepsius’ Absicht, das fremde Land am Nil zu erklären, wurde konterkariert, sagt er, „weil etwas Neues entstand, das seinerseits der Erklärung bedurfte“. Wie inszeniert man das Altertum? In Berlin ist die Frage 150 Jahre alt.

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