Überreif : Galerie Tammen zeigt aktuelle Stillleben

Riechen müsste es in dieser Ausstellung – süßlich fad nach welken Blüten, fruchtig schwer nach überreifem Obst, faulig nach brackigem Vasenwasser. Die Galerie Tammen zeigt „Stillleben in Fotografie und Malerei.“

Simone Reber

 In dem alten Vanitasmotiv geht Opulenz schleichend in Verfall über, die Üppigkeit des Sommers trifft auf die Vergänglichkeit des Spätsommers.

Im letzten Jahr hat Damien Hirst das Ende der fetten Jahre eingeläutet mit seinem gigantischen Ausverkauf von toten Kälbern, Schmetterlingen und dem Hai, Symbol des Raubtier-Kapitalismus. Zur selben Zeit machten die Lehman Brothers pleite. Im Übermaß liegt das Verhängnis, mahnt das Stillleben. Tod lauert hinter der Fülle harmloser Obst- und Blütenpracht. Gut, dass die zeitgenössische Version in der Galerie auf jede moralische Überheblichkeit verzichtet. Der fotografische Teil der Ausstellung wurde kuratiert von dem Fotohistoriker Enno Kaufhold. Die Künstler der Galerie steuerten Malerei zum Thema bei. Manchmal gehen beide Medien den gleichen Weg, um den Prozess des Übergangs zu gestalten. Die schönste Serie hat Manfred Paul aufgenommen: In milchig blassen Farben fotografierte er Schnittblumen in ihren Vasen. Welk und durchscheinend lassen sie die Köpfe hängen. So blass, als würden sie gerade ihr Leben aushauchen. Paul nähert sich dem Barockmotiv mit dem Blick der neuen Sachlichkeit. Seine Blumen werden schöner, indem sie vergehen (je 1800 Euro). Auch die Malerin Heike Jeschonnek wählt die Transparenz, um handfesten Objekten eine weitere Dimension zu verleihen. Sehr traditionell zeigt sie Obstschale und Tierschädel, doch statt Ölfarbe verwendet sie Paraffin. Die winzigen Wachsstücke wirken wie das leuchtende Mosaik eines Kirchenfensters. Der knöcherne Schädel erscheint weich, die zarten Blüten einer japanischen Kirsche erstarren zu samtener Haut (1300-1500 Euro).

Die Fotografen genießen es, die Materie zu durchleuchten, um ihre Wandlungsmöglichkeit zu studieren. Claudia Fährenkemper hat mit dem Mikroskop Samenkörner vergrößert und abgelichtet. Von ebenmäßiger Schönheit tragen diese warzigen Gebilde die Information über die ganze Pflanze in sich. Ihre Vollkommenheit vergeht, sobald sie keimen und wachsen (1850 Euro). Für Jens Knigge ist die Schönheit erst dann perfekt, wenn sie Verletzungen aufweist. In einem Kabinett sind Röntgenbilder zu sehen, die Knigge in einem aufwendigen Verfahren vom Negativ ins Positiv übertragen hat (900-1500 Euro). Ein Schädel schimmert vor hellem Grund, kunstvoll mit einer Metallplatte geflickt, dunkle Nägel fixieren einen gebrochenen Arm, wie eine Perlenkette windet sich ein kranker Darm.

Liegt es an der Furcht vor Pathos oder am Respekt vor dem Jahrhunderte alten Motiv? Neben der Intensität der Fotografie erscheint die malerische Beschäftigung mit dem Thema lapidar. Karsten Kusch malt Sträuße von Unkraut, das er am Straßenrand gefunden hat. Seine Kunst spiegelt in ihrer rohen Manier die robuste Aura der Pflanzen (1500 Euro). Florian Pelka macht sich einen Spaß, indem er einen toten Hund den Mond anbellen lässt (1800 Euro). Da zeigt die Ausstellung den schmalen Grat des Stilllebens. Nur wenn es die Waage hält zwischen Überfluss und Untergang, kann es ein Fenster öffnen – mit Aussicht auf den Abgrund. Simone Reber

Galerie Tammen, Friedrichstr. 210; bis bis 12.9., Di-Sa 12-18 Uhr.

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