Ulrich Mack : Käfer zählen

Industriefotografie von Ulrich Mack bei Argus: Der Künstler zeigt die monumentalen Industriepaläste als lebendige Gegenwart.

Hans-Jörg Rother

Eine „souveräne Fingerübung“ nannte der Fotohistoriker Hans-Michael Koetzle die Arbeiten von Ulrich Mack von 1959, die der später für die Magazine „Quick“, „twen“ und „Stern“ tätige Fotograf Jahrzehnte lang in der Schublade hielt. Es war eine Serie aus dem Ruhrgebiet, das zu jener Zeit das pulsierende Zentrum der westdeutschen Wirtschaftskraft bildete.

Mack, Jahrgang 1934, hatte nach dem Schulabschluss selbst kurz unter Tage gearbeitet. Während des Studiums an der Hamburger Kunsthochschule wollte er offenbar visuell von dieser Region Abschied nehmen und die Erinnerung an Fabrikschornsteine, die sich in die Wolken bohren, an Hüttenwerke, tuckernde Frachtschiffe auf Rhein und Ruhr und die neuen Brücken, über die noch ein gemächlicher Autostrom trudelte, bewahren, ohne auch nur ein Bild zur Veröffentlichung anzubieten. Was nun die Galerie Argus Fotokunst in einer Ausstellung nachholt.

Der Begriff „Industriefotografie“ bringt reflexartig die Namen von Bernd und Hilla Becher in Erinnerung, deren stets aus weiter Distanz aufgenommene Ansichten meist leer stehender Fabriken, außer Dienst gestellter Bahnhöfe oder Wassertürme heute als Ikonen der Sachfotografie gelten. Mack dagegen erlebte vor ihnen die Fördertürme, die Hochöfen und monumentalen Industriepaläste keinesfalls als architektonische Denkmäler eines vergangenen Industriezeitalters, sondern als lebendige Gegenwart. Darum füllen bei ihm die Objekte auch den Bildrahmen voll aus, als stünden sie dem Betrachter nahe. Und doch muten diese von Energie strotzenden Industrieanlagen bereits an wie Fossilien: leere Körper ohne Leben und ohne Seele. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Kamera beim Schichtwechsel aufzubauen, wenn der dichte Strom der Arbeiter die von Abgasen verdüsterten Straßen füllte. Doch Mack wählte die Stille am frühen Morgen, wenn man die VW-Käfer auf der Rheinbrücke zählen konnte.

Später, als er in Kenia, Amerika und Friesland Landschaftszyklen für gern gekaufte Fotobücher schuf, nahm Mack regen Anteil am Alltag der Menschen. 1959 im Ruhrgebiet wollte er dieses mitfühlende Interesse noch unterdrücken und bezog angesichts einer übermächtigen Umwelt die Position des ästhetisierenden Beobachters. Doch seine Stillleben, wie man die frühen Arbeiten auch nennen könnte, sind allesamt meisterhaft komponiert und verdienen nicht nur, endlich ausgestellt zu werden, sondern auch jene vorzügliche Edition im Folioformat, die der Moser Verlag jetzt unter dem Titel „Mack. Ruhrgebiet“ in einer Auflage von 400 Exemplaren vorlegte. Dank eines neuen Druckverfahrens stehen die Reproduktionen den Originalprints, die je nach Größe 800 bis 1200 Euro kosten, in Nichts nach.

Galerie argus fotokunst, Marienstr. 26, Mitte; bis 18.12., Di-Sa 14-18 Uhr

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