Ausstellungen : Und der Raubfisch, der hat Zähne

Welt der Schatten – Kunst der Südsee: eine Dahlemer Generalprobe für das Humboldt-Forum

Jens Hinrichsen

Malangan: So nennen die Menschen im Norden Neuirlands ihre geschnitzten und bemalten Bildwerke. Und bezeichnen mit dem gleichen Begriff auch das komplexe Totenritual, in dem die Schnitzereien eine Rolle spielen. Allein dieser Doppelbegriff spiegelt das Dilemma ethnologischer Museen heute. Die Wissenschaftler sind sich uneins: Darf man die Kontexte weglassen oder herunterspielen, sollten auch Objekte außereuropäischer Kulturen als rein ästhetische Schaustücke ins Rampenlicht gerückt werden? Oder müssen die Entstehungszusammenhänge stets mitgeliefert werden?

Auch in Dahlem werden solche Fragen derzeit lebhaft diskutiert, weil das dortige Ethnologische Museum seinen Umzug ins Humboldt-Forum, in das wiederzuerrichtende Schloss, vorbereitet. Damit wird gleichzeitig auch eine Neupräsentation der ethnologischen Sammlungen erwartet. Wie das aussehen soll, darüber gehen die Meinungen auch im Haus offenbar noch auseinander. Richard Haas, der stellvertretende Direktor des Ethnologischen Museums, sucht etwaige Befürchtungen zu zerstreuen: „Ein Kunstmuseum wird nicht angestrebt.“ Dem höheren Informationsbedarf des Publikums bei nicht-abendländischen Kulturen müsse Rechnung getragen werden.

So wird auch ein Projekt wie die großartige Sonderausstellung „Welt der Schatten – Kunst der Südsee“ mit ihren 160 Exponaten, die gerade in Dahlem eröffnet wurde, automatisch als Statement in der Dahlem-internen Schlossplatzdebatte gelesen. Die Ausstellung, die bereits in anderer Form im Saint Louis Art Museum und im 2006 neu eröffneten Pariser Musée du Quai Branly gezeigt und mit beiden Museen über Jahre hinweg entwickelt wurde, sei zwar noch keine Wegstation für das Humboldt-Forum, so Haas. Aber man dürfe sich durchaus vorstellen, dass diese Exponate in Zukunft auch auf dem Schlossplatz zu sehen sein könnten.

Es sind Bildzeichen aus einer wahrhaft fremden Welt: Ein monströser Maskenkopf mit Meeresschwamm-Frisur blickt aus bedrohlichen Muschelaugen, flankiert von zwei Fischen, die wie Ohrmuscheln wirken. Eine eher bemitleidenswerte Holzfigur hat einen Oktopus übergestülpt, eine andere verschwindet im riesigen Rachen eines Raubfisches. Immer wieder finden sich merkwürdige Mischwesen aus Fisch, Vogel und Meereskrabbe. Woanders sind rein abstrakte Verzierungen zu sehen. Kaum eine stilistische Kategorie wird ausgelassen – der Gedanke, es gäbe hier eine Art fortschreitende künstlerische Evolution, erscheint angesichts der Experimentierfreudigkeit dieser Kunst geradezu lächerlich.

Je reicher die Objekte mit Bildmotiven verziert sind, desto schwerer sind sie auch für Fachleute deutbar. Etwa ein „Seelenboot“, ein Einbaum mit stehenden und sitzenden Figuren im Entrée der Schau – hier bleibt unklar, ob der Künstler konkrete verstorbene Personen darstellen wollte oder eher eine symbolhafte Szene im Sinn hatte. Ein Missverständnis hat die Forschung immerhin ausgeräumt: Die vielfältigen Schnitzmotive stellen keine Legenden dar, sondern sind Zeichen verwandtschaftlicher Beziehungen und werden nach jeder Heirat anders zusammengesetzt.

Nachvollziehbar wird, dass sich Künstler der europäischen Moderne eher an der formalen Kraft dieser kryptischen Kunst berauschten. Allein handwerklich verblüffen die aus jeweils einem Baumstamm geschnitzten, vielfach durchbrochenen Malangan-Pfähle, die ein reiches Innenleben aufweisen. „Mir wurde deutlich“, schrieb Henry Moore angesichts ähnlicher Skulpturen in London, „welcher Eindruck des Geheimnisvollen erreicht werden kann, indem man das Innere teilweise verbirgt, so dass der Betrachter um die Skulptur herumgehen muss, um sie zu erfassen.“

Ethnologen streben allerdings danach, solche Artefakte auch zu begreifen – und die gewonnenen Erkenntnisse für Museumsbesucher aufzubereiten. Markus Schindlbeck, Kustos des Ethnologischen Museums Berlin, Südsee-Experte und Kurator der Berliner Ausstellungsstation, setzt nach wie vor auf Zusammenhänge und kulturelle Ganzheiten. Seine Südsee-Ausstellung stellt daher auch nicht die Malangan-Masken oder Uli-Figuren in den Vordergrund, die in ihrer Rätselhaftigkeit von jeher fasziniert haben. Die Schau mit Exponaten aus der Zeit um 1850 bis etwa 1920 beleuchtet auch das weniger populäre Schaffen aus dem Zentrum und dem Süden der Insel, die heute zum Staatsgebiet Papua-Neuguineas gehört.

Ausstellungsarchitektonisch raffiniert präsentiert Schindlbeck Masken aus dem Norden und dem Süden in einer beidseitig einsehbaren Großvitrine, sozusagen Rücken an Rücken. Und weist so auf die „innere Kammerung“ der kulturell vielfältigen Insel hin. Dazu gibt es Videoprojektionen, in denen die heutige Bedeutung von Riten für die Bevölkerung dokumentiert ist. Besonderen Wert legt Schindelbeck auf die Alltagskultur, das Fundament, ohne das es auch die atemberaubenden Schnitzereien nicht gäbe. Solche Akzente lassen sich in der weltweit einmaligen Dauerausstellung der Berliner Ozeanien-Abteilung vertiefen. „Wir müssen zeigen, wie andere Kulturen existieren, wie die Menschen im Alltag leben“, betont Schindlbeck, „sonst verabschieden wir uns vom Fach Ethnologie.“

Eine entgegengesetzte Tendenz zeichnete sich in einigen Ausstellungen seines Kollegen Peter Junge ab. Der Leiter der Afrika-Abteilung des Ethnologischen Museums blendete in seinen Schauen „Kunst aus Afrika“ (2005) und „Weltsprache Abstraktion“ (2006) den Kontext weitgehend aus und hob kulturelle Parallelen hervor – damit setzte er ganz auf den Kunstcharakter afrikanischer Objekte.

Passt das zusammen? Unter Museumskollegen lässt sich ein grundsätzlicher Dissens aus unterschiedlichen Akzentsetzungen nicht ableiten. Auch erscheint im Hinblick aufs Humboldt-Forum – in dem flexible Wechselausstellungen ja künftig Vorrang vor starren Dauerpräsentationen haben sollen – eine von Mal zu Mal unterschiedliche Pointierung attraktiv. Problematisch wird es erst, wenn ein ganzes Haus einseitig auf Schauwirkungen setzt. So betrachtet auch Markus Schindlbeck das französische, direkt am Eiffelturm gelegene Musée du Quai Branly, das die Ausstellung mit vorbereitet hat, mit einiger Skepsis: „Es werden dort nur noch schöne Gegenstände gezeigt.“ Ein Blick in eine Berliner Zukunft?

Nach derzeitiger Planung könnte es am Humboldt-Forum auf zwei Schlossetagen für vier Kontinente ziemlich eng werden. Textilien, Flechtarbeiten, Keramiken und Werkzeuge dürften dem Platzmangel zum Opfer fallen. „Objekte, die auf immer und ewig magaziniert werden“, fürchtet Schindlbeck, „wie wollen Sie dann Schulklassen erklären, wie die Leute in Ozeanien gelebt haben?“ Dabei ist dem Südsee-Experten durchaus klar, dass es dem Standort Dahlem an Besuchern mangelt, während das Stadtschloss einen regen Publikumsverkehr verspricht. Nur: eine ästhetisierende Herauslösung der schönsten Exponate wäre für ihn ein qualitativer Rückschritt. „Wir müssen unsere Identität bewahren“. Und um die Identität der außereuropäischen Kulturen geht es wohl auch. Auch wenn die „fürstliche“ Schlosshülle für eine rein auf Prachtentfaltung setzende „Kunstkammer“ auf fatale Weise die richtige Verpackung wäre.

Welt der Schatten – Kunst der Südsee, Ethnologisches Museum Dahlem, bis 11. November, Di. bis Fr. 10 bis 18, Sa./So. 11 bis 18 Uhr. Katalog 39 Euro

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