Ausstellungen : Und Mao lächelt still

„Reset“: Nach dem Sommerkrach hält die Sammlung Marx wieder Einzug in den Hamburger Bahnhof

Nicola Kuhn

Mit dem Gleichmut eines Buddha schaut Warhols „Mao“ in der Kleihues-Halle des Hamburger Bahnhofs wieder von oben auf die Museumsbesucher herab – als wäre er nicht in den vergangenen Monaten ins Baden-Badener Burda-Museum entliehen gewesen, als hätte es all die Querelen um die Sammlung Marx nicht gegeben, dessen prominentestes Werk er ist. Von heute an ist die Kollektion wieder an ihrem angestammten Platz in Berlin zu sehen. Genugtuung klingt bei Generaldirektor Peter Klaus Schuster an, wenn er von einem „reinigenden Gewitter“ spricht. Der Hamburger Bahnhof sei schließlich das, was er ist durch die Sammlung Marx; sie bilde die Grundlage des Museums für Gegenwart.

In diesem Statement flackert noch immer ein wenig von der Besorgnis darüber auf, was wirklich geschehen wäre, wenn Erich Marx seine Werke abgezogen hätte. Unmittelbar nachdem sein Privatkustos Heiner Bastian im Frühsommer die Brocken hingeschmissen und dem Hamburger Bahnhof Unfähigkeit vorgeworfen hatte, begann auch Marx laut mit Rückzugsgedanken zu spielen, die er allerdings hinterher nicht mehr so gemeint haben wollte. Der schöne Titel der Neupräsentation gilt also für alle Beteiligten: „Reset“. Elf Jahre nach Erst einrichtung des Hamburger Bahnhofs beginnt man noch einmal von vorn.

Der Befreiungsschlag von Heiner Bastian, der vor zwei Wochen sein privates, von David Chipperfield erbautes Kunsthaus gegenüber der Museumsinsel eröffnet hat, tut dem Museum offensichtlich gut. Plötzlich herrscht eine Gedankenfreiheit, die auch den Dialog mit anderen Beständen der Staatlichen Museen erlaubt. Die große Kleihues-Halle bleibt zwar den Schlüsselpositionen der Sammlung Marx vorbehalten – Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Cy Twombly und Donald Judd –, aber jede Werkgruppe ist mit einem Bezugsbild kombiniert, das einen neuen Horizont eröffnet.

Schon im Sommer war auf der Documenta XI das Prinzip „Migration der Formen“ ausführlich zu studieren. Im Hamburger Bahnhof kehrt es zurück in einer kammermusikalischen Version. Das Museum wird hier wieder zu einer Schule des Sehens und ist nicht länger Spielfeld widerstreitender Vorstellungen zwischen einem Privatkustos, der auch händlerische Interessen verfolgt, und einer öffentlichen Institution.

Dass ein Museum immer dann stark wirkt, wenn es aus den Vollen schöpfen kann, wird in der Kleihues-Halle programmatisch vorgeführt: Andy Warhols Ikonen einer medialen Welt werden mit einem Heiligenbild kombiniert, einer aus Rumänien stammenden Hinterglasmalerei, die Sankt Nikolaus zeigt. Zu Roy Lichtenstein gesellt sich ein Gemälde von Pablo Picasso, der nach dem gleichen Prinzip der Fragmentierung gearbeitet hat. Die minimalistischen Skulpturen von Donald Judd erfahren in Kombination mit den neusachlichen Fotografien eines Albrecht Renger-Patzsch eine völlige neue Konnotierung. Auf diese Weise hat man das nüchterne Erbe des Bauhauses noch nicht fortgeschrieben gesehen. Die Gegenüberstellung ist jedoch evident.

Eher anekdotisch wirkt die Kombination eines Trauben-Stilllebens aus dem 19. Jahrhundert mit dem Cremaster-Zyklus von Matthew Barney, in dem die Früchte ebenfalls eine Rolle spielen. Hier, im Obergeschoss des westlichen Flügels, verliert die Sammlungspräsentation ihre Überzeugungskraft: Rachel Whiteread, Anish Kapoor, Bruce Nauman, Peter Halley sind neben Matthew Barney zwar mit exzellenten Stücken zu sehen, doch die Positionen wirken merkwürdig aneinandergereiht, ohne inneren Zusammenhang. Gerne würde man hier mehr über die Sammlungsgeschichte erfahren, warum und wann diese Werke erworben worden sind.

So offenbart die Sammlung Marx plötzlich die ganze Kühle der durch einen Berater zusammengetragenen Kollektion. Von der Leidenschaft, die mit einem Kunstkauf einhergeht, ist nichts mehr zu spüren. An diesem Punkt könnte die Sammlung Marx genauso gut in den allgemeinen Museumsbestand diffundieren. Warum sie die Ehren einer separaten Präsentation erhält, ist für den Besucher kaum zu verstehen. Nicht nur ist die Kollektion ohnehin zwischen Kleihues-Halle und Westflügel verteilt. Hinzu kommt die Präsentation der Flick-Collection in den Rieck-Hallen mit der Roman-Signer-Schau, Heinz Emigholz erhält demnächst im Werkraum eine Würdigung, außerdem führt die Nationalgalerie selbst ebenfalls ihre Bestände vor.

Der Hamburger Bahnhof steht doch wieder vor dem alten Dilemma: viel zu sehen, von allem gerade etwas. Die klare Linie fehlt. Und das wirkt unbefriedigend, für Besucher wie Sammler.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50 - 51, bis 17. August 2008.

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