Venedig : Canal Grande, Nummer 1

Vor der Biennale: In Venedig eröffnet der Sammler François Pinault sein opulentes Privatmuseum.

Nicola Kuhn

Da hat es François Pinault, der französische Multimillionär und Supersammler, mal wieder allen gezeigt: Erst stach er die Peggy Guggenheim Foundation beim Wettbewerb um die Punta della Dogana aus. Nun, zwei Jahre später, eröffnet er in den historischen Hallen der einstigen Zollbehörde sein Museum – einen Tag vor der Eröffnung der Kunst-Biennale in Venedig. Der Anschein, dass alle Welt zunächst für die Pinault-Premiere angereist sei, um dann erst die Pavillons in den Giardini zu sehen, ist da durchaus erwünscht.

Einer wie Pinault will immer Primus sein, ob in der Kunst oder im Business, was sich bei ihm ohnehin kreuzt. Dem Eigentümer der Mediamarktkette Fnac, der Modemarken Yves Saint Laurent und Gucci, des Fußballclubs Stade Rennais und der Sportmarke Puma gehört ebenso das Auktionshaus Christie’s. Mit der Präsentation seiner Sammlung am prominentesten Punkt von Venedig – genau gegenüber dem Markusplatz, auf der anderen Seite des Canal Grande gelegen – ist Pinault auch hier die Nummer eins.

Bei der Eröffnung des Privatmuseums betont Bürgermeister Massimo Cacciari umso mehr, wie wichtig diese Partnerschaft sei. Jahrzehntelang lagen die aus dem 17. Jahrhundert stammenden Hallen brach. Pinault, der vor vier Jahren bereits den Palazzo Grassi übernahm, holte sich den japanischen Stararchitekten Tadao Ando hinzu. Der minimalistische Baumeister ließ das historische Backsteingemäuer unberührt, zog jedoch Betonböden und ein Zwischengeschoss ein, so dass Geschichte und Gegenwart auf 5000 Quadratmetern den perfekten Ausstellungsrahmen bilden.

Durch den Rückgewinn des für 20 Millionen hergerichteten Gebäudes ist die markante Landzunge in das städtische Leben wieder reintegriert. Wer das Haus dann jedoch betritt und sieht, was drinnen ist, muss bald erkennen, dass hier nicht länger die Delikatesse und Sensibilität eines Tadao Ando herrschen. Es herrscht nur mühsam gezügelte Großmannssucht. Schon der zwei Meter hohe Marmorknabe von Charles Ray, der außen auf der vorgelagerten Landspitze einen Frosch hochhält, gibt eine Ahnung davon.

Der 72-jährige Selfmademan Pinault kauft vornehmlich die Renner der Saison, gerne im XXL-Format. Die meisten der 300 gezeigten Arbeiten stammen aus den vergangenen beiden Jahren, offensichtlich mit dem Hinweis an die Künstler, das Werk gerne auch zu vergrößern. Darin ähnelt Pinault einem anderen Supersammler, Friedrich Christian Flick, dessen Erstpräsentation im Hamburger Bahnhof von Berlin ebenfalls vom Wunsch nach Überwältigung beseelt schien. Beide lieben dieselben Künstler, Paul McCarthy, Martin Kippenberger, Raymond Pettibon, Richard Prince, beide umkreisen mit ihren Erwerbungen die Themen Macht, Tod, Sex. Letztlich also umspielen sie nur Potenz und Geld.

Dennoch kann sich der Besucher dem schönen Schein, der lauernden Bösartigkeiten der Präsentation kaum entziehen. Da sind die neun gläsernen „Fucking Hell“ betitelten Schreine, in denen Jake & Dinos Chapmans Miniaturmonster ihre Verbrechen begehen. Cindy Shermans groteske Selbstinszenierung als gealtertes Partygirl passt sich perfekt dem Showeffekt an. Selbst ein Meister der Zeitlosigkeit wie Hiroshi Sugimoto wird plötzlich zum Modefotografen. In seiner Serie „Stylized Sculpture“ zeigt er Kleiderpuppen in Kostümen von Dior, Yves Saint Laurent und Comme des Garçons. Spaßvogel Maurizio Cattelan dagegen bedeckt seine Liegenden mit marmornen Leichentüchern, wie Opfer nach einem Anschlag. Der überraschende Tod als Monument.

Wie bei Pinault diese Lust am Schrillen mit den stillen Künstlern zusammengeht, bleibt rätselhaft. Dafür versucht es die zeitgleich eröffnete Ausstellung im Palazzo Grassi mit Zwischentönen, dort sind auch Zeichnungen, subtilere Skulpturen, frühe Arbeiten zu sehen. Doch wird alles von der lauten Popmusik im Atrium übertönt, wo Piotr Uklanski seine „Dancing Nazis“ aufmarschieren lässt: eine Galerie prominenter SS-Darsteller im Film auf einem in allen Farben aufleuchtenden Tanzboden.

Eine Alternative zu Pinaults Pomp bildet ein anderes, ebenfalls zur Biennale eröffnetes Sammlermuseum von Axel Vervoordt, zumindest temporär. Der belgische Kunst- und Antiquitätenhändler sowie Edeleinrichter hat erneut den Palazzo Fortuny angemietet. In dem mit schweren Draperien verhängten Gemäuer präsentiert er seine unwiderstehliche Kombination aus Alt und Neu, Östlichem und Westlichem: ägyptische Skulpturen und Schnittbilder von Manzoni, ein Rothko- Gemälde und chinesische Keramik. Als Vervoordt vor zwei Jahren zum ersten Mal seine durchaus käufliche Kollektion vorführte, galt er als heimlicher Biennale-Höhepunkt. Auch diesmal könnte er mit leisen Tönen der Gewinner sein.

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