Videokunst : Das letzte Band

Rettet die Videokunst! Was heute jeder mit dem Handy filmen kann, war einst Avantgarde: eine Ausstellung in Karlsruhe.

Carmela Thiele

Es gibt ein paar Widersprüche des Lebens, die will keiner wahrhaben: Etwa, dass um 1920 auf Papier abgezogene Fotografien der Urgroßeltern sehr viel länger halten als eine CD oder eine DVD. Wir können zwar die Schnappschüsse einer ganzen Kindheit auf einer Scheibe speichern, jedoch müssen wir sie nach fünf bis zehn Jahren erneut kopieren. Die enorme Kapazität der elektronischen Speichermedien steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Haltbarkeit. „DVDs sind keine Langzeitmedien“, bestätigt auch Christoph Blase vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM). „Wer meint, er hätte da jetzt eine sichere Bank, der hat sich getäuscht.“

Als Leiter des „Labors für antiquierte Videosysteme“ hat er täglich vor Augen, was geschieht, wenn keiner an das Verfallsdatum eines Mediums denkt: 20 bis 40 Jahre alte Videobänder verkleben und lassen sich nicht mehr abspielen. Doch beschäftigt sich Blase nicht mit privaten Erinnerungsbildern, sondern mit einer Kunstsparte, für die Video nicht nur ein Mittel der Dokumentation, sondern auch des Experiments und des politischen Postulats war. Die ZKM-Ausstellung „Record >Again! 40 Jahre Videokunst“ zeigt solche vor dem Zerfall geretteten Bänder erstmals konsequent auf gleichaltrigen Fernsehgeräten.

Zu sehen sind etwa Videos von Wolfgang Stoerchle, die aus dem Archiv der Medienkünstlerin Steina Vasulka stammen und in Kooperation mit dem Getty Museum aus zwei Fassungen rekonstruiert wurden. Kaum zu glauben, dass das 37 Jahre alte Band, auf dem ein Akteur bei Nacht eine Lampe vor- und zurückschwenkt, eine Rarität ist. Im Zeitalter von „Youtube“, wo jeder mit dem Videohandy einen Film dreht und ins Netz stellt, wirken solche reduzierten Bilder wie Botschaften aus einer anderen Welt.

Dabei hat sich gar nicht soviel geändert. Die aufwendige Videopraxis einiger Pioniere hat sich in ein Massenphänomen verwandelt. Wie medienerfahren die Leute geworden sind, zeigt die Closed-Circuit-Installation der Gruppe „Telewissen“. Mit einem Video-VW-Bus ist das Team 1970 auf die Straße gegangen und hat Passanten mit ihrem eigenen Abbild im Monitor konfrontiert. Ein Remake des Busses steht am Eingang der ZKM-Ausstellung. Heute posieren davor junge Leute, als wollten sie sich für eine Casting-Show bewerben.

Kann Videokunst heute noch avantgardistisch sein, wenn das Medium dem Publikum so vertraut ist? Im ZKM laufen auf zwei Beamer-Stationen aktuelle Videos, und die sind auf ihre Weise subversiv. So persifliert die Gruppe „Chicks on Speed“ das Werk von Yves Klein, indem die Gruppenmitglieder selbst als Publikum nackt zwischen jenen Bildern umhergehen, auf denen einst entkleidete junge Frauen, die sich nach Anweisung der Künstlers in Farbe gewälzt hatten, ihre Körperabdrucke hinterlassen haben.

Wir sind amüsiert, mehr aber auch nicht. Avantgarde und Konvention prallten vor vierzig Jahren viel schärfer aufeinander, als es heute der Fall sein kann. Diese Vorstellung wird im ZKM durch die Präsentation der alten Videos auf damals aktuellen Fernsehgeräten unterstützt. So begegnen wir in dem Tape „Publikum als Exponat“ von 1969 dem ZKMChef Peter Weibel als jungem Medienkünstler in Jeans und Pullover, der jene Besucher interviewt, die sich kurz darauf selbst auf Monitoren ausgestellt sehen. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen laufen auf einem TV-Gerät in einem hölzernen Fernsehschrank mit zuklappbaren Türen – Sinnbild bürgerlicher Behaglichkeit.

Während wir heute in der Bilder- und Filmflut zu ersticken drohen, wurde vor vierzig Jahren das teure Material nur dann benutzt, wenn klar war, was man wie aufnehmen wollte, schließlich kosteten 60 Minuten Bandmaterial etwa 140 Mark. So wusste Ernst Mitzka bestimmt genau, was er tat, als er 1969 den 20er-Jahre-Star Valeska Gert filmte. Sie grimassiert vor statischer Kamera; das Video „Das Baby, der Tod“ ist bislang nur in privatem Kreis gezeigt worden. Solche Fundstücke, aber auch die Video-Dokumentation der Documenta 5 oder unbekannte Tapes von Urs Lüthi und Ulrike Rosenbach zeigen, dass es sich lohnt, die Pionierzeit der Videokunst zu erforschen.

Es kann auch nicht schaden, sich vor Augen zu führen, dass das erste mobile Aufnahmegerät, der Portapack von Sony aus dem Jahr 1967, beinahe sechs Kilogramm schwer war. Da haben wir es mit dem Videohandy leichter. Schwerer fällt heute dagegen die Auswahl aus Hunderten von Schnappschüssen, jene Auswahl, die wir bewahren wollen vor dem immer schnelleren Zerfall der Speichermedien.

ZKM Karlsruhe, bis 6. Sept. Infos: www.zkm.de. Danach Stationen im Ludwig-Forum Aachen, Kunsthaus Dresden und Edith-Ruß-Haus für Medienkunst Oldenburg

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