Villa Grisebach : Gehen, stehen, stolpern

Der belgische Spurensucher Francis Alÿs: eine große Überblicksschau in der Villa Grisebach Gallery. Der Künstler sammelt auf Schritt und Tritt absurde Eindrücke.

Daniel Völzke
Francis
Auftragsarbeit: Aus einer winzigen Vorlage schuf ein mexikanischer Schildermaler Bilder für Alÿs. -Foto: Villa Grisebach Gallery

Im Gehen lacht es sich offenbar besser. Früher gab es ein eigenes Witzgenre, bei dem sich die Pointe stets mit einem „Kam ein Wanderer des Weges ...“ ankündigte. Der Passant sieht Bäume, die Eingesessenen vor lauter Wald nicht mehr auffallen. Und er darf sich Kommentare erlauben. Vielleicht brauchte es auch erst den Blick eines Fremden, um die hübsche und verräterische Symbolik in einem Schauspiel zu erkennen, das sich an heißen Tagen auf dem Zócalo abspielt, dem größten Platz im historischen Zentrum von Mexiko-Stadt.

Ein monströser Fahnenmast samt mexikanischer Riesenflagge ist der einzige Schattenspender in der Mitte des Platzes. Da stehen dann die hier aus irgendwelchen Gründen Wartenden aufgereiht im Schatten des Mastes, als würden sie einer Zeremonie folgen. Als wäre dieser Nebeneffekt von einem fürsorglichen, aber autoritären Staat bedacht worden.

Der belgische Künstler und studierte Architekt Francis Alÿs ist vor zwanzig Jahren nach Mexiko-Stadt gekommen, um nach dem verheerenden Erdbeben von 1985 Aufbauarbeit zu leisten. Er ist geblieben und verschrieb sich der Megacity als Künstler, der die Stadt in immer neuen Anläufen kartografiert, einfängt, entdeckt.

Den Zócalo etwa hat Alÿs sechs Monate lang an verschiedenen Tagen im Weitwinkel und aus der Vogelperspektive aufgenommen. Die daraus entstandene Fotoserie „Sunpath, Mexico City“ kann man nun zusammen mit anderen Alÿs-Arbeiten aus dem Privatbesitz mehrerer Sammler in einer Ausstellung sehen, mit der die Galerie der Villa Grisebach die Herbstsaison einläutet.

Fragt man den 1959 geborenen Francis Alÿs, in welchem Medium er arbeitet, so antwortet er: im Gehen. „Das ist mein modus operandi.“ Dinge wie den Flaggenschatten entdeckt man wohl nur beim interesselosen Schlendern. Was für Charles Baudelaire und Walter Benjamin das Flanieren in Paris war, ist für den Belgier das weiter gefasste Gehen in der noch größeren, noch unübersichtlicheren Stadt Mexiko. Gehen als künstlerische Praxis, Gehen als Arbeit, Gehen als „paseo“, als Spaziergang. Im Gehen zeigt sich das Zielstrebige genauso wie das Zufällige, das Angenehme wie der Zwang, das Miteinander und die Einsamkeit; die hier präsentierten Fotografien, Installationen, Zeichnungen, Öl- und Enkaustikbilder offenbaren überraschend viele Dimensionen dieser Fortbewegungsart.

Die Diaserie „Ambulantes“ etwa zeigt fliegende Händler, die in ameisenhafter Emsigkeit auf Einkaufs-, Kinder- oder Bollerwagen, Sackkarren und Fahrrädern allerlei Dinge transportieren: Kisten und Kästen, Tonnen und Kannen und sogar Kakteen. Halbe Haushalte und ganze Imbissstände schieben diese Stadtnomaden von A nach B und weiter nach C. Hier wird das Gehen Sinnbild für das beladene Leben schlechthin. Und für die moderne Stadt, in der öffentlicher Raum nicht mehr ist als „eine Funktion der Fortbewegung“, wie sie der Stadtforscher und Soziologe Richard Sennett beschreibt.

Francis Alÿs hat das Prinzip erkannt und bewegt sich mit, um besser sehen zu können. Wie einer seiner hier ausgestellten magnetischen Blechhunde, die beim Gassigehen metallischen Schrott anziehen, sammelt der Künstler Eindrücke. Und hinterlässt Spuren: Auf dem mit Tempera bearbeiteten Fotografien der Serie „Fairy Tales“ sieht man einen Spaziergänger, dessen Wollpullover sich beim Laufen aufräufelt. Auch das ist Gehen: Abrieb und sich abwickelnde Zeit.

Auch wenn die Schritt-und-Tritt-Metaphorik bei Francis Alÿs unerschöpflich zu sein scheint, freut man sich doch über die Arbeiten, in denen Bewegung lediglich auf formaler Ebene stattfindet. Wie in den Gemälden des „Sign Painting Projects“ – eine Art „Lieber Maler, male mir!“ auf mexikanisch: Alÿs ließ eigene Ölminiaturen von traditionellen Schildermalern, „Rotulistas“, in größere Formate kopieren; hier kann man Vorlage und Auftragsausführung zusammen betrachten. Das Surreale der Motive – Schuhe unter Teppichkanten, Stöcke balancierende Hände über dem Tisch – wird verstärkt durch die handwerkliche Genauigkeit der Auftragsausführung. Die Maler dichten auch einfach das eine oder andere Detail hinzu. Das Dargestellte erhält so eine zusätzliche Dringlichkeit, die die Bilder weiter verrätselt (Preise um 240 000 Euro).

Ähnliches gilt für die Zeichnungen auf Transparentpapier, die zwar skizzenhaft und ungelenk wirken, doch präsentiert werden wie kostbare Fundstücke eines peniblen Stadtarchäologen: Sie bestehen häufig aus mehreren zerrissenen Fetzen, die mit Klebeband wieder sorgsam aneinander geheftet sind. Was darauf abgebildet ist? Gehende Menschen (Preise der Zeichnungen zwischen 23 000 und 55 000 Euro, weitere Preise auf Anfrage).

Villa Grisebach Gallery, Fasanenstraße 25; bis 17. November, Dienstag bis Sonnabend von 10–18 Uhr.

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