Ausstellungen : Vom Rand an die Spitze

Grisebach, Bassenge, Lempertz: Die Frühjahrsauktionen für Fotografie überraschen mit Außenseitern.

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Bild im Bild. Thomas Struths „San Zaccaria“ brachte in der Villa Grisebach eine Summe knapp unter der Schätzung. Foto: Grisebach
Bild im Bild. Thomas Struths „San Zaccaria“ brachte in der Villa Grisebach eine Summe knapp unter der Schätzung. Foto: Grisebach

Im all over der Fresko-Figuren geht die Hauptattraktion fast unter. Thomas Struths Fotografie „San Zaccaria, Venedig“ stellt Giovanni Bellinis „Sacra Conversazione“ ins Zentrum und entrückt das berühmte Altarbild. In dem austarierten Großformat tauchen die Besucher erst allmählich auf, und mit einer gezielten Bewegungsunschärfe verleiht Struth der Szene ihre zeitlose Aktualität. Fotokunst im allerbesten Sinne. Weshalb die Villa Grisebach die 1995 entstandene Arbeit des Protagonisten der Becher-Schule denn auch im Rahmen ihrer exklusiven Abendauktion versteigerte. Mit einem Zuschlag von 140 000 Euro zwar knapp unter der Erwartung, dennoch ein seltener Preis auf dem deutschen Fotoauktionsmarkt.

Trotz des weltweiten Booms fristet das Marktsegment hier nach wie vor ein stiefmütterliches Dasein. Dabei hat gerade die Düsseldorfer Fotoschule den Siegeszug der Fotokunst wesentlich mitbegründet.

An der Spitze einmal mehr Andreas Gursky, dessen „Rhein II“ im Herbst 2011 bei Christie’s mit über 4,3 Millionen Dollar zum teuersten Foto avancierte. Eine Summe, die der hiesige Auktionsmarkt im ganzen Jahr und landauf, landab für die Fotografie gerade mal als Gesamtvolumen erreichen dürfte. Kreisen doch die Umsätze meist um maximal mittlere sechsstellige Beträge pro Saison und Auktionshaus. Um so bemerkenswerter die Frühjahrssaison in der Villa Grisebach. Denn auch ohne Struths Glanzlicht hatte die tags zuvor abgehaltene Fotografieauktion ein Ergebnis eingefahren wie nie zuvor. Zu den 756 000 Euro (inklusive Aufgeld) kräftig beigetragen hat Peter Beards Elefantenbulle. 8000 Euro lautete die Mindesttaxe für die Nahaufnahme aus dem kenianischen Nationalpark „Tsavo North“. Das Close-up von 1965 hat der amerikanische Wildlife-Fotograf in den 90er Jahren mit einem Zitat William Faulkners sowie einem historischen Foto des Ehepaars Blixen in Tsavo collagiert. Trotz des späteren Abzugs fiel der Hammer erst bei 62 000 Euro. Bei den Klassikern begeisterte Yvas Anfang der 30er Jahre kühl sinnliche „Dame bei der Lektüre der Rennsport-Zeitung“ (Taxe 4000 Euro). Für den Privatmann am Telefon der Grisebach-US-Repräsentantin fiel der Hammer erst bei 16 500 Euro. Womit Yva ein Picasso-Porträt von Man Ray oder ein von Alfred Stieglitz aufgenommenes Bildnis der Fotografin Dorothy Norman leicht überrunden konnte.

Die größte Überraschung bot eine Außenseiter-Suite. Mit Schätzungen ab 300 Euro sorgte das Konvolut anonymer Architekturaufnahmen von Ludwig Mies van der Rohe für spektakuläre Ausreißer. Schon das erste Los stellte die Erwartungen für die 14 Fotografien in den Schatten: 19 000 Euro für ein Modell der Weißenhof-Siedlung von 1927. Der Inbegriff des modernen Bauens war für den Architekten Eduard Ludwig, in dessen Sammlung sich das Konvolut einst befand, der Barcelona-Pavillon. Ähnlich muss es der Italiener sehen, der die neun Vintages der Inkunabel ersteigerte. Fast jeder stieg über die Taxe (1500–2500 Euro), und ein Interieur kletterte auf sagenhafte 52 000 Euro.

Bei vergleichsweise bescheidenem Status quo bleibt die Fotografie ein Sammelgebiet mit Überraschungen, Entdeckungen und Zuwachsraten. Eingedenk der Zeitgenossen, die in die Kunstauktionen eingestreut waren, hat die Fotografie bei Grisebach die Millionengrenze überschritten. Thomas Demands „Detail VII“ – eine Variation des „Badezimmers“, mit dem ihm 1997 der künstlerische Durchbruch gelang – spielte hier mit Aufgeld 48 800 Euro ein. Im Kölner Kunsthaus Lempertz setzte sich eine „Spüle“ des Fotostars mit 51 240 Euro an die Spitze des Angebots. Auch sie offeriert in der Sektion Zeitgenössische Kunst, die mit 15 Losen ein Drittel des Umsatzes von rund 409 000 Euro erzielte. Die separate Fotografie-Auktion musste sich mit 270 000 Euro bescheiden.

Ähnlich verhält es sich bei Bassenge in Berlin, wo die historische Fotografie Zuspruch erfuhr. Das höchste Gebot war allerdings bei 6400 Euro für eine russische Collage von 1929 erreicht. So bleibt spannend, ob das Grisebach-Ergebnis eine Ausnahme war oder den hiesigen Fotografiemarkt doch beflügelt.

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