Weltkriegs-Ausstellung : Blutiger Karneval

Der Tod und das Sterben kamen zu eigener Poesie. Eine Ausstellung in Rheinsberg über Künstler im Ersten Weltkrieg

Martina Scheffler
Weltkrieg
Apocalypse Now. Schützengraben im Oberelsass. -Foto: Hans Hildenbrand/Wallstein Verlag

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.“ Sagte 1917 US-Senator Hiram Johnson. Nie zuvor wurde Propaganda so systematisch eingesetzt wie im Ersten Weltkrieg, und nie zuvor war die Begeisterung in der Bevölkerung auf beiden Seiten so groß. Zum Picknick nach Paris wollten die Deutschen, nach Berlin die Franzosen, und eine ganze Generation sah ihre Bestimmung darin, fürs Vaterland zu kämpfen und notfalls zu sterben.

Der Tod und das Sterben kamen zu eigener Poesie, indem Schriftsteller den Krieg für sich entdeckten, ob sie ihn nun nationalistisch verherrlichten oder, mit fortschreitender Dauer, verdammten. Der Erste Weltkrieg wurde ein Ereignis auch der Literatur. Die Wirkung dieser Poesie hält bis heute an – so ist das Museum zur Geschichte des Krieges im flämischen Ypern nach einem Gedicht dieser Zeit benannt, „In Flanders Fields“, geschrieben von einem ansonsten nicht als Dichter hervorgetretenen Kanadier.

In der deutschen Öffentlichkeit stand die Mehrzahl der Intellektuellen 1914 auf dem Standpunkt, Deutschland kämpfe für eine gerechte Sache. Viele verspürten eine geradezu kathartische Wirkung nach dem langen Frieden von 43 Jahren. Im September 1914 veröffentlichten 93 Dichter und Denker ein Manifest, das sich an die Kriegsgegner wandte und in dem sie deren Behauptungen von deutschen Massakern in Belgien zurückwiesen, mit der Begründung, Deutschland sei eine Kulturnation: „Glaubt, dass wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle.“

Bereits zu jenem Zeitpunkt war klar: Die Wahrheit war Opfer des Krieges geworden, auch die Intellektuellen mochten insgeheim anders denken, als sie es öffentlich äußerten. Briefe und Tagebücher geben Zeugnis davon. Für die Ausstellung im Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum Rheinsberg und das Begleitbuch „Endzeit Europa“ hat Peter Walther unzählige private Schriftstücke von Schriftstellern und Künstlern aus der Zeit von 1913 bis 1919 zusammengetragen.

Darunter findet sich Thomas Mann, der, ganz dem Zeitgeist verpflichtet, 1914 seine patriotischen „Gedanken zum Kriege“ veröffentlichte. An seinen Bruder Heinrich schreibt er am 7. August 1914, vier Tage nach dem deutschen Einmarsch in Belgien: „Muß man nicht dankbar sein, für das vollkommen Unerwartete, so große Dinge erleben zu dürfen?“ Hugo von Hofmannsthal schreibt über die Einberufung, „daß wir alle hier … mit einer Entschlossenheit, ja einer Freude hineingehen, wie ich sie nie erlebt habe …“. Und Gerhart Hauptmann vertraut seinem Tagebuch an: „Jede friedliche Arbeit und Bestrebung erscheint in diesem Augenblick entwertet, eine schale Spielerei.“

Die Ernüchterung kommt schnell: „Schon beginnen ein paar Menschenleben wertlos zu werden“, schreibt Ernst Stadler bereits am 4. August. In Käthe Kollwitz' Tagebuch findet sich am 30. Oktober der lapidare Eintrag: „Ihr Sohn ist gefallen.“ Für die Künstlerin war dies der Beginn der Hinwendung zum Pazifismus. Doch noch siegen die Feldgrauen, noch träumt Harry Graf Kessler von einer Angliederung Belgiens und Luxemburgs und einer monarchischen Personalunion mit Polen. Und Thomas Mann ist 1915 noch überzeugt, „daß alles historische Recht … bei Deutschland ist“.

Dann kommen Verdun, die Somme, die Materialschlachten und die Einsicht. „Bin des ,Krieges’ überaus müde, bin tief zur Weichheit, zum Frieden, selbst zur Reue geneigt“, bekennt Thomas Mann 1916. Der Maler Ernst Ludwig Kirchner sieht alles als „blutigen Karneval“. Im November 1917 schreibt Oskar Kokoschka: „Am liebsten möchte ich schon tot sein, um nur einmal Ruhe zu haben.“ Das Ende kündigt sich an, aber es zieht sich quälend lange hin. Als die Niederlage unausweichlich, die Bedingungen diktiert sind, fürchtet Thomas Mann, „die Kraft des Deutschtums ist auf immer gebrochen“.

Der Chor der unverfälschten Stimmen zeichnet ein eindrucksvolles Bild des Krieges. Die Schwankungen in den Urteilen, bedingt durch eigene und kollektive Erlebnisse, erlauben einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt der Künstler. Ohne Vorwissen sowohl über die historischen Hintergründe als auch über die Autoren selbst – knappe Informationen hält der Band immerhin bereit –, liefert die Lektüre indessen nicht den vollen Ertrag.

Dafür enthalten Ausstellung und Buch eine Überraschung: Die einzigen Farbfotos, die auf deutscher Seite gemacht wurden, von den Kriegsschauplätzen im Elsass und in den Vogesen, vom zerstörten Verdun, von baumlosen, zerschossenen Bergkuppen und dem dennoch blühenden Mohn, sind bis heute in den westlichen Ländern Symbol für diesen Krieg. In Deutschland ist die Erinnerung an ihn weit weniger präsent. „Endzeit Europa“ macht ihn durch die Brille der Dichter und Künstler erneut gegenwärtig.

Schloss Rheinsberg, bis 8. Feb. – Peter Walther (Hrsg.), „Endzeit Europa“, Wallstein Verlag, Göttingen, 431 S., 29,90 €.

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