Werkschau im Gropius-Bau : Herlinde Koelbl: Ins Blitzlicht gerückt

Die große Fotografin Herlinde Koelbl zeigt im Berliner Martin-Gropius-Bau ihre erste Werkschau.

Kai Müller
Ausstellung: Herlinde Koelbl
Vorher/nachher. Angela Merkel.Foto: ddp

Als ihr Mitte der siebziger Jahre ein paar Kleinbildfilme geschenkt wurden und sie ihre Kinder beim Seilspringen und Klettern fotografierte, schon da sah sie mehr als nur Kinder. Herlinde Koelbl entdeckte eigenwillige Persönlichkeiten, unverdorben und unberührt vom Terror der Norm, dem sie in Schule, Studium und Beruf ausgesetzt sein würden. Das ließ die vierfache Mutter nicht mehr los. Sie zeigte Talent im Umgang mit der Kamera.

Heute ist die 69-jährige Herlinde Koelbl, der nun erstmals eine umfassende Werkschau gewidmet wird, eine der wichtigsten Porträtfotografinnen der Gegenwart. Dass es etwas hinter den Maskeraden und Gesten gibt, das der Fotoapparat besser sieht als das menschliche Auge, lässt sie immer wieder Fährte aufnehmen. Es ist eine lange und oft gewundene Spur. Ob Koelbl Politiker, Soldaten, Aussteiger, Schriftsteller oder eben Kinder fotografiert, stets versucht sie, das Bild hinter dem Bild aufzuspüren, den Charakter der Person freizulegen – kaum jemand ist so gut darin wie sie.

Als die energische Frau mit dem roten Lockenschopf am Donnerstag die mit 400 Bildern bestückte Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau vorstellt, erzählt sie, wie ihre jüdischen Porträts aus den achtziger Jahren zum Schlüsselerlebnis wurden. Koelbl hat der Serie einen großen, abgedunkelten Raum gewidmet. Es habe sie tief bewegt, sagt sie, Menschen zu treffen, die ihre Familie im KZ verloren hatten und allen Grund gehabt hätten, Hass zu empfinden. Doch sie hatten ihre Bitterkeit in Lebensklugheit verwandelt.

Wie der Nazi-Jäger Simon Wiesenthal, der Koelbl sehr wohl zu verstehen gab, dass er es mit alten Männern zu tun hatte, die nur noch in Ruhe sterben wollten, er sie aber nicht ließ. „Wer an so einem Verbrechen teilgenommen hat, kann nicht in Ruhe sterben.“ Für die Menschenentdeckerin Koelbl dürfte diese Erfahrung einer sich in Physiognomie und Denken unverhüllt widerspiegelnden Haltung zum Maßstab ihrer Arbeit geworden sein.

Auf Texttafeln ist neben den Porträts von George Tabori, Norbert Elias, Hans Sahl, Erika Landau und anderen nachzulesen, wie diese mit der Erfahrung des Holocausts weiterleben, mit dem Schmerz und der Scham, überlebt zu haben. Dass die Fotografin sich mit ihrem Gegenüber unterhält und intensive Interviews führt, hat bei Koelbl Methode. Oft sprengt sie den fotografischen Rahmen, um die geistige Dimension der Begegnung einzufangen. Schon bei ihrem ersten Projekt über das deutsche Wohnzimmer ging die Bauerntochter Koelbl so vor. Sie hielt die Gespräche mit denen fest, die sie in ihren ländlichen Stuben, in der Fabrikanten-Villa oder im Einfamilienhaus aufsuchte.

Damals erklärte man die Autodidaktin aus München für verrückt, die für ihre Idee, die Privaträume von ganz normalen Menschen zu fotografieren, einen Verlag suchte. Zu banal, hieß es. Warum sollten sich die Leute für etwas interessieren, das sie doch selbst zu Hause hatten? Koelbl hatte sich noch keinen Namen gemacht, auch die Leute auf den Bildern kannte niemand. Doch sie blieb stur – eine ihrer hervorstechendsten Eigenschaften –, und als 1980 ihr Bildband über „Das deutsche Wohnzimmer“ erschien, fügte er sich nahtlos ein in die lange Reihe der Versuche von August Sander bis Stefan Moses, die Deutschen, dieses sich selbst rätselhafte Volk zu begreifen.

Auch in Schlafzimmer sollte Koelbl später noch vordringen. Aber was wie eine Fortsetzung wirken mag, ist eine Vertiefung. Nicht mehr nur um Wohnen geht es und um die Grammatik der Dinge, mit denen sich ein Mensch ausdrückt, indem er sie sich mit ihnen umgibt. Sondern um Geborgenheit. Der Blick auf Bett und Schlaflager offenbart, wie viel Schutz ein Mensch eigentlich hat.

Dass sich Herlinde Koelbl ihre fotografischen Fertigkeiten selbst beibrachte und mit vierzig nicht mehr begann, sich an Vorbildern zu orientieren, hat sie von Anfang an zu einer Außenseiterin gemacht. Zwar arbeitet sie bereits seit 1976 für den „Stern“, später für „Die Zeit“ und die „New York Times“, aber ihre journalistischen Aufträge finanzieren ihr vor allem aufwändige Langzeitbeobachtungen.

Selten nutzt sie das Mittel der Reportage, um eine Fragestellung zu klären. Ihre Studie „Feine Leute“ ist da scheinbar eine Ausnahme. Auch weil sich die Klientel auf den Opernbällen, Schlossfesten und Empfängen nicht dem Blick der Kamera öffnet. Nicht einmal Bereitschaft dazu zeigt. So greift die Fotografin zu einem anderen Mittel der Demaskierung: die Überzeichnung. Die im Blitzlicht gefrorenen Gesten der High Society, das Funkeln der Diamanten und geschminkten Lippen demonstriert, wie wenig fein und feinsinnig es in den höheren Kreisen zugeht. Die allgemeine Geziertheit kann das Rüpelhafte nicht kaschieren. Wie viel schief geht, wenn Menschen aufeinander zugehen!

Es ist typisch für Koelbl-Bilder, dass die Porträtierten ihre Reserviertheit aufgeben. Sie zeigen sich frontal, oft nackt, wenngleich selten bloßgestellt. Vielmehr vermittelt der auf sich selbst zurückgeworfene Körper Kraft und Lebensfreude, auch und gerade da, wo er verwelkt.Wie sie das schafft, dass sich ihr auch die ausgebufftesten Medienprofis öffnen, ist in einem Film zu erfahren, den Koelbl 2003 über Benjamin von Stuckrad-Barre drehte. Mit einfachen, effektiven Mitteln bringt sie den Autor dazu, über seine Drogen- und Essprobleme, über sich selbst zu reden, darüber, was nach Jahren des Exzesses von ihm übrig geblieben ist. Ähnlich dürfte Koelbl bei ihren Begegnungen mit Spitzenpolitikern wie Gerhard Schröder, Joschka Fischer oder Angela Merkel vorgegangen sein, um die „Spuren der Macht“ aus ihren Gesichtern und Posen herauszulesen.

Die 1991 begonnene und im Falle Merkels wohl nicht abgeschlossene Arbeit zählt zu ihren Meisterleistungen. Trotz der ungewöhnlichen seriellen Strenge ist es ein zentrales Werk. Immer geht es bei Koelbl um Macht und Autorität. Und die Tatsache, dass beides vergänglich ist.

Herlinde Koelbl, Fotografien 1976- 2009, Martin-Gropius-Bau, bis 1. November, tägl. 10 - 20 Uhr, Katalog, Steidl Verlag, 288 Seiten, 28 Euro.

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