Wetter-Ausstellung : Wir geben uns die Kugel

Klima-Krimi: In der Dresdner Ausstellung über unser Wetter schnappt die moralische Falle zu. Jeder redet vom Wetter, keiner tut etwas dagegen.

Thomas Lackmann

Das Firmanent wölbt sich strahlend. Vor solch einer Kulisse erscheinen banale Details in hoffnungsvollem Licht: Babys, Zwerge, ein Papagei, ein Werbe-Elefant, eine Hexe, die Heilige Familie, Lady Liberty, der Janoschbär, das Brandenburger Tor, Fußballer, Weihnachtsmann, der Gekreuzigte samt Mutter und Lieblingsjünger, ein Hochzeitspaar, ein fiedelnder Landstreicher. Unter diesen blauen Himmeln wird bestimmt alles gut. Trotzdem muss die weltgrößte Schneekugelsammlung alle drei Monate gerüttelt werden: damit ihr Kunstschnee nicht verklumpt. In Dresden, wo das Hygiene-Museum derzeit eine Auswahl der 7819 Mini-Glasstürze präsentiert, dürfen die Besucher an der Aufhängung drehen – für einen seligen Moment wird's weiße Weihnacht. So schön wäre die Welt, wenn man uns Witterung machen ließe, wie wir sie erträumen!

„2° Das Wetter, der Mensch und sein Klima“ heißt die Ausstellung des Museums, das sich bereits erfolgreich anderen existentiellen Themen widmete: der Gesundheit, dem Tod, dem Schlaf, dem Glück. Phänome zwischen Natur- und Kulturwissenschaft die oft nur ex negativo zugänglich sind. Auch beim Wetter, das erst durch die Sorge um Einbußen der Lebensqualität Beachtung erfährt, handelt es sich um ein Hintergrund-Mysterium. Ein Kosmos an Liedern und Kunstwerken rund um Donner, Blitz und Sonnenschein könnte illustrieren, was atmosphärische vibrations dem Zwerg auf der Erdkruste bedeuten: Fast so intim wie seine Haut verbinden sie ihn mit der Umgebung.

Jeder rede vom Wetter, keiner tue was dagegen, spottete Mark Twain; das Hygiene-Museum zeigt einen Brief Nietzsches, in dem der Wetterfühlige 1881 fragt, wie man sich davor schützen solle, worauf er etwas übertrieben feststellt: „Besser sich ganz aufhängen!“ Die Kuratorin Petra Lutz wiederum unterstreicht die sonnigen Begleitumstände aller Zukunfts-Visionen: „Bei utopischen Gesellschaftsentwürfen denkt man das gute Wetter automatisch mit!“ Wir tragikomischen Wetterwichte! Doch Dresdens Ausstellungsmacher geben dieser spannenden Erzählung von der alltäglichen Einbindung des Individuums in seine Atmosphären wenig Raum. Im Zentrum ihres Interesses steht tagespolitische Brisanz. Die apokalyptischen „2°“ im Titel plakatieren den moralischen thrill.

Niemand wird künftig behaupten dürfen, es nicht gewusst zu haben. Zur Eröffnung sitzt Helmut Graßl auf dem Podium. Der Forscher findet in der Ausstellung seine seit 13 Jahren bekannten Erkenntnisse zum anthropogenen Klimawandel. Derzeit verbessere sich allerdings die Akzeptanz dieser Informationen. Bayerns Staatsregierung habe ihn als Chefberater geholt! Die Öffentlichkeit realisiere, dass bis zum Jahrhundertende 30 Prozent der vorhandenen Arten aussterben werden: Dabei liege die kritische Grenze zum Stopp des dramatischen Treibhauseffektes samt Meeresanstieg zwischen 1,5 und 3 Grad Celsius Temperaturerhöhung. Die politisch avisierte Zwei-Grad-Marge fixiert einen Mittelwert. Dass hierzulande vor 18 000 Jahren, bei nur viereinhalb Durchschnitts-Grad weniger, die Tundra blühte, erwähnt Graßl so nonchalant wie den Ausblick auf eine Evolution angepasster neuer Arten – im Rahmen von Millionen Jahren. Den Ablasshandel transnationaler Emmissionstauschgeschäfte verteidigt er als Bewusstseins-Fortschritt: Erstmals werde für bislang verschenkte Ressourcen wenigstens ein Preis gezahlt!

Lakonischer Experten-Ton, alarmistische Fakten. Museumsdirektor Klaus Vogel hofft, weder den Überdruß am medialen Hype zu bedienen noch jene Sensations-Ästhetik, mit der Al Gores Öko-Doku zur Zeit für die Mailänder Scala aufbereitet wird. Der Krimi läuft, die Mittäter sind wir. Ein Katalogband ergänzt das Spektrum der Tatorte. Martin von Crevelds militärhistorischer Essay gipfelt in der Pointe, überirdische Atomexplosionen mit kleiner Strahl- und maximaler Sprengkraft könnten durch Staub- und Rußpartikel den nuklearen Winter rettend herbeibomben, Erwärmung ade!

Der freundlichste, dämmerungsblaue, erste Ausstellungsraum (Thema: „Die Macht der Atmosphäre“) konfrontiert mit Installationen zur Omipotenz des Wettergottes: abgeschliffene Findlinge aus der Eiszeit, genannt Windkanter; ein zerdetschter Fiat Lupo, Sturmschaden vom 1. März; ein Schädel des ausgestorbenen Euro-Flusspferds; eine vom Blitz zerhauene Eiche; der 1718 gemeißelte Windgott am Dresdner Zwinger mit Pustebacken. Das Wetter: unser Schicksal.

Doch mit den folgenden Themen-Sälen („Beobachten und Berechnen“, „Abwehr und Anpassung“, „Wetter machen“) wandelt sich der Darstellungsstil. Das Erleben weicht aufgeklärt-technischer Didaktik. Das Licht wird greller, trotz grüner Neon-Wölkchen. Ein Bildungs-Parcours durch Apparate, Gestänge, Erläuterungen, Weltkarten, Diagramme. Bodenthermomether, historische Elektrisiermaschinen. Dazwischen Baumscheiben und das zentralasiatische Steppenhuhn, ein Go-West-Migrant und Signalgeber des Klimawandels. Ein Stromkabel von Dresdner Nachbarschaftshilfe Anno 2002: „Die Flut zerstörte und schuf neue Verbindungen.“ Das danksagende Andachtsbild eines vom Blitz verschonten Hauses (1859), daneben das moderne Pendant – die Versicherungstabelle.

Und Bildschirme. 112 HD-Player. 90 Monitore. Sechs Mini-PCs. Zwei PCs. Publikumsüberdruss am Klima-Hype wird so kaum reduziert. Ökologisch betrachtet verusachen die Stromfresserchen in einer Stunde nicht mehr Kohlendioxid-Ausstoß als zehn Minuten Duschen bei 35 Grad (2,3 Kilo). Das Sündenregister liegt aus: ein 1000-Gramm-Steak = 13,3 Kilo Kohlendioxid. Hin / Rückflug nach New York: 4180 Kilo. Also: nie wieder Duschen? Das Schicksal sind wir. Die Moral-Falle schnappt zu.

Den seltsamsten Kontrast stellen asiatische und indianische Kultfiguren dar, die an Beschwörungen, Menschenopfer, Erntezauber erinnern. Ihre imposanten Genitalien verweisen auf den Kontext von Witterung und Fruchtbarkeit, ihr stoischer Blick geht ins Weite. Ihre überpersönliche Anmutung suggeriert zugleich die Projektion eines „Du“. Sie widerlegen unsere tabellarische Weltaneignung. Sie erlösen aus der Klimmzug-Einsamkeit jener Quoten, die den Verantwortungsweg zum Paradies der Vorsätze pflastern, sie behaupten Donner, Blitz, Sonnenschein als Botschaft von oben. Zu ihrer Ausstattung gehört der Schutzmantel Marias, den die Volksfrömmigkeit im blauen Himmelszelt erblickt. Tröstende Stimmungshelfer fürs Gut-Wetter-machen? Ham’wa nicht mehr. Hoffentlich wird in der Dresdner Metereologen-Schau, am Ende dieses Jahrhunderts, wenigstens die Mega-Schneekugel für Ulrich Wickert aufgebaut, der als postsäkularer Hohepriester des Eigentlichen alle News dieser Welt erleichternd abmoderiert: „Das Wetter!“ Lasset uns schütteln.

Dresden, Deutsches Hygiene-Museum, bis 19. April 2009. www.dhmd.de

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