Zadek-Ausstellung : Nacktheit und Ausbruch

Hommage in Bildern: Die Berliner Akademie der Künste zeigt Peter Zadeks „Menschentheater“.

Christoph Funke
Peer Gynt
Peter Zadeks Inszenierung von Henrik Ibsens "Peer Gynt" am Berliner Ensemble Theater am Schiffbauerdamm, 2004. -Foto: Gisela Scheidler

Regisseur sein, schreibt Peter Zadek im Vorwort zu seiner Biografie „My Way“, das „ist und war ein Privileg und zur selben Zeit eine Tortur. Immer für andere verantwortlich sein, immer anderen vorschlagen, was sie jetzt tun sollen, auch wenn man es selbst nicht richtig weiß, immer wieder andere anmachen, begeistern, verführen, denselben Way zu gehen, den ich gerade gewählt habe: herrlich, aufregend, spannend, nervend.“

Eine Ausstellung, die sich Peter Zadeks Theaterarbeit nähert, kann nur dann überzeugen, wenn sie selbst herrlich, aufregend, spannend, vielleicht auch nervend ist. Barbara Naujok versucht das in der Berliner Akademie der Künste unter dem schönen Titel „Peter Zadeks Menschentheater“. Eine „Hommage in Bildern“ – kann das gelingen? Auch der noch so sehr mit Fantasie gesättigten Ausstellung über Theater fehlt der Schauspieler, der sich den Zuschauern stellt, mit ihnen in einer Gesellschaft, einem Alltag lebt. In einem Interview, an dem auch Peter Stein beteiligt war, bekannte sich Zadek dazu, dass Theater ein Beispiel für Produktivität sein und damit auch eine Art von Produktivität bei den Zuschauern erzeugen könne. Dem nachzuspüren gelingt der Ausstellung, weil es ihr um Belege für den Prozess des Probierens und Suchens im Theater geht. Kein Zuschauer kann Proben so intensiv erleben wie der begleitende Fotograf. Die Ausstellung „zeigt“, wie eine Wahrheit auf der Bühne entsteht, eine Wirklichkeit geschaffen wird, die der Wirklichkeit des Alltags weit überlegen ist.

Theater als „notwendige, lebensnotwendige Mahlzeit“, wie es Zadek wollte, findet in der Ausstellung auf andere Art statt – mit allen Hilfsmitteln, die heute zur Verfügung stehen, um die lebendige Aufführung zurückzuholen. Der Ausstellungsbesucher ist gefordert, sich in der Begegnung mit Zadeks Inszenierungen seine Welt zu bauen, also zu ergänzen, weiterzutreiben, was an den Wänden und auf den Monitoren zu sehen ist.

Peter Zadek, 1926 in Berlin geboren, 1933 mit den Eltern nach London emigriert und 1958 nach Deutschland zurückgekehrt, machte seine ersten deutschen Inszenierungen in Köln, Ulm (unter der Intendanz des am 21. August verstorbenen Kurt Hübner) und in Hannover, später war er, um nur einige Stationen aufzuzählen, Regisseur und mehrfach auch Intendant in Bochum, Bremen, München, Stuttgart, Hamburg, Berlin, Wien, Paris. Das sind fast 50 Jahre Theaterarbeit – da werden auch fünf weite Räume eng. Information muss sein, um Zusammenhänge herzustellen wie im ersten Raum, und dann ist strenge, schmerzliche Auswahl gefordert.

Gerade deshalb beeindrucken die herausgehobenen, eigenständigen Schöpfungen der Fotografen. Sie kreisen um Zadeks Geschichte gewordene Aufführungen wie „Die Geisel“, „Hamlet“, „Othello“, „Lulu“ und die vielen Versuche mit „Was ihr wollt“, sie rufen die Tschechow- und Ibsen-Arbeiten ins Gedächtnis. Die Schauspieler Eva Mattes und Angela Winkler, Ulrich Wildgruber und Gert Voss, Susanne Lothar und Jutta Hoffmann zeigen sich neben vielen anderen auch in den ungeschützten Vorgängen der Näherung an Rollen und Figuren. Das hat Nacktheit zur Folge, Übersteigerung, Ausbruch – und erzählt viel über Zadeks einzigartige Fähigkeit, mit seinen Darstellern so zu arbeiten, dass Trennungen zwischen Regie und Schauspielkunst aufgehoben werden.

Die großformatigen, leuchtenden Fotos Gisela Scheidlers nehmen besonders gefangen, weil sie versuchen, eine Ästhetik des Werdens zu begründen. Man hätte sich diese Fotos, unter denen der stürzende Peer Gynt des Uwe Bohm (Berliner Ensemble 2004) in besonders aufregender Weise einem Augenblick Dauer gibt, als alles beherrschenden Mittelpunkt des „Menschentheaters“ gewünscht. Denn sie halten dem Anspruch stand, der Fotografie als Teil des theatralischen Produktionsprozesses eine neue Dimension zu erschließen.

Barbara Naujok muss aber auch dem Biografisch-Dokumentarischen Genüge tun, und so gibt es mannigfaltige Versuche, aus dem reichen fotografischen Material komplexe Anschauung zu zaubern oder in großen Überblicken einer Probenarbeit nachzuspüren, die weite geschichtliche und kulturgeschichtliche Räume einbezieht, so beim Hamburger „Wintermärchen“ (1978). Und doch, die theatergeschichtliche Leistung Peter Zadeks kann nur angerissen werden. Monitore sind aufgebaut, die Ausschnitte aus Inszenierungen zeigen, man muss Zeit haben, sich zu versenken, sich selbst herauszusuchen, wo das Verweilen lohnt. Dazu lädt auch ein anspruchsvolles Programm ein, das die Ausstellung vom 26. August bis 21. Oktober begleitet. Filme, Lesungen, Gespräche wechseln sich ab, unter den Aufführungen, die in Gänze als Fernsehaufzeichnungen zu sehen sind, befinden sich „Die Möwe“ (Bochum 1974), „Baumeister Solness“ (München 1084), „Ghetto“ (Freie Volksbühne Berlin 1985, „Der Kaufmann von Venedig“ (Wien 1990) „Ivanov“ (Wien 1992). Einen Katalog gibt es leider nicht.

„Sehnsucht war immer schon mein Thema.“ Noch einmal Peter Zadek, im Vorwort zur Dokumentation seiner „Lulu“-Inszenierung in Hamburg. Das Beste, was man von der Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste sagen kann, ist, dass sie Sehnsucht hervorruft nach einem Theater, das Menschen bewegt, ohne sie zu überreden, zu überrumpeln, zu erziehen.

Akademie der Künste, Pariser Platz 4, bis 21. Oktober, dienstags bis sonntags 11–20 Uhr. Eröffnung heute um 18 Uhr. Peter Zadek selbst kann aus gesundheitlichen Gründen leider nicht anwesend sein.

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