Zeitgenössische Kunst : Migration: Leben ist Wandern

Bunte Punkte im Plastikmeer: Kunst als Ritual der Erinnerung. Die ifa-Galerie Berlin zeigt das Beste von der Kunstbiennale im afrikanischen Dakar.

Kolja Reichert
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Nachtstück. Abdoulaye Amin Kanes sechsminütige Videoarbeit »Yaatal Kadou oder das Ereignis« war 2008 in Dakar zu sehen. -Foto: Ifa-Galerie

Omar und Mamadou seien wohlbehalten in Spanien angekommen, berichtete der Kapitän. Erst später erfuhr die Familie der beiden von einem anderen Passagier die Wahrheit: Das Schiff strandete, die Brüder starben. Omar am Unfallort, Mamadou an den Folgen seines Traumas. In den Fotografien und Videos der niederländischen Künstlerin Judith Quax werden die persönlichen Schicksale ahnbar hinter den aktuellen Meldungen und Zahlen der an Europas Küsten Gestrandeten. Quax zeigt die leeren Zimmer der Flüchtlinge und kombiniert sie mit Berichten der Hinterbliebenen.

Auf der 8. Biennale zeitgenössischer afrikanischer Kunst, die 2008 in Dakar stattfand, war das Thema der Migration allgegenwärtig. Das Drama eines Kontinents, dem seine Jugend davonschwimmt, getrieben von einer „falschen Sehnsucht“, wie es der Berliner Künstler und Kurator Akinbode Akinbiyi nennt. Er hat Höhepunkte aus dem Biennale-Programm ausgewählt, die nun in der Ausstellung „Spot on: Dak’art“ in der ifaGalerie Berlin zu sehen sind. Es sind Werke aus einer Umgebung, in der die Kunst es sich gar nicht leisten kann, sich aus dem Alltag zurückzuziehen.

„In Afrika machen wir Kunst nicht für die Ästhetik“, sagt Pélagie Gbaguidi aus Benin, „sondern um uns mit den Vorfahren zu verbinden, mit Leben und Tod.“ Sie hat hunderte kleiner Papierschiffchen gefaltet, die auf dem Galerieboden verteilt liegen, manche durch Fäden verbunden. „Leben ist Migration“, sagt Gbaguidi und hebt das Flüchtlingsthema damit aus den aktuellen Katastrophen ins Allgemeine. Besonders beeindruckt dabei der Versöhnungswunsch anstelle möglicher Anklagen. Bunte Punkte, um eine Plastikfolie gestreut, bilden den „kollektiven Traum“, den jeder selbst füllen darf. Wenn die Künstlerin über ihre Arbeit spricht, ist ihre emotionale Betroffenheit direkt spürbar. Das Falten jedes einzelnen Boots sei ein Ritual gewesen, sagt Gbaguidi, die sich selbst als „Griot“ bezeichnet, eine Bewahrerin der Geschichte ihres Volkes. Kunstschaffen als kultische Handlung, das Kunstwerk als Totem, als Artefakt, um das soziale Rituale kreisen – trifft das nicht letztlich auf jedes Kunstwerk zu?

Die gezeigten Arbeiten, darunter auch zeitgenössisches Design, wollen sich gar nicht mit distinguierten ästhetischen Positionen messen. Die Einheit von Kunst und Leben muss hier nicht erst herbeigerufen werden, sie trifft direkt in den Magen. Wie der dumpfe Schlag, mit dem die Faust auf das schicke Leder von Johann van der Schijffs „Punch Bag“ prallt, der sich im einer Kinderrassel nachempfundenen Metallrahmen um sich selbst dreht, einem mal die weiße, mal die schwarze Seite zukehrend. Der Künstler, Dozent für Neue Medien an der Universität Kapstadt, ist in den sozialen Spannungen der Apartheid aufgewachsen, die sich in seinen an traditionelle Masken erinnernden Boxbällen auf spielerische Weise entladen. Eine Dämonenaustreibung, lustig und brutal zugleich. Skulptur als direkte körperliche Erfahrung.

Einen Schwerpunkt dieser viel zu kleinen Ausstellung bildet Videokunst. Achilleka Komguems „Prekäre Lage“ zeigt eine Verkehrskreuzung, auf der Busse, Motorräder, Lastkarren und Fußgänger fortwährend drohen ineinanderzuknallen. Das Einzige, was hier Kontrolle ausübt und für einen Rhythmus aus Bremsen und Beschleunigung sorgt, ist der Künstler selbst, der mit der Abspielgeschwindigkeit spielt. Eine Metapher nicht nur auf das Überleben durch Improvisation, sondern auch auf Selbstermächtigung durch Kunst.

Wer diese Ausstellung innerlich ungerührt verlässt, hat mindestens ein so dickes Fell wie die Kuhhaut-Torsi auf den Fotos von Nandipha Mntambo. Oder keine Haltung. Können nicht bitte mal die reichen Länder ihr verlogenes Spender-Selbstverständnis fallen lassen und stattdessen gleiche Spielbedingungen für alle schaffen? Pélagie Gbaguidis Schiffcheninstallation heißt „Bumerang“. Am Ende kommt alles zu einem zurück. Es ist trivial, aber praktisch wurde es offenbar immer noch nicht begriffen: Wir sitzen alle im selben Boot.

Bis 21. 6., ifa-Galerie, Linienstraße 139/140, Di-So 14-20 Uhr, Sa 12-20 Uhr

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